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Panzerdebatte in Frankreich: „50 wären eine starke Geste“

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Von: Stefan Brändle

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Ein Leclerc-Panzer im Manöver in Deutschland (Archivbild).
Ein Leclerc-Panzer im Manöver in Deutschland (Archivbild). © AFP

Frankreich debattiert wie Deutschland, ob es Panzer an die Ukraine liefern soll – aber bloß nicht als Erster.

Frankreich hat bislang Waffen für 230 Millionen Euro an die Ukraine geliefert. Nicht eben viel – verglichen mit den 25 Milliarden Euro der USA, den vier Milliarden Großbritanniens oder den 1,8 Milliarden Polens. Auch Deutschland liegt mit 1,2 Milliarden Euro deutlich höher als Frankreich, obwohl Berlin aus historischen und anderen Gründen nicht allzu weit geht. Kampfpanzer kämen für den deutschen Kanzler nur „indirekt“ infrage, nämlich dann, wenn das EU-Mitglied Griechenland alte sowjetische Tanks nach Kiew abgeben würde und dafür neue deutsche Leopard erhielte.

In Frankreich sucht Präsident Emmanuel Macron einen Balanceakt zwischen europäischer Solidarität und Verhandlungsbemühungen gegenüber Wladimir Putin (per Telefon). Deshalb hat er bisher auch keine richtigen Panzer gen Osten schicken wollen. Er weiß, dass Putin jede Lieferung als Vorwand zur nächsten Eskalation reicht.

Jetzt bringt der Militärexperte Pierre Haroche die bisher nur in Armeekreisen diskutierte Panzer-Frage aber aufs öffentliche Tapet. In der Zeitung „Le Monde“ vom Mittwoch erklärt er in einem längeren Beitrag: „50 Leclerc-Panzer zu liefern wären für Frankreich eine starke Geste.“

Waffendebatte in Frankreich: Paris hat bislang 18 Caesar-Sturmhaubitzen geliefert

Leclerc – da schwingt in Frankreich die ganze (positive) moderne Geschichte der Nation mit: Philippe de Hautecloque, einer der Ersten, die sich 1940 General de Gaulle in London anschließen, wird unter dem Kampfnamen Leclerc Frankreichs afrikanische Kolonien im Widerstand gegen die Deutschen einen und schließlich als Kommandeur einer Panzerdivision am 25. August 1944 Paris befreien. Der Kampfwagentyp, der seinen Namen trägt, bestückt das komplette Panzer-Arsenal der stärksten kontinentaleuropäischen Armee. Und Haroche, Strategie-Forscher an der Londoner Queen-Mary-Universität, meint, die Ukraine wäre „das“ geeignete Terrain für den Leclerc.

Laut Haroche verdeutlicht die Offensive der Ukrainer bei Charkiw, „dass sich die westliche Hilfe auszahlt und dass die ukrainischen Streitkräfte sie durchaus zu nutzen wissen. Das Tempo der Offensive legt den Schluss nahe, dass das beste Mittel, den Krieg zu beenden, darin bestünde, einen Sieg der Ukraine zu beschleunigen.“

Frankreich hat bislang 18 Caesar-Sturmhaubitzen an Kiew geliefert. „An der Front sind aber vor allem Panzer wie der Leclerc zweckdienlich.“ Dessen Einsatz wäre auch ein politisches Signal, das den Weg für die Lieferung deutscher Leopard freimachen könnte. Schließlich begründe Berlin sein eigenes Zögern damit, dass sie nicht im Alleingang Panzer an Kiew abgeben will.

Waffendebatte in Frankreich: Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon sind dagegen

Haroche widerspricht auch entschieden dem in Paris oft gehörten Argument, einmal gelieferte Panzer könnten im Ernstfall zur Verteidigung Frankreichs fehlen: „Je früher die russische Bedrohung – gegen die der Leclerc-Tank ursprünglich konzipiert worden war – in Osteuropa abgefangen wird, desto weniger sind sie in Frankreich oder dem übrigen Westeuropa nötig.“

Der Forscher argumentiert auch mit „nationalen“ Interessen: Wenn Paris wirklich eine europäische Sicherheit aufbauen wolle, wie das dem Präsident vorzuschweben scheint, dann dürfe Frankreich die Unterstützung der ukrainischen Armee nicht den Briten – die 10 000 ukrainische Soldaten ausbilden – und den US-Amerikanern überlassen. Gerade Osteuropa lasse sich für Macrons europäisches Verteidigungskonzept nur gewinnen, wenn Frankreich selber Hand anlege und aktiv wird, glaubt Haroche. Ihm zufolge wäre die Lieferung französischer Leclerc-Panzer auch „beste Werbung“ für die französische Rüstungsindustrie.

Haroches Stimme findet in Pariser Verteidigungskreisen Gehör. Politisch stößt er auf Widerstand bei bisher russlandfreundlichen Parteien. Marine Le Pen zur Rechten und Jean-Luc Mélenchon zur Linken – beides die großen Gewinner der jüngsten Parlamentswahlen – sind gegen Waffenlieferungen an die Ukraine oder auch nur Sanktionen. Macron wird sich zudem wohl sagen, dass er seine Telefonate mit Putin vergessen kann, wenn der erste Güterzug voller Leclerc nach Kiew fährt.

Die Verantwortlichen des gut informierten Blogs „lignes de défense“ (Verteidigungslinien) glauben deshalb nicht, dass Frankreich kurzfristig zur Leclerc-Lieferung bereit wäre. Vorgesehen seien, wie es mit Bezug auf Armee-Kreise heißt, „bald neue Dinge“. Dazu gehörten Raketen und Kanonen, Peugeot-Jeeps und AMX-10-Radpanzer zu Aufklärungszwecken. Der Name Leclerc bleibt also vorerst nur auf der Wunschliste des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.

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