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Neues Gesicht: Maike Schaefer (l) führt die Grünen anstelle von Karoline Linnert in die Wahl.

Bremen

Palastrevolte in Bremen

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Die Grünen in Bremen treten im Mai mit einer neuen Spitzenfrau an, doch ihre Partnerin SPD macht einfach „weiter so“.

Alles neu macht der Mai: Darauf könnte es hinauslaufen, wenn am 26. Mai 2019 das Bremer Parlament, die Bürgerschaft, neu gewählt wird. Denn die seit 2007 regierende rot-grüne Koalition dürfte laut Meinungsumfragen ihre Mehrheit verlieren, und die SPD muss sogar befürchten, erstmals seit über 70 Jahren nicht mehr stärkste Partei zu werden - und das in ihrer bisher stabilsten Länder-Hochburg. Trotzdem setzen die Sozialdemokraten auf „weiter so“. Sie halten an Bürgermeister Carsten Sieling (59) fest. Ein Landesparteitag wählte ihn am Wochenende mit 92,5 Prozent der Stimmen zum Spitzenkandidaten.

Die Grünen dagegen haben soeben per Urwahl entschieden, die Pferde zu wechseln: Finanzsenatorin Karoline Linnert (60) soll nicht zum fünften Mal seit 2003 die Grünen-Liste anführen, sondern Platz 1 geht jetzt erstmals an die 13 Jahre jüngere und politisch unverbrauchtere Fraktionschefin Maike Schaefer. Die Umweltpolitikerin, die für „knallgrüne Themen“ steht, besiegte die Finanzexpertin mit 223 zu 191 Stimmen.

Gestürzt wurde Linnert durch eine kleine Palastrevolte: Ursprünglich wollte der Landesvorstand die Veteranin ohne große Debatten zur neuerlichen Frontfrau machen; Konkurrentin Schaefer hätte auf Platz 2 rangieren sollen. Aber diese Vorfestlegung ließ sich die Parteibasis nicht gefallen. Denn dort gibt es schon seit den Stimmenverlusten bei der Bürgerschaftswahl 2015 etliche Linnert-Kritiker, die 2019 lieber mit einem jüngeren Gesicht antreten möchten. Daher also die Mitgliederabstimmung per Briefwahl - mit dem eher unerwarteten Schaefer-Sieg. Hätte Linnert von sich aus Platz für Jüngere gemacht, wäre ihr ein ehrenvollerer Abgang sicher gewesen.

Dabei hatte die 60-Jährige noch versucht, die Mitglieder unter Druck zu setzen: Wenn sie nicht wieder zur Nummer 1 gewählt würde, dann würde sie gar nicht mehr für die nächste Bürgerschaft kandidieren. Friss oder stirb - das hat sich offenbar nicht ausgezahlt.

Als Finanzsenatorin verkörpert Linnert eine strikte Sparpolitik. Gemeinsam mit der SPD sanierte sie den Haushalt des extrem verschuldeten Stadtstaates so gut, dass er ab 2020 ohne neue Kredite auskommt. Aber wie das so ist beim Sparen: Dann bleibt kaum noch Geld für die Sanierung maroder Turnhallen oder Straßenbrücken. Auch deshalb macht sich in Bremen eine bisher nie gekannte Wechselstimmung breit.

Das bekommt vor allem die einst siegesgewohnte SPD zu spüren. In Umfragen liegt sie nur noch knapp vor der CDU oder sogar gleichauf. Nicht nur der Bundestrend und die Bremer Sparpolitik dürften dabei eine Rolle spielen, sondern auch das wenig überzeugende Auftreten des seit 2015 amtierenden Bürgermeisters. Bei Umfragen zur Beliebtheit von Landes- oder Großstadtregenten landete Sieling wiederholt weit unten. Wer den aufrechten Linken näher kennt, hält ihn zwar für eine ehrliche Haut und einen netten Kerl; aber er ist nicht sonderlich redegewandt, und er hat nichts Landesväterliches an sich, wie es sich viele Wähler wünschen.

Die Grünen hingegen können darauf hoffen, auch nach einem Ende von Rot-Grün auf jeden Fall weiter mitregieren zu dürfen: in einer vergrößerten rot-grün-roten Koalition mit der konstruktiv-kritischen Bremer Linkspartei oder in einem Jamaika-Bündnis mit CDU und FDP. Sollte die Ökopartei dann wieder das Finanzressort übernehmen, hätte Linnert gerne die Früchte ihrer Sparpolitik geerntet. Denn ab 2020 hat Bremen durch die Neuordnung der Bund-Länder-Finanzen jährlich fast 500 Millionen Euro mehr als bisher zur freien Verfügung und müsste nicht mehr ganz so heftig sparen.

Bei einer Jamaika-Koalition würde ein völlig unerfahrener Seiteneinsteiger ins Bürgermeister-Büro einziehen: Die CDU hat bereits im Mai den 57-jährigen Carsten Meyer-Heder fast einstimmig zu ihrem Spitzenkandidaten gekürt - einen unkonventionellen, lockeren IT-Unternehmer, den man sich auch gut bei der FDP oder beim Wirtschaftsflügel der Grünen vorstellen könnte.

Mit der 47-jährigen Maike Schaefer zeigen nun also auch die Grünen ein jüngeres Gesicht. Ihr Landesvorstand ist allerdings deutlich gealtert: Zu einem der beiden Vorstandssprecher wurde jüngst der 73-jährige Hermann Kuhn gewählt. Auf einer Pressekonferenz mit Schaefer dankte er am Montag der nicht erschienenen Linnert unter anderem dafür, dass sie bewiesen habe, „dass Grüne durchaus umsichtig und klug mit öffentlichem Geld umgehen können“.

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