1. Startseite
  2. Politik

Papst setzt in Kanada auf Symbole der Verbundenheit

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Gerd Braune

Kommentare

Das Oberhaupt der Katholischen Kirche (l.), bewegt vom Treffen mit den Oberen der First Nations in Maskwacis.
Das Oberhaupt der Katholischen Kirche (l.), bewegt vom Treffen mit den Oberen der First Nations in Maskwacis. © AFP

Papst Franziskus entschuldigt sich in Kanada bei den Indigenen Kanadas, aber erfüllt nicht alle Erwartungen an die Kirche. Auch Premierminister Justin Trudeau spricht von einer eher „persönlichen Entschuldigung“.

Gerade hatte der Papst seine von hohen Erwartungen begleitete Rede gehalten und gesagt: „Es tut mir leid. Ich bitte um Vergebung“. Da ging Chief Wilton Littlechild von der Ermineskin Cree Nation, Überlebender der Ermineskin Residential School, eine der größten staatlichen Internatsschulen für indigene Kinder, die in Kanada bestanden hatten, zum Papst und setzte ihm seinen Federkopfschmuck auf. Es war ein mächtiges Symbol der Anerkennung und Verbundenheit. Ein Lächeln ging über das Gesicht des Papstes. Bis dahin war er äußerst ernst aufgetreten und hatte offenkundig sehr nachdenklich und bewegt die Begegnung mit den indigenen Völkern, First Nations, Inuit und Métis, erlebt.

Im April hatte sich Papst Franziskus in Rom vor Delegationen der indigenen Völker Kanadas für die Mitwirkung der Kirche bei der Unterdrückung der Ureinwohner:innen und ihrer Zwangsassimilierung entschuldigt. Vor allem für die Rolle, die die katholische Kirche in den Residential Schools, den Internatsschulen, spielte. Er hatte versprochen, nach Kanada zu kommen, um dort die Entschuldigung auszusprechen.

Papst in Kanada: „Das tiefe Gefühl von Schmerz und Reue“

Als Symbol für das Leid hatte Marie-Anne Day Walker-Pelletier von der Okanese First Nation in Saskatchewan dem Papst zwei Paar Mokassins überreicht mit der Bitte, sie nach Kanada mitzubringen. Nun besuchte der Papst Maskwacis, eine Gemeinde der Ermineskin-, Samson Cree-, Montana- und Louis Bull-First Nations. „Ich habe sie mitgebracht“, sagte er. „Sie haben in den vergangenen Monaten mein Gefühl der Trauer, der Empörung und der Scham aufrechterhalten.“

Das Wiedersehen „erneuert in mir das tiefe Gefühl von Schmerz und Reue, das ich in den vergangenen Monaten gefühlt habe“, sagte der Papst. Er gab wieder, was ihm berichtet worden war über das Leid in Familien, Gemeinden und den Residential Schools.

Die Politik der Assimilierung, zu der das Schulsystem gehörte, „war vernichtend für die Völker dieses Landes“. Durch die Residential Schools wurden die indigenen Sprachen und Kulturen verunglimpft und unterdrückt, Kinder erlitten physischen, verbalen, psychologischen und spirituellen Missbrauch – so gab der Papst in seiner Rede, die er auf Spanisch hielt und die absatzweise auf Englisch übersetzt wurde, wieder, was er im Frühjahr gehört hatte.

Kirche in Kanada: System „unvereinbar mit der Botschaft von Jesus Christus“

Nun mache er den ersten Schritt seiner Bußreise. Es tue ihm leid, „dass viele Christen die kolonisierende Mentalität der Mächte unterstützten, die die indigenen Völker unterdrückten“. Er bitte um Vergebung dafür, dass „viele Mitglieder der Kirche und religiöser Gemeinschaften“ bei der von den Regierungen betriebenen kulturellen Zerstörung und erzwungenen Assimilierung kooperiert hätten, „die im System der Residential Schools ihren Höhepunkt fanden“. Auch wenn es Beispiele der Fürsorge für Kinder gebe, die Folgen des System seien katastrophal gewesen. Der christliche Glaube sage, „dass dies ein desaströser Irrtum war, unvereinbar mit der Botschaft von Jesus Christus“. Die Residential Schools waren Einrichtungen zur Umerziehung indigener Völker, vom Staat geschaffen, aber überwiegend von Kirchen geführt. Sie zerstörten Identität und Selbstbewusstsein von Kindern, die ihren Eltern entrissen wurden. Sie entfremdeten sie von ihrer Kultur und ihren Familien. Kinder erlitten Missbrauch bis hin zum sexuellen Missbrauch, einige Tausend starben an Krankheiten oder Unterernährung.

