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Ladenbummel durch Moskaus Parallelwelt

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Von: Stefan Scholl

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Wo früher „Starbucks“ war, verkauft heute „Stars Coffee“ seine Getränke in Moskau. Dmitry serebryakov/dpa
Wo früher „Starbucks“ war, verkauft heute „Stars Coffee“ seine Getränke in Moskau. Dmitry serebryakov/dpa © dpa

Ein Reporter bewegt sich durch die russische Hauptstadt zwischen aufgegebenen Geschäften, zwielichtigen Lieferketten und absurd teuren Bars – immer begleitet von bemühtem Lachen.

Die Uhr ist kaputt. „Das Uhrwerk hat einen Stoß bekommen.“ Der Uhrmacher an der Roschdestwenka reicht mir eine große Lupe: „Sehen Sie, der Sekundenzeiger ist auch verbogen.“ Er grinst: „Ihre Uhr boykottiert Russland auch. Entweder Sie evakuieren die Uhr ins Vaterland. Oder wir reparieren sie und werben sie an. Aber passen Sie auf, dann wird Ihre Uhr Sie abhören.“

Auch nach einem halben Jahr der zusehends planloseren „militärischen Spezialoperation“ in der Ukraine und sechs EU-Sanktionspaketen ist Moskau noch zum Scherzen aufgelegt. Die vom Staats-TV geschönten Meldungen von der Front will immer noch niemand ernst nehmen und über die Wirtschaftsstrafen des Westens wird gelacht. Zumindest darin fühlt Russland sich als Sieger.

Seine halbstaatliche Geldwirtschaft hat den Rauswurf aus dem westlichen Finanzsystem ohne große Probleme überstanden, die Krise treibt Öl- und Gaspreise und Russlands Exporteinnahmen in die Höhe. Der Rubel ist stärker als vor dem 24. Februar. Die Rating-Agentur Moody’s sagt dem Land dieses Jahr 7 Prozent Minuswachstum voraus, Wladimir Putin aber redet von 4,3, die Flugbahn des Bruttoinlandsprodukts bewege sich wieder Richtung Wachstum. Laut Putin erreichte die Arbeitslosigkeit im Juni ein historisches Minimum von 3,9 Prozent. Moskau glaubt lieber Putins Zahlen. Aber im Alltag müssen die Menschen erleben, wie Wunsch und Wirklichkeit dann doch auseinanderstreben.

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Am regennassen Manege-Platz am Kreml ist Jazz zu hören. Hier hat man einen Lustgarten aus bunten, teils echten, teils künstlichen Blumenhecken aufgebaut. Dahinter, am Hotel Moskwa, lauert für alle Fälle eine grüne Minna der Einsatzpolizei. Aber die Leute scheinen auch heute nur bummeln zu wollen. Oder Shoppen. Aus den Schaufenstern an der Twerskaja, Moskaus Prachtstraße, leuchten ähnliche Markenschätze wie im GUM am Roten Platz, dem legendären Kaufhaus der Sowjetära. Oder im ZUM, seinem schon damals größten Konkurrenz: Burberry, Lacoste, Breitling, Dolce&Gabbana, Giorgio Armani, Brioni, Zimmerli of Switzerland.

Moskau beansprucht seit Jahren, die kostspieligste Stadt Europas zu sein. In den GUM-Vitrinen von Gucci, Cartier, Hugo Boss und Prada prangen Handtaschen und Damenschuhe wie antike Anbetungsstücke, auf Bildschirmen drehen sich halbnackte Models in Endlosschleifen. Aber die Türen zum Konsumtempel sind geschlossen, kleine Schilder besagen: „Verehrte Kunden, die Boutique ist zeitweise geschlossen. Wir bitten um Entschuldigung wegen möglicher Unannehmlichkeiten.“

Ein diskreter, für den Moskauer Durchschnitt kaum spürbarer Abstieg deutet sich da an. Die Verkaufsfläche von H&M im Kinderkaufhaus Detski Mir ist bis auf ein paar Kleiderständer leer geräumt. Und in der Fußgängerzone am Kusnezki Most steht auf gleich mehreren Fassaden das Label der Krise: „Zu vermieten.“ Eine Girlande violetter und gelber Luftballons hängt über einem Schaufenster, das mit einem roten Plakat zugeklebt ist: „Geschäftsaufgabe. Räumungsverkauf. 50, 60, 70 Prozent.“

Da macht keine Westmarke dicht, sondern ein russischer Laden für Lederjacken und Pelzmäntel. „Unsere Waren kamen aus der Türkei, Italien und Deutschland.“ Die Verkäuferin mit den ziegelrot gefärbten Haaren freut sich, einen westlichen Ausländer vor sich zu haben. „Der Import ist zu teuer geworden.“ Dann will sie noch wissen, ob ich „für die anderen bin“. Aber damit hat es sich dann auch fürs Politische. Ein Kollege von ihr erzählt, die nächsten zwei Monate würden sie noch Kinderpelze verkaufen. „Mal sehen, was danach kommt.“ Der Handel habe es jetzt schwer. Die Hälfte der Belegschaft sei schon entlassen. „Früher konnte man bis zu 100 000 Rubel im Monat machen, jetzt keine 60 000 mehr.“ Das sind so knapp 1000 Euro.

