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Wann in Scheich Dscharrah die Bulldozer anrücken, ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.
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Wann in Scheich Dscharrah die Bulldozer anrücken, ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Israel

Palästinenser warten auf die Zwangsräumung

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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Palästinensische Familien in Ost-Jerusalem sollen israelischen Siedlern weichen. Wie solch ein Rausschmiss vonstatten geht, weiß man von anderen Zwangsräumungen.

Ortstermin in Scheich Dscharrah, einem arabischen Viertel in Ost-Jerualem nahe der alten Teilungslinie von 1967. Michael Ben-Jair, ehemals Generalstaatsanwalt in Israel, ist aus Tel Aviv hergekommen, um die palästinensische Familie Schamasneh zu besuchen, die in ärmlichen Verhältnissen lebt. Ihre und seine Welt könnten kaum verschiedener sein. Dennoch verbindet Ben-Jair mit diesem Häusereck aus flachen Einfachbauten eine persönliche Geschichte. Der bald 75-Jährige hat als Kind hier gelebt – genauer bis Januar 1948, als seine Eltern und Verwandten in den Westteil der Stadt fliehen mussten. So wie sie machten viele jüdische Familien in den Monaten vor der israelischen Staatsgründung wegen der Spannungen mit den arabischen Nachbarn „rüber“. In ihre leeren Wohnungen zogen nach dem 48er Krieg zumeist palästinensische Flüchtlinge ein.

Radikale Siedler klagen erfolgreich

Anders als eine radikale Siedlerorganisation, die in Scheich Dscharrah auf Rückgabe des vormals jüdischen Eigentums erfolgreich geklagt hat, findet Ben-Jair, dass die jetzigen Bewohner ein Recht zum Bleiben haben. In legerer Hose und rotem T-Shirt sitzt er an diesem brennend heißen Freitagmittag umringt von Anwohnern auf einem Plastikstuhl in der engen Gasse, wo sich auch die Souterrainwohnung der Schamasnehs befindet, hört ihre Geschichte und erzählt die seine. Weil er es nicht nur als Jurist höchst ungerecht empfindet, wie in diesem Fall mit zweierlei Maß gemessen wird.