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Im sächsischen Marienberg verladen Bundeswehrsoldaten Panzer des Typs Marder. Ziel des Transports ist Rukla in Litauen. Hendrik Schmidt/dpa

Manöver „Defender 2020“

Panzer auf der Autobahn

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Deutschland ist zentrale Drehscheibe beim größten US-geführten Militär-Manöver in Europa seit 25 Jahren. Friedensbewegte sehen in „Defender 2020“ schlicht Kriegsvorbereitung. Ein Besuch bei den Planern beider Seiten.

Der Nebel ist so dicht an diesem Tag, dass selbst der Rhein darin verschwindet. Die Schwaden kriechen den Hügel hinauf bis zu dem streng bewachten Tor. Dahinter, in einem von vielen grauen Zweckbauten, hängen Fotos von Palmen und Strand im Treppenhaus und dann ein grauer Blechkasten mit Schließfächern. Handys dürfen nicht mit hinter die nächste gesicherte Tür. In einem schmalen Raum sitzen hier zwei Soldaten vor Computern. Die Rollläden sind heruntergelassen.

Auf einem von vier mächtigen Bildschirmen an der Wand durchkreuzen krumme Linien eine Deutschlandkarte. Blau, rot und lila führen sie in Kurven von links nach rechts, eine gelbe Linie schlängelt sich von oben nach unten. Der Bildschirm daneben zeigt eine Tabelle. „Da haben Sie den Überblick“, sagt ein großer Mann im Tarnfleckanzug, schwere Stiefel an den Füßen, ein rotes Wollbarett steckt in der Seitentasche der Hose. Oberst Jörg Bestehorn, auf der Schulterklappe drei Sterne und ein Eichenlaubkranz, ist der Chef hier.

Das Lagezentrum der Streitkräftebasis der Bundeswehr auf der Bonner Hardthöhe koordiniert, was Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer in einem Brief an den Verteidigungsausschuss des Bundestags zufrieden als „bedeutendes sicherheitspolitisches Signal“ bezeichnet und als Bekenntnis „zur Steigerung der Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit“ der Nato: das größte US-Militärmanöver in Europa seit 25 Jahren, mit insgesamt 37 000 Soldaten aus 18 Staaten.

In einer Zeit, in der der US-Präsident sich von Europa abzuwenden scheint, schicken alleine die USA 20 000 Soldaten über den Atlantik. Sie starten von Deutschland aus nach Polen und ins Baltikum, gemeinsam mit 35 000 sogenannten „Stückgütern“ – mehreren 100 Panzer, dazu Lastwagen und Container mit Ausrüstung. „Defender Europe 2020“ haben die USA die Aktion genannt – Verteidiger Europas. Auf dem Manöverlogo prangt ein brennendes Schwert über der Europakarte.

Es gibt Menschen, die das alles nicht beruhigend, sondern im Gegenteil erschreckend finden. Auch sie beugen sich dieser Tage über Karten, aber dazu später.

Im Lagezentrum auf der Hardthöhe hatte das Ganze einen längeren Vorlauf: Vor anderthalb Jahren gab es die erste Koordinationssitzung. In den Monaten darauf übernahm Bestehorn seinen Planungsposten. Hans-Peter Ries kam dazu, ein weiterer Oberst, beide Mitte 50. Bestehorn war je drei Mal in Afghanistan und im Kosovo,, Ries unter anderem in Afghanistan und beim Nato-Kommando in den Niederlanden.

Bei ihnen laufen die Fäden zusammen für die militärische Reise durch Deutschland: Schon der Transport der Soldaten und Panzer ist eine Art Generalprobe für den Krisenfall. Allein 1500 Bundeswehrsoldaten sind mit der Logistik beschäftigt, zusätzlich zu den 4000, die an der Übung teilnehmen.

Ries, Bestehorn und ihre Teams haben Routen und Straßen ausgewählt: Panzer auf Lkw sind Schwertransporte, für die sich vor allem Autobahnen eignen – die Tunnel hoch, die Fahrbahn breit und die Brücken stabil genug. Es ging darum, was auf welche Fahrzeuge passt und wo die Soldaten schlafen.

