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Parallelwelten zwischen Aufbruch und Verzweiflung

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Von: Inge Günther

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Schnappschuss inmitten der Zerstörung: Selfie in einem Explosions-Krater, der laut der Polizei in Gaza von einem israelischen Luftangriff stammen soll.
Schnappschuss inmitten der Zerstörung: Selfie in einem Explosions-Krater, der laut der Polizei in Gaza von einem israelischen Luftangriff stammen soll. © MOHAMMED ABED/afp

Viele Palästinenser suchen den Weg zurück in die Normalität ? allen Ängsten vor einer neuen Eskalation am Gazastreifen zum Trotz. Doch vom letzten Krieg hat sich das abgeriegelte Küstengebiet längst noch nicht erholt.

Gesäumt und gefüttert hat er sie bereits, die vier leicht geschwungenen Stoffviertel aus blauem Tweed. Behände schiebt Abu Ahad die Stücke unter dem Nähmaschinenlauf aneinander und lässt die Nadel darüber sausen. Voilà, fertig ist die Jarmulke made in Gaza. Sie passt perfekt auf den vollgestopften Resteball, der als Kopfmodell dient. „Wir liefern Qualität“, sagt der 47-Jährige stolz, der schon im jugendlichen Alter ins Familiengeschäft eingestiegen ist.

„Nur kein Foto, bitte!“ Ihm und den beiden palästinensischen Angestellten reicht auch so, dass die neueste Produktlinie ihrer kleinen Schneiderei im Flüchtlingslager Schati eine Menge Wirbel ausgelöst hat. Seit einem Monat nähen sie im israelischen Auftrag jüdische Käppchen, auch Kippa genannt. In der Stadt Gaza kommt das nicht bei allen gut an. Auf Facebook gab es sogar böse Kommentare, warum man ausgerechnet religiöse Israelis, die doch bekannt seien für anti-arabische Ansichten, auch noch mit Jarmulkes versorge.

Abu Ahad kümmert das persönlich wenig, aber seinen vollen Namen möchte er trotzdem lieber nicht nennen. Mit den abgeschnittenen Fäden fegt er zugleich alle Einwände beiseite: „Ich verstehe mich auf akkurate Nähte und denke nicht noch zweimal darüber nach, ob ich nun ein T-Shirt oder eine Kippa fertige. Das ist eben unser Business.“ Eigentümer Mohammed Abu Schanab bemüht zu dessen Verteidigung gar Jesus und Moses, die im Islam als Propheten verehrt werden. Als guter Moslem habe er kein Problem mit christlichen und jüdischen Symbolen. In diesen harten Zeiten könnte sich seine Werkstatt auch gar nicht leisten, irgendeine Bestellung abzulehnen.

Früher gab es im Gazastreifen 150 Nähereien, fast jede beschäftigte an die 200 Arbeiter. Produziert wurde fast ausschließlich für den israelischen Markt. Bis 2006 die islamistische Hamas die palästinensischen Wahlen gewann und das florierende Geschäft infolge der verhängten Abriegelung den Bach runterging. Nur fünf dieser Firmen hielten sich über Wasser, mit fünf Prozent ihrer einstigen Kapazität. Die meisten der vierzig Nähmaschinen, die ehemals in der Fertigungshalle der Abu Schanabs ratterten, stapeln sich heute in der Garage. Geschneidert wird nur noch in einem verfallenden Schuppen. Verblichen wie die alten, eingelagerten Stoffballen ist auch das Arafat-Poster an der Wand.

Zwischen Aufbruchstimmung und Verzweiflung

Immerhin, seit 2015 erlaubt Israel wieder in beschränktem Umfang Exporte aus Gaza. Solange Aufträge und Rohmaterial reinkommen, gibt es Arbeit bei Abu Schanab. Mit seinen Billiglöhnen ist der palästinensische Küstenstreifen für einige israelische Händler nicht weniger attraktiv als China oder die Türkei. Aber oftmals steckt die Ware wochenlang am Grenzübergang in Kerem Schalom fest. Daran hängt auch das Geschäft mit den Käppchen, die der israelische Partner bereits nachbestellt hat. „Wenn Kerem Schalom offen ist, geht es aufwärts, wenn zu ist, sind wir erledigt“, meint Salah Abu Schanab, der 26-jährige Sohn des Hauses, ein gelernter Buchhalter. Er zuckt mit den Achseln. Nein, „eine rosige Zukunft“ sehe er nicht.

