Vor dem Betreten einer Fähre wird in der Hauptstadt Montevideo jedes Gepäckstück der Passagiere desinfiziert.
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Vor dem Betreten einer Fähre wird in der Hauptstadt Montevideo jedes Gepäckstück der Passagiere desinfiziert.

Corona

Paradebeispiel Uruguay

  • Klaus Ehringfeld
    vonKlaus Ehringfeld
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Das kleine lateinamerikanische Land hat ziemlich viel richtig gemacht - und zeigt seinem großen Nachbarn Brasilien, wie man mit einer Pandemie umgeht.

Es gibt dieses Bonmot über Uruguay, wonach in dem kleinen Land am Südzipfel Südamerikas mehr Rinder leben als Menschen. Tatsächlich ist Uruguay einer der größten Produzenten und Exporteure von Rindfleisch. Aber – eingeklemmt zwischen Argentinien und Brasilien – wohnen in dem Land am Río de la Plata, das deutlich größer als England ist, lediglich 3,5 Millionen Menschen. Und das ausgesprochen luftig. Gerade einmal 20 Menschen teilen sich in Uruguay einen Quadratkilometer Wohnfläche. In Luxemburg sind es rund 250, in Deutschland 237. Und genau dieser Fakt hilft jetzt, die Corona-Pandemie in Uruguay im Zaum zu halten. Und das alles ohne verpflichtende Quarantäne.

1064 Infizierte und 33 Tote zählte das Land zu Beginn der Woche. Am Dienstag kamen gerade noch einmal zehn Infizierte hinzu. Es sind Zahlen, die insbesondere im Vergleich zum Nachbarn Brasilien mit seinen über zwei Millionen Patienten und 80 000 Toten wie ein Rechenfehler wirken. Aber gerade im Vergleich zu Brasilien fällt auch auf, wie souverän die Machthaber in Montevideo mit der Bedrohung durch die Lungenkrankheit umgegangen sind. Seit Wochen schon kann Uruguay allmählich zur Normalität zurückkehren, hat die Schulen wieder geöffnet und fährt die Wirtschaft allmählich wieder hoch.

Der demografische Faktor und dass es praktisch keine dicht besiedelten Gegenden und Armenviertel gibt, sind Teil dieser Erfolgsgeschichte, die das Land laut der Johns-Hopkins-Universität in der Corona-Statistik zwischen Georgien und Burkina Faso ansiedelt. Genauso die Tatsache, dass auch der abgelegenste Winkel Uruguays über fließend Wasser verfügt, so dass die Hygiene-Maßnahmen eingehalten werden können. Aber es kommen weitere Faktoren hinzu wie die geringe internationale Verflechtung, ein Wohlfahrtsstaat mit einem außergewöhnlichen Gesundheitssystem im Vergleich zu anderen Ländern Lateinamerikas, eine ebenfalls für regionale Verhältnisse sehr kleine Schattenwirtschaft, ein breiter politischer Konsens zwischen Opposition und Regierung und eine Bevölkerung, die den Anordnungen der Regierung auch nachkommt und sie nicht, wie sonst üblich in Lateinamerika, ignoriert. Uruguay ist der älteste Sozialstaat in Iberoamerika. Das Vertrauen in staatliche Institutionen ist deswegen groß. In nahezu jeder Hinsicht ist Uruguay ein Sonderfall in Lateinamerika. Und in Corona-Zeiten ist der kleine Staat ein fast sicherer Hafen in einer von der Pandemie schwer getroffenen Region.

Der erste Corona-Fall wurde am 13. März diagnostiziert. Und die Regierung des gerade frisch ins Amt gekommenen Präsidenten Luis Lacalle Pou verhielt sich so, wie fast alle anderen Regierungen der Region auch. Er ließ die Grenzen und Flughäfen schließen, machte Schulen und Kirchen dicht, untersagte Konzerte und suspendierte die Fußball-Liga. Aber eine Ausgangssperre wie in vielen Staaten der Region wurde nie verhängt. Das liberale Land baute auf die Verantwortung seiner Einwohner. Tatsächlich haben sich laut einer Umfrage 90 Prozent aller Uruguayer daran gehalten. In Ländern wie Peru, Chile und Mexiko blieben trotz Androhung teilweise drastischer Strafen gerade einmal etwas mehr als die Hälfte der Menschen zu Hause.

Während bis zu zwei Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung im Schnitt in Lateinamerika in der Schattenwirtschaft beschäftigt sind und einfach jeden Tag arbeiten müssen, um zu essen, hat Uruguay eine sehr niedrige Rate von Tagelöhnern. In dem Land sind nur 23 Prozent der Arbeiter als Hausangestellte, Schuhputzer, Parkplatzanweiser oder anderweitig informell beschäftigt. Es ist der niedrigste Wert der Region.

Entscheidender Faktor aber ist vielleicht das vergleichsweise hervorragende Gesundheitssystem. Es trennt anders als im Rest von Lateinamerika nicht zwischen (schlechtem) öffentlichem und (gutem, aber kaum bezahlbaren) privatem Gesundheitssektor. Krankenhäuser, Ärzteversorgung und Ausstattung im uruguayischen Gesundheitswesen sind kostenlos und gut. Zudem hat der langjährige linksliberale Präsident Tabaré Vázquez (2005 bis 2010 und 2015 bis 2020) als studierter Mediziner das Gesundheitssystem in seinen zehn Jahren an der Macht gestärkt.

Letztlich einigten sich Opposition und Regierung schnell auf die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und legten zudem einen „Coronavirus-Fonds“ auf, der sich im Wesentlichen aus einer 20-prozentigen Kürzung der Gehälter des Präsidenten, der Minister, Abgeordneten und derjenigen Staatsdiener finanzierte, die mehr als 1800 Dollar (1575 Euro) pro Monat verdienen. All dieses Geld fließt in die Arbeitsmarktförderung, die soziale Sicherung und die Stärkung des Gesundheitssektors.

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