Militärkonvois bewegen sich langsam vorwärts, 250 Kilometer schaffen sie am Tag. Um nicht so aufzufallen und den Verkehr nicht zu blockieren, sollen nicht alle auf einmal fahren, sondern maximal 20 Lastwagen hintereinander. Und das vor allem nachts, weil da die Autobahnen leerer sind. „Davon wird man überhaupt nichts merken“, sagt Bestehorn.

Dazu sollen auch Hinweiskarten beitragen, die man für die Amerikaner erarbeitet hat. „Rechts fahren!“, steht darauf zum Beispiel. In den USA rollen Militärkonvois auf der linken Autobahnseite.

Damit bei einem Problem nicht alle wild durcheinander telefonieren, wurden Alarmketten und Kontaktpersonen festgelegt. Zu einem der Absprachetreffen in Berlin kamen Vertreter von rund 100 Behörden und Organisationen: Städte, Gemeinden, Landkreise, durch die die Transporte rollen. Bund- und Länderpolizeien, die alles absichern müssen. Rettungsdienste für Notfälle. Die Bahn, die auch Container transportiert. Sogar die Gesundheitsämter sind involviert, weil im Übungsland Polen die Schweinepest grassiert.

Nun werden die letzten Vorbereitungen abgeschlossen. Der Transport beginnt langsam, die ersten Züge sind bereits unterwegs. Von Mitte Februar an sollen es mehr werden. Auf den Tabellen des Lagezentrums markieren grüne Balken in einem Kalender die Positionen. 40 Soldaten in Fritzlar sind da zum Beispiel an einer Stelle vermerkt, mit dem Hinweis: Verpflegung und Unterkunft.

Für das niedersächsische Garlstedt nördlich von Bremen sind es einige mehr. Dort haben Pioniere aus dem schleswig-holsteinischen Husum neben der Logistikschule der Bundeswehr auf einer Wiese eine Zeltstadt für bis zu 2000 Soldaten gebaut, eine „Live Support Area“: olivgrüne Planen über 350 Quadratmeter großen Massenschlafräumen, Holzboden unten, Plastikkronleuchter an der Decke, eine Steckdose an jeder Pritsche. US-Soldaten sollen hier auf dem Weg vom Hamburger Flughafen nach Bremerhaven Rast machen, wo ihre Panzer per Schiff angeliefert werden.

Wenn nichts dazwischenkommt: Schiffe mit Material können sich wegen Sturms auf dem Atlantik verzögern, Autobahnen durch Staus, Unfälle oder Demonstranten blockiert sein. Irgendwie gehören die Zwischenfälle sogar zum Konzept: „Was sich ereignet, ist egal. Man muss die Prozesse kennen“, sagt Ries.

Die Leute für die Zwischenfälle sitzen an einem Januarsamstag im Hinterhof eines Hamburger Gründerzeitbaus in einem Saal mit hohen Sprossenfenstern. Auf einem Tisch liegen Flugblätter gegen Rüstungsexporte und gelbe Aufkleber mit der Aufschrift „Nazifreie Zone“. Der Saal ist voll, gut 100 Personen sind gekommen, die Stühle reichen nicht. Wenn die Tür aufgeht, weht sehr kalte Luft in die „Aktionsberatung gegen Defender 2020“.

Holger Griebner hat einen Stuhl gefunden, er ist frühzeitig da gewesen. Es drängt ihn, etwas zu tun. „Ich habe Angst“, hat der 65-Jährige in einem Telefonat vor dem Treffen gesagt. „Die Übung stellt die Zeit des Kalten Krieges in den Schatten.“

Griebner ist ein freundlicher Mann mit tiefen Lachfalten. Er war Sozialarbeiter und Gewerkschafter, ist Mitglied der Linkspartei. Schon vor 40 Jahren war er in der Friedensbewegung aktiv, damals ging es um die Stationierung von Atomwaffen in Deutschland. Tausende gingen auf die Straße. Griebner ist auf Dutzenden Demonstrationen gewesen in seinem Leben, für den Frieden, gegen Pflegenotstand. Auch die Klimademonstranten von „Fridays for Future“ unterstützt er:. „Ich bin total glücklich, dass es die gibt. Es ist gut, dass die ihre Zukunft in die Hand nehmen.“ Bei dem Aktionstreffen gibt es einige im Studentenalter, der Altersdurchschnitt liegt deutlich höher.