Wie viele Palästinenser in Gaza schwankt er zwischen Aufbruchsstimmung und Verzweiflung. Gaza befindet sich in einem beunruhigenden Schwebezustand, in dem das politische Pendel in letzter Zeit heftig in den Gefahrenbereich ausschlägt. Die nächste militärische Konfrontation zwischen Israel und der Hamas sei nur eine Frage der Zeit, heißt es allenthalben. Die Ernennung des militanten Hardliners Jehije Sinwar zum Hamas-Chef in Gaza habe solche Spekulationen enorm angeheizt. Salafistische Splittergruppen feuern seitdem wieder öfters Kassam-Raketen ins israelische Grenzgebiet – zum Glück landeten sie bislang auf offenem Feld. Israels Armee hat daraufhin mehrfach Hamas-Stellungen bombardiert. Unerwidert bleibt in diesem Konflikt gar nichts.

Auch gingen kürzlich in der hundert Meter breiten Pufferzone am Rande des Gazastreifens zwei versteckte Sprengsätze hoch, vermutlich, um israelische Soldaten zu verletzen. Die Hamas-Patrouillen, die in stillem Einvernehmen mit den Israelis verhindern sollen, dass gewöhnliche Palästinenser dieses Gebiet betreten, müssen die Bombenfallen entweder selbst gelegt oder ein Auge zugedrückt haben, als islamistische Extremisten sie dort vergruben. Gerüchte besagen, dass einige Kämpfer aus den Hamas-Reihen längst mit dem Ableger der Terrorgruppe IS im benachbarten Sinai sympathisierten, womöglich sogar in stillem Einvernehmen mit Sinwar, dem neuen berüchtigten Machthaber in Gaza. Skrupel jedenfalls kennt er nicht. Eigenhändig soll er palästinensische Kollaborateure umgebracht haben und saß dafür hinter israelischen Gittern, bis er durch einen Gefangenenaustausch frei kam. Sinwar hat auch danach oft genug bewaffnete Aktionen propagiert, um als Bellizist durchzugehen.

Dabei hat sich Gaza noch längst nicht vom letzten Krieg im Sommer 2014 erholt. 50 000 ausgebombte Palästinenser haben nach wie vor keine feste Bleibe. Der tägliche Überlebenskampf bestimmt den Alltag. Zwei Millionen Tonnen Kriegsschutt – eine Tonne pro Einwohner– wurden zwar abgetragen. Nur vereinzelt klaffen noch Ruinen im Straßenbild der Stadt Gaza. Daneben springen feine Neueröffnungen ins Auge, Restaurants und Läden mit Hochzeitskleidern, die jenen, die es sich leisten können, ihre Wünsche nach einem schönen Leben erfüllen wollen.

„Schau gut aus, sei gut drauf“, wirbt die Zahnarztpraxis „White Dental Center“ für ein strahlend weißes Lächeln. Vor dem Eingang bedeckt Kunstrasen das bröckelnde Trottoir, drinnen baumeln goldene Sternchen zur Entspannung der Patienten von der Decke. Doktor Ayman Alnajjar hat eine halbe Million Dollar in modernstes Equipment gesteckt. Vom kinderfreundlichen Behandlungsstuhl bis hin zur komplizierten Technik für Implantate. Alles ist da, alles glänzt. Seine Familie hat dank der in Kuwait arbeitenden Eltern Geld und findet, so Alnajjar, „dass es in Gaza richtig angelegt ist, hier ist unser Zuhause“. Aber das Risiko sei hoch angesichts der unstabilen Lage, räumt der Zahnarzt ein, genau wie der Preis, den er persönlich zahle. Jede zweite Einladung zu internationalen Fachkonferenzen müsse er sausen lassen, weil Israel ihm wieder mal die Ausreisegenehmigung verweigere. „Was mich weitermachen lässt“, sinniert Alnajjar, „ist die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.“

In seinem Fall sind das Existenzsorgen auf hohem Niveau. Im Kontrast dazu steht der tägliche Mangel, dem sich keiner entziehen kann. Vor allem Strom ist knapp. Daran scheitert auch, pünktlich zum verabredeten Termin mit Achmed Yousef zu erscheinen, dem Vordenker der Hamas. Das Büro seiner Organisation, die sich hochtrabend „Haus der Weisheit“ nennt, befindet sich im 13. Stock eines Bürogebäudes in Gaza-City. Nur hat ein Blackout gerade mal wieder den Aufzug stillgelegt. Also heißt es warten, bis der Generator anspringt, der im Wechsel eine halbe Stunde Elektrizität liefert, um anschließend genauso lange zu pausieren. Man spart, wo man kann.

Die einfachen Leute, die auf die städtische Versorgung angewiesen sind, müssen die täglichen Stromausfälle nehmen, wie sie kommen. Derzeit heißt die Faustregel „acht minus zwei“, was bedeutet, für acht Stunden ist Saft in der Steckdose, der minutenweise bis zu zwei Stunden unterbrochen wird. Sicher ist nur, dass in den acht folgenden Stunden gar kein Strom geliefert wird.

