Der Papst hat eine schwere Bürde auf sich genommen: seine Kirche zu modernisieren und zu retten.
+
Der Papst hat eine schwere Bürde auf sich genommen: seine Kirche zu modernisieren und zu retten.

Katholische Kirche

Und sie bewegt sich doch

  • vonDominik Straub
    schließen

Papst Franziskus rüttelt die katholische Kirche auf: Er heißt homosexuelle Partnerschaften willkommen.

Homosexuelle Menschen haben das Recht darauf, in einer Familie zu sein“, betont Papst Franziskus im Dokumentarfilm „Francesco“, der am Mittwoch am Filmfestival von Rom uraufgeführt wurde. „Sie sind Kinder Gottes und haben das Recht auf eine Familie. Niemand sollte wegen seiner sexuellen Ausrichtung ausgeschlossen oder unglücklich werden“, sagt Franziskus weiter. Deshalb müsse ein Gesetz zu eingetragenen Lebenspartnerschaften geschaffen werden. Auf diese Weise seien sie rechtlich abgesichert. „Dafür habe ich mich eingesetzt.“ Außerdem, betont der Papst in dem Film, sollten Homosexuelle in der Kirche willkommen geheißen werden.

Es ist das erste Mal überhaupt, dass sich ein Papst öffentlich für die Anerkennung homosexueller Partnerschaften ausspricht: Die Öffnung kommt im Vatikan einer kopernikanischen Wende gleich. Der Vorgänger von Franziskus, Papst Benedikt XVI., hatte noch bekräftigt, dass homosexuelle Sexualakte aus katholischer Sicht eine „schwere Sünde“ und „ein Verstoß gegen das Naturgesetz“ seien; von „Homo-Ehen“ oder auch nur von eingetragenen Partnerschaften wollte Joseph Ratzinger nichts hören. Homosexualität sei auch nicht mit dem Priesteramt vereinbar, stellte Benedikt XVI. klar – obwohl er genau wusste, dass in der Kirche unzählige schwule Priester tätig sind.

Der Schritt von Franziskus mag angesichts der bisher starren Haltung der katholischen Amtskirche in Sachen Homosexualität sensationell wirken – aber überraschend kommt er trotzdem nicht. Der Papst, der die Barmherzigkeit zu seinem Leitmotiv machte, hat sich in Sachen gleichgeschlechtlicher Liebe schon mehrfach betont undogmatisch gezeigt. Kaum auf den Papstthron gewählt, erklärte der Pontifex aus Argentinien gegenüber einem Vatikan-Journalisten: „Wenn eine Person homosexuell ist, den Herrn sucht und guten Willens ist – wer bin ich denn, um ihn zu verurteilen?“ Moralische Gesetze seien „keine Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft“, heißt es in einem päpstlichen Schreiben Bergoglios.

Biografie

Jorge Mario Bergoglio, geboren 1936 in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires, ist als Franziskus der erste, nicht aus Europa stammende Papst der katholischen Kirche. Seine Eltern stammen aus Piemont, aber weil die Mutter bekennende Antifaschistin war, emigrierte das Paar aus Mussolinis faschistischem Staat nach Argentinien, eines der Hauptziele der italienischen Emigration seit dem 19. Jahrhundert. Der spätere Papst absolvierte eine Ausbildung als Chemietechniker und trat 1958 in den Jesuitenorden ein. 1969 wurde er nach einem Studium der Geisteswissenschaften und der katholischen Theologie zum Priester geweiht. Während seiner Studien wandte sich Bergoglio der „Theologie des Volkes“, der argentinischen Variante der Befreiungstheologie zu. Er sieht die Kirche solidarisch an der Seite der Armen, denen sie die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen hat. Am 13. März 2013 wurde er zum 266. Bischof von Rom und also Papst gewählt. Franziskus, der erste Träger dieses Amtsnamens, folgte dem zurückgetretenen erzkonservativen Regensburger Benedikt XVI. nach. rut

Unter Papst Franziskus hat sich sogar die bisher so gestrenge Glaubenskongregation – die frühere Inquisition – in Richtung einer vorsichtigen Öffnung bewegt: Im Dezember 2019 hat die päpstliche Bibelkommission, die der Kongregation angeschlossen ist, eine 300 Seiten lange anthropologische Schrift mit dem Titel „Was ist der Mensch?“ veröffentlicht, in welcher das Thema Homosexualität im biblischen Kontext untersucht wird. Das Resultat dieser von Franziskus in Auftrag gegebenen Exegese: Gegenüber Homosexuellen sei mehr „pastorale Aufmerksamkeit erforderlich“, besonders gegenüber den einzelnen Personen. Nur so könne die Kirche ihre Mission für die Menschen erfüllen.

Allerdings: Das Ja des Papstes zur rechtlichen Anerkennung homosexueller Partnerschaften ist nicht gleichzeitig ein Ja zur „Schwulen-Ehe“. Franziskus hat während seines Pontifikats mehrfach klargestellt, dass es keine Konfusion zwischen „der von Gott gewollten Ehe zwischen Mann und Frau“ und anderen Partnerschaften geben dürfe. Bergoglio hatte sich schon als Erzbischof von Buenos Aires für die juristische Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ausgesprochen – aber als der argentinische Staat im Jahr 2010 „Schwulen-Ehen“ ermöglichte, geißelte dies der damalige Erzbischof als „zerstörerische Attacke auf Gottes Plan“. Gleichgeschlechtliche Hochzeiten mit einem katholischen Priester wird es auch in Zukunft nicht geben, jedenfalls nicht mit dem Segen des Papstes.

Der Film „Francesco“ des russischstämmigen US-Regisseurs Evgeny Afineevsky, in welchem Papst Franziskus seine Aussagen zum Thema der homosexuellen Partnerschaften gemacht hat, widmet sich dem Leben und Wirken des argentinischen Pontifex und dabei vor allem seiner sozialen Mission, etwa für Menschen am Rande der Gesellschaft, Arme und Migranten. Zudem geht es um die Rolle der Frau und den Umgang mit nicht-heterosexuellen Menschen und sexuellem Missbrauch.

Leitartikel Seite 11

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare