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Panzer für die Ukraine: Frankreich prescht vor

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Von: Stefan Brändle

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Ein AMX-10 RC des Kavallerieregiments der Französischen Fremdenlegion auf Patrouille in Afghanistan 2008.
Ein AMX-10 RC des Kavallerieregiments der Französischen Fremdenlegion auf Patrouille in Afghanistan 2008. © Imago

Frankreichs Präsident Macron schickt Aufklärungspanzer in die Ukraine. Bundeskanzler Scholz gerät deshalb nun wieder in Erklärungsnot.

Es gab gleich einen Tweet des ukrainischen Präsident Wolodymyr Selenskyj für den Elysée: „Danke, mein Freund!“ Und dann: „Ihre Führungsrolle bringt uns dem Sieg näher.“ Der französische Amtskollege Emmanuel Macron hatte just angekündigt, dass Frankreich der ukrainischen Armee kampfstarke Aufklärungspanzer, Typ AMX-10 RC, liefern werde. Wie viele und wann, wird noch diskutiert. Das französische Präsidialamt erklärte aber, die militärische Hilfe an die von Russland angegriffene Ukraine solle generell ausgeweitet werden.

Die AMX-10 RC sind Radpanzer mit einer 105-Millimeter-Kanone. Sie haben sich in der französischen Armee seit den 80er Jahren bewährt und kamen zuletzt in Afghanistan und dem Sahel zum Einsatz. Die französische Armee besitzt 247 Exemplare, die in absehbarer Zeit durch den kompakteren Jaguar abgelöst werden soll.

Vereinbart wurde die Lieferung an die ukrainische Armee bei einem Besuch von Verteidigungsminister Sébastien Lecornu Ende Dezember in Kiew. Macron will damit zweifellos der in Paris oft wiederholten Kritik entgegentreten, er habe sich von Wladimir Putin bei ihren wiederholten, aber ergebnislosen Telefonaten einwickeln lassen.

Auch kontert er den Vorwurf osteuropäischer und baltischer Staaten, das deutsch-französische EU-Tandem sei blind gegenüber Russland gewesen. Macron will sicherlich auch von seiner innenpolitischen Schwäche ablenken, braut sich doch seit Wochen massiver Protest gegen seine Rentenreform zusammen.

Was ist ein Panzer?

Das Scholz’sche Nein zu Leopard-2-Kampfpanzern für die Ukraine hat eine hitzige Debatte über die Werte des demokratischen Westens und einen aufgeregten medialen Widerhall generiert. Letzteres ist so weit gediehen, dass die bloße Erwähnung des Wortes „Panzer“ bereits zu eiligen Meldungen führt, dass „jetzt“ oder „endlich“ die Ukraine schweres Gerät erhält, um sich selbst zu retten. Aber wovon ist da eigentlich die ganze Zeit die erregte Rede?

Das Wort ist eigentlich eine Abkürzung – und zwar für das einzige solche deutsche Gefährt im Ersten Weltkrieg, den „Sturmpanzerwagen A7V“. Im Englischen hat sich der 1916 geprägte Tarnbegriff „tank“ gehalten und weltweit durchgesetzt (sogar in Russland gibt es Tanks). Im Französischen spricht man von „char“, einem antiken pferdebespannten Streitwagen, der von einem „charron“, dem Stellmacher hergestellt wurde.

Seit dem Ersten Weltkrieg hat der Panzer eine revolutionäre Entwicklung durchgemacht. Original war er konzipiert als ein gepanzertes Fahrzeug, das Stachedrahtverhaue niederwalzen konnte, die Infanterie mit aufmontierten Maschinengewehren und Kanonen unterstützte und nur mittels Ketten die umgewühlte nasse Erde des Niemandslands der Westfront überwand. Heute gibt es zig verschiedene Arten von Panzerfahrzeugen, die eine Vielzahl technisch-militärischer Abkürzungen tragen und für extrem unterschiedliche Aufgaben ausgelegt sind.

Aufklärungs-, Schützen-, Kampf-, Brückenlege-, Minenräumpanzer... haben fast nichts miteinander gemein, außer, dass sie militärisches Personal in relativer Sicherheit zum Einsatz transportieren und von dort auch wieder herausholen sollen. Die relative Sicherheit richtet sich zumeist nach der Einsatzkonzeption. Vor allem aber nach der Durchschlagskraft der gegnerischen Waffen.

Der französische AMX-10 RC ( Atelier de construction d’Issy-les- Moulineau x, Roues- Canon), dessen Lieferung an die Ukraine in Aussicht gestellt ist, kann nicht alles. Aber einiges: Er ist durch seine drei Radachsen schnell. Durch sein an einen Kampfpanzer erinnerndes Geschütz kann er als sehr mobile Artillerieunterstützung für Infanterie und im Extremfall als „Panzerjäger“ (ein Gerät mit starker Kanone aber schwacher Panzerung) gegen Kampfpanzer dienen.

Der britische Scorpion (bereits an Kiew geliefert) ist bedeutend kleiner als der AMX und läuft auf Ketten, aber ist genauso gedacht als ein relativ leichtes und wendiges Fahrzeug, das zur Aufklärung der Feindlage genutzt wird. Und sich besser nicht auf Gefechte einlässt. Auch der US-amerikanische Bradley und der deutsche luftlandefähige Wiesel gehören in diese Kategorie.

Der deutsche Gepard und die verschiedenen ex-sowjetischen BMP-Typen sind Schützenpanzer, mal mit Rädern, mal auf Ketten, deren passiver (Panzerung) und aktiver Schutz (aufmontierte Maschinenkanone) für die darin transportierte Infanterie ist.

Kampfpanzer – das No-go des Westens – sind die schwersten, am besten gepanzerten und bewaffneten Kettenfahrzeuge. Sie sind (mit Ausnahme der israelischen) auch die, die am meisten für Fehler anfällig sind und sich am ehesten abnutzen. Ihr Einsatz in der Ukraine könnte aber eine neue Qualität bedeuten: Westliches Material gilt als dem russischen überlegen. Kriegsentscheidend ist es – wie jede Waffe – nicht. Der Symbolwert wäre dagegen extrem hoch: Ein westlicher Kampfpanzer markierte und verteidigte dann die Grenze der Demokratie. (Von Peter Rutkowski)

Der Präsident sieht allerdings weiter davon ab, der Ukraine schwere Kampfpanzer des Typs Leclerc zu liefern, wie es Selenskyj und französische Strategen lange schon anregen. Die tschechische Republik hat dagegen kürzlich T-72-Panzer sowjetischer Bauart geliefert; die Slowakei verschickte ihrerseits sowjetische BMP-Panzer, um in einem Ringtausch dafür deutsche Leopard-Kampfpanzer zu erhalten.

Das Elysée bezeichnet die AMX-Lieferung in einem Communiqué denn auch als Premiere: „Erstmals werden Panzer westlicher Bauart an die ukrainischen Streitkräfte geliefert.“ Diese Aussage lässt sich auch als Wink an Berlin lesen. Kanzler Olaf Scholz beharrt darauf, die Lieferung schwerer Gefechtswaffen an die Ukraine erfordere eine europäische Absprache. Durch den französischen AMX ist sein Argument, man wolle nicht allein vorpreschen, vom Tisch; der Lieferung des deutschen Schützenpanzers Marder steht nichts im Wege – wie auch die deutsche Industrie vermeldete.

Prompt gibt es wieder Ärger in der Ampelkoalition. Verteidigungspolitikerinnen von FDP und Grünen forderten von Scholz, auch Leopard der Ukraine zur Verfügung zu stellen. Die Grünen-Verteidigungsexpertin Sara Nanni sagte der „Süddeutschen Zeitung“: „Wir sollten der Ukraine zur Verfügung stellen, was machbar ist, also auch Leopard und Marder aus Industriebeständen.“ Und schob ganz offenbar an die Adresse des Koalitionspartners SPD gerichtet hinterher: „Die Entscheidung aus Frankreich ist gut.“

Leitartikel Seite 11

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