Der kirgisische Koch Ulukbek hat mit seinen Zwölf-Stunden-Schichten in einem teuren Restaurant verdiente umgerechnet 1500 Euro. Jetzt hat er gar nichts mehr, musste seine Dreizimmerwohnung am Stadtrand aufgeben, weil er die 600 Euro Miete nicht mehr bezahlen konnte. Er, seine Frau und seine Kinder leben in einem WG-Zimmer, das sie 220 Euro kostet.

Solche Einzelfälle werden von keiner Statistik erfasst. Nach einer Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada vom August bereiten die Sanktionen nur 22 Prozent der Bevölkerung Russland ernsthaft Sorgen. Ein Großteil dieser 22 Prozent könnten Wohlhabende sein. Oder jenes Viertel, das einen Reisepass besitzt und im Ausland Urlaub machte. Jene etwa acht Millionen Autobesitzer:innen und ihre Familien, die sich alle fünf Jahre einen Neuwagen leisteten. Die Mehrheit in Moskau, für die teure Markenprodukte der Beweis sind, dass auch sie zur „Goldenen Milliarde“ gehören.

Im ZUM werden die letzten Apple-Computer verkauft, das billigste MacBook Pro kostet 195 000 Rubel – so 3000 Euro. Neugeräte werden nur noch über „parallele“, also graue und überteuerte Importwege zu haben sein. Dasselbe gilt für sämtliche westlichen Automarken.

„Aber mein Wrangler geht nicht kaputt“, freut sich der Jeep-Besitzer Machmut. Außerdem habe man ihm in seiner Vertragswerkstatt versichert, im Notfall ließe sich jedes Ersatzteil über die Türkei, China oder Kasachstan beschaffen. „Das würde etwas länger dauern, und zehn bis 15 Prozent teurer sein.“ Der Unternehmer klingt lässig.

Fade Ersatz-Pommes

Fachportale melden jedoch, Ersatzteile für Mercedes seien um 44, für Mazda um 31 Prozent teurer geworden. Und die Zollbehörde warnt, „parallele Importe“ von Elektronik, Kleidung und Kinderspielzeugen seien oft billige Fälschungen. Russlands großstädtische Konsument:innen müssen immer öfter die Realität zu verdrängen suchen. Nicht nur die zwölfjährige Darja schimpft, die Pommes im neuen russischen Ersatz-McDonalds schmeckten nach „gar nichts mehr“. Der Alltag droht immer plumper, immer eintöniger und fader zu werden.

Die Supermärkte sind weiter gefüllt, aber das Angebot wird dünner. Und die Aufsichtsbehörde Rossstandard prüft, Lebensmittelverpackungen künftig ohne Herstellungs- und Verfallsdaten zuzulassen. Begründung: Wegen der Sanktionen fehlt der Branche die Tinte zum Beschriften.

Im Grillbistro „Zames“ läuft Fußball. Auf der einen Leinwand kickt Ural gegen Spartak, russischer Pokal. Auf der anderen Liverpool gegen Ajax, Champions League. Zwei Welten. Am Nebentisch sitzt ein Aserbaidschaner vor einer fast vollen Flasche Wodka und röhrt in sein Handy. Gegenüber feiert ein Dutzend junger Leute Geburtstag, in Freizeitkleidung mit allerlei Markenlabeln, Burgern und Bierkaraffen. „Zames“ befindet sich im Einkaufszentrum „Afimoll City“. Das gehört zu Moskwa City, 101 Etagen; man ist der Meinung, man sei die coolste Wolkenkratzersiedlung Europas.

Das billigste Bier, 0,4 Liter Zames Hell, kostet umgerechnet fünf Euro, Swetlana trinkt ein belgisches Strubbe Cran für 6,70 Euro. Sie ist Chefmanagerin einer heimischen Kosmetikfirma, hat einen Dienstwagen und war gerade auf Mallorca in Urlaub. Cool fühlt sich die 48-Jährige trotzdem nicht. „Zwischenlandung in Istanbul, eine Nacht im Hotel, Zwischenlandung in Barcelona“, erzählt sie. „Der Flug kostete 2300 Euro.“ Und sie hätte nur Bargeld gehabt, weil in Europa alle russischen Kreditkarten gesperrt sind. „Auf dem Rückflug Zwischenlandung in Düsseldorf, der Anschlussflug fiel aus, ich hatte Glück, ich hatte noch 300 Euro für ein Ticket nach Istanbul.“

In vielen gehobenen Moskauer Bars hört man jetzt solche Geschichten von überteuerten Irrflügen, fehlenden Kreditkarten, erschwerten Visa-Anträge oder ganz ausgefallene Italien-Urlaube.

Swetlana aber macht im Gegensatz zu den meisten Mitbürger:innen nicht den Westen dafür verantwortlich. „Wir hatten früher eine Filiale in Charkow (eigentlich Charkiw, d.Red.). Mit manchen ukrainischen Mitarbeitern telefoniere ich noch. Wir sollten hier froh sein, dass wir und unsere Kinder nicht täglich mit Raketen beschossen werden.“

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