Endlich blinkt das Aufzugslicht. Hoch geht es in das mit Teppichen und Holzschnitzereien üppig dekorierte Reich von Achmed Yousef. Er ist ein rundlicher Herr mit gepflegt gestutztem grauem Bart und vergleichsweise moderaten Ansichten – das Gegenmodell zu dem gefürchteten Sinwar. Yousef macht keinen Hehl daraus, dass er über dessen Wahl zum Hamas-Chef in Gaza nicht eben glücklich ist. Aber er habe Neuigkeiten, platzt es aus ihm heraus. Denn jetzt sei das Dokument fertig, das die alte Hamas-Charta mit ihren antisemitischen Ausfällen ablösen soll.

„Großartige Dinge stehen darin“, sagt Yousef. Juden würden nicht mehr in negativer Weise erwähnt. „Nicht sie sind unsere Feinde, nur die israelischen Besatzer.“ Ebenso bekenne sich die Hamas in dem Reformpapier zu einem Staat Palästina in den Grenzen von 1967, ohne allerdings Israel anzuerkennen. Außerdem werde die Rolle der Frau aufgewertet, der bewaffnete Widerstand relativiert und ziviler Protest als ebenbürtig hingestellt. Damit habe Exilchef Khaled Meschal für eine richtungsweisende politische Hinterlassenschaft gesorgt, bevor er im April abdanke. „Sie wird unsere neue Strategie sein, die von allen Kräften der Hamas befolgt werden muss, im Ausland wie im Inland“, begeistert sich Yousef, der Hamas-Pragmatist. Wie glaubwürdig allerdings diese neue Strategie ist, entscheidet sich an Sinwar und der Frage, ob er sich daran gebunden fühlt.

An ihm könnten auch die Versuche einiger Hamas-Politiker scheitern, die Beziehungen zu Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sisi zu normalisieren, um Kairo zu einer Öffnung der Grenze in Rafah zu bewegen. Sinwar scheint bislang mehr auf den Ausbau der Angriffstunnel zum israelischen Negev zu setzen. Ruhig zusehen wird Israels Armee dabei auf Dauer nicht. „Ich teile die Befürchtung, dass die Israelis die Situation ausnutzen könnten“, bekennt Yousef, ohne näher auf Ursache und Folge einzugehen.

Nicht nur innerhalb der Hamas gibt es in Gaza-City Parallelwelten. Im Zentrum hat vor einem Monat die „Capital Mall“ aufgemacht, ein riesiger Konsumtempel auf vier Etagen, verspiegelt und verglast, mit amerikanischem und orientalischem Fast Food und schicken Läden. Das Publikum kommt – allerdings selten zum Kaufen, sondern eher zum Gucken und Staunen, für mehr fehlt das Geld. Den Kindern haben es besonders die Rolltreppen angetan, über die sie unermüdlich hoch- und runterfahren. „Für sie sind wir ein kostenloser Vergnügungspark“, sagt Mahmud Hania, der junge Chefmanager halb lächelnd. Ob sich das großspurige Projekt jemals rentiert, steht auf einem anderen Blatt.

Die Geschäftspartner Badri und Hania, die durch Café-Filialen reich geworden sind, haben ein Vermögen reingesteckt. Die Idee dazu kam ihnen vor vier Jahren. Das passende Grundstück war da, in Ägypten regierten noch die der Hamas wohlgesonnenen Moslembrüder, und Gaza wähnte sich im Aufwind. „Also beschlossen wir, eine Mall zu bauen“, berichtet der Firmenjunior, „sozusagen als Beitrag zu einem normalen Leben.“ Alle Menschen hätten doch dieses Bedürfnis. Aber um in Gaza als Geschäftsmann nicht aufzugeben, „brauchst du Nerven aus Stahl“. Allzu bewusst ist ihm, dass die ungewisse Lage jeden Moment in eine Eskalation münden könnte, die alles zunichtemacht. Auf die Politik ist Mahmud Hania jedenfalls nicht gut zu sprechen. Nur soviel möchte er dazu bemerken: „Der Privatsektor in Gaza und die Regierung sind zwei verschiedene Tangenten, die sich nicht berühren.“

Zumindest vermittelt die Mall die Illusion einer heilen Welt. Eigentlich sei das nicht in Ordnung, sagt eine Besucherin, „wir leben schließlich in einem Belagerungszustand“. Sie selbst sei auch nur zum Pizzaessen da. Aber die meisten Befragten zieht gerade an, an diesem Ort die harte Realität ausblenden zu können. „Hier fühle ich mich ein bisschen so“, bekennt die 21-jährige Mall-Besucherin Hanan, „wie raus aus Gaza zu sein.“

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