Als Erstes spricht ein Militärhistoriker im gelben Kapuzenpulli über geopolitische Theorien und die Ausweitung der Nato Richtung Osten. Mit „Defender 2020“ wollten die USA „einen Keil zwischen Westeuropa und Russland treiben“, sagt er. Auch in Hamburg ist der Brief der Verteidigungsministerin an den Ausschuss Thema. Hier gilt er als Dokument des Schreckens. „Trump-Knarrenbauer“, sagt eine Rednerin. „Es ist die Vorbereitung eines Kriegs gegen Russland“, warnt ein Mann in schwarzem T-Shirt. Er heißt Thorsten Schleip und berichtet von einem Treffen in Leipzig: „Es läuft gut.“ Lange habe es nicht so viel Interesse gegeben.

Was aber tun? Demonstrationen, Mahnwachen, eine Menschenkette, Blockaden? In Berlin während der Berlinale, in Görlitz, in Magdeburg oder am Truppenübungsplatz im niedersächsischen Bergen, einem der zentralen Punkte des Manövers? Sollte es eine bundesweite Veranstaltung geben? Wie schafft man öffentliche Aufmerksamkeit für kleine regionale Aktionen? Und gelingt es, die „Fridays-for-Future“-Demonstranten zu mobilisieren?

Ein junger Mann mit Mütze findet, die Protestorte müssten mit der Bahn erreichbar sein, damit genügend Demonstranten kommen könnten. „Ich bin früher nach Brokdorf gefahren, da gab’s nie eine Bahnstation“, entgegnet ein Älterer und empfiehlt die Organisation von Bussen.

Auch für die Gegner ist das Manöver also eine Logistikaktion und sie wird nicht leichter dadurch, dass sie den genauen Zeitplan nicht kennen.

Nach zweieinhalb Stunden ist Kaffeepause. In einem Nebenraum stehen Thermoskannen und Kekse. Einige versammeln sich für ein Foto hinter einem selbst gemalten Transparent: „Kriegsmanöver Defender 2020. Auf in den Osten unter neuer Führung. Wir folgen nicht“, steht darauf. Holger Griebner ist zufrieden. „Es sind so viele gekommen“, sagt er fröhlich, auch die Gewerkschaften und Greenpeace hätten das Thema Frieden jetzt entdeckt. „Ich bin mir sicher, dass das zu einem Aufschwung der Friedensbewegung führt.“

In dem abgedunkelten Computerraum auf der Hardthöhe gibt man sich gelassen. Mit Demonstrationen sei zu rechnen, Proteste gehörten zur Demokratie. „Die Maßgabe ist: ausweichen. Erzwingen ist nicht nötig“, sagt Oberst Bestehorn. „Defender 2020“ sei nicht gegen ein Land gerichtet, sondern ein reines Krisenprogramm, das betonen sie in der Bundeswehr auch. Andere Länder, auch Russland, seien zur Beobachtung eingeladen.

Manchmal aber weicht die Gelassenheit der Schärfe: „Zu glauben, dass Sicherheit und Frieden von alleine kommen, ist ein Irrglaube“, sagt ein deutscher Kommandeur vor der neuen Zeltstadt in Garlstedt. „Die Ukraine und die Krim haben gezeigt, dass wir in Europa schnell von Frieden in Krieg umkippen können.“

Auf der Hardthöhe erinnert sich Bestehorn an einen Dienstaufenthalt in den USA. „Demonstrationen bestehen dort aus rhythmischem Klatschen und dem Ruf: ‚Thank you for your service‘.“

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