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Kandidat Rómulo Roux (links, im blauen Polohemd) auf Tour in Panama City.

Panama

Wahlen im Land der Ungleichheit

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Panama bestimmt einen neuen Präsidenten. Soziale Fragen dominieren den Wahlkampf.

Die Panamaer könnten eigentlich ein glückliches Volk sein. Die Drogenkartelle machen in der Regel einen Bogen um das schmale Land zwischen Atlantik und Karibik. Der Kanal spült jährlich 1,7 Milliarden Dollar in den Staatshaushalt, die Wirtschaft wuchs in der vergangenen Dekade um sieben Prozent jährlich. Das Pro-Kopf-Einkommen Panamas ist das zweithöchste Lateinamerikas. Aber genau hier liegt auch das Problem.

In dem Land zwischen Süd- und Zentralamerika ist die Ungleichheit in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Nach einer Erhebung des Zentrums für internationale Entwicklung der Harvard-Universität gehört der Kanalstaat mittlerweile zu den fünf Ländern der Welt mit der höchsten Ungleichheit. Der Schweizer Bank UBS zufolge ist Panama-Stadt unter den 20 teuersten Metropolen der Welt, noch vor München, Wien oder Madrid. Gleichzeitig bekommt ein ungelernter Arbeiter 600 Dollar Lohn im Monat. Und vier von zehn Arbeitnehmern sind im informellen Sektor beschäftigt – und damit ohne sozialen Schutz. Erstmals spielen diese Themen im Präsidentschaftswahlkampf eine. Rolle.

Alle sieben Bewerber, die am Sonntag um die Nachfolge von Juan Carlos Varela ringen, haben die soziale Frage mehr oder minder in ihre Wahlprogramme aufgenommen. Beste Aussichten auf den Wahlsieg hat der 66-jährige Laurentino Cortizo. Er ist Bauunternehmer und Viehzüchter und war zwischen 2004 und 2009 Minister für landwirtschaftliche Entwicklung unter dem sozialdemokratischen Präsidenten Martín Torrijos. Cortizo setzt vor allem auf eine Bildungsinitiative zur Bekämpfung von Armut und Ungleichheit. Für ihn wollen angeblich rund 40 Prozent der Wahlberechtigten stimmen. Sonstige Themen im Wahlkampf sind Korruption, das niedrige Bildungsniveau und die gestiegenen Lebenshaltungskosten.

Krasse Gegensätze: Armut auf dem Land und Wolkenkratzer in Panama City

Der Staat zwischen Costa Rica und Kolumbien ist ein Land der Gegensätze. Auf der einen Seite ist die Hauptstadt Panama City mit den Wolkenkratzern, den Bankgebäuden. Es ist das Panama der Steuerhinterziehung und der Finanzdienstleistungen, der internationalen Firmen und des Reichtums durch die Einnahmen aus dem Kanalgeschäft. Panama ist ein Banken-, Handels- und Transportzentrum und damit eine für lateinamerikanische Verhältnisse völlig untypisch strukturierte Volkswirtschaft. Der Dienstleistungssektor trägt fast 80 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt und zum Gesamtexport bei. Und anders als in den anderen zentralamerikanischen Staaten spielt der Agrarsektor eine nur untergeordnete Rolle.

Andererseits zeigt sich, dass das hohe Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre, vor allem gefördert durch den Ausbau des Kanals, die Steuerdeals und den Bauboom, die große Masse der Panamaer nicht erreicht. Einer von vier Menschen in dem Land lebt in Armut. Panama habe „in den vergangenen Jahrzehnten einen bedeutenden sozioökonomischen Fortschritt gemacht“, schreibt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). „Jedoch haben davon nicht alle Sektoren, Regionen und Einwohner zu gleichen Teilen profitiert.“

Sieben der zehn Provinzen nehmen an dem Aufschwung nämlich überhaupt nicht teil. Noch schlimmer sieht es in den drei Ureinwohner-Regionen aus. Dort leben sogar 83 Prozent der Menschen in Armut.

Da überrascht es fast, dass bei der Wahl am Sonntag nicht ein Anti-Establishment-Kandidat Chancen auf den Sieg hat – so wie in Brasilien, wo Jair Bolsonaro Präsident wurde, oder in El Salvador, wo der Jungunternehmer Nayib Bukele die Wahl gewann. Der einzige Linkskandidat im Bewerberfeld liegt in den Umfragen bei rund einem Prozent. Alle sonstigen Bewerber versprechen im Prinzip das Gleiche: Weiter so, nur mit einem Fokus auf das Soziale. Aber niemand stellt das weltoffene, marktorientierte Modell und die Dollarisierung der Wirtschaft infrage.

Der Zweitplatzierte in den Umfragen, Ex-Außenminister Rómulo Roux (54), verspricht weniger Steuern und mehr Arbeitsplätze. Einzig der Drittplatzierte, Ricardo Lombana, ein 45-jähriger Anwalt, äußert vorsichtig Kritik an der politischen Klasse, will die Strafen für Korruption erhöhen und ein Verfassungsreferendum abhalten, um die Macht des Präsidenten zu begrenzen. Kurz vor der Abstimmung ist es Lombana, der am stärksten in den Umfragen zulegt. Den Menschen gefällt sein entschiedener Auftritt gegen die Korruption. Und da die Umfragen in Panama traditionell wenig zuverlässig sind, könnte es am Sonntag vielleicht doch eine Überraschung geben.

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