Etwa 150 000 indigene Kinder mussten solche Schulen ab Mitte des 19. Jahrhunderts besuchen. Die letzten der insgesamt 130 Einrichtungen wurden in den 1990er Jahren geschlossen.

Papst in Kanada: Viele hatten Tränen in den Augen

Es war ein Tag mit vielen Emotionen. Als der Papst die Worte der Entschuldigung aussprach, applaudierten viele der anwesenden Überlebenden des Schulsystems. Viele hatten Tränen in den Augen und wurden von Nahestehenden umarmt.

Am Vormittag war der Papst in der Gemeinde Maskwacis eingetroffen. Im Rollstuhl wurde er zunächst auf den Friedhof der Ermineskin Cree Nation gefahren. Dort verharrte er vor den Gräbern in stillem Gebiet. Auf dem Friedhof liegen vermutlich zahlreiche unmarkierte Gräber von Kindern, die in der Ermineskin Residential School gestorben waren. Als er dann auf dem nahegelegenen Muskwa Park eintraf, wurde ein viele Meter langes rotes Banner durch die wartenden Überlebenden der Residential Schools getragen. Darauf geschrieben waren die Namen der Kinder, die in den Schulen gestorben waren.

Der Vatikan müsse jetzt alle Archive öffnen, fordert eine Indigene

„Er bat uns um Vergebung. Es war eine sehr mächtige Erklärung“, sagt Maureen Belanger, eine Überlebende. „Ich hatte Tränen. Ich verbrachte drei Jahre in einer Residential School, ohne meine Familie zu sehen“, berichtete Yvonne Longworth. Es sei schmerzhaft, aber Türen seien geöffnet. Der Papst, davon ist sie überzeugt, „meint es wirklich so“. Andre Tautu in der Arktisstadt Iqaluit spricht von einer „Entschuldigung, die von Herzen kommt“. „50 Jahre habe ich auf die Entschuldigung gewartet. Heute habe ich sie endlich gehört“, sagte Evelyn Korkmaz aus der Fort Albany First Nation an der James Bay, die aus Ottawa angereist war. Der Vatikan müsse jetzt alle Archive öffnen und die Dokumente über Residential Schools freigeben.

Es gab auch Stimmen, die auf das hinwiesen, was nicht gesagt wurde. Sie habe gehofft, dass der Papst sich „im Namen der ganzen katholischen Kirche“ entschuldige, also für die Institution, nicht nur für Fehlverhalten Einzelner, aber diese Worte seien nicht gekommen, sagte Carolyn Buffalo. Auch Premierminister Justin Trudeau sprach in einem Statement von einer „persönlichen Entschuldigung“ des Papstes. Die „Doktrin der Entdeckung“, die auf päpstlichen Bullen aus dem 15. Jahrhundert beruht und die Rechtfertigung für die Landnahme von „entdeckten“ Gebieten und die Unterdrückung indigener Völker war, wurde vom Papst nicht widerrufen.

Papst in Kanada: ein erster Schritt auf dem Weg der „Reconciliation“

Aber nach Einschätzung vieler wurde ein erster Schritt auf dem Weg der „Reconciliation“, wie es in Kanada heißt, der Aussöhnung getan. Der Papst rief die Christ:innen in Kanada und das ganze Land dazu auf, die Identität und die Erfahrungen der indigenen Völker zu akzeptieren und zu respektieren.

Auch wenn er viele Orte nicht besuchen könne – wie etwa Kamloops, wo vor einem Jahr unmarkierte Gräber indigener Kinder gefunden wurden –, sei er sich des Leidens und der Trauma der indigenen Völker in allen Regionen bewusst. In den kommenden Tagen sollen noch mehrere Reden folgen. Vielleicht werden die indigenen Völker dann hören, was am ersten Tag noch nicht gesagt wurde.

Auch interessant

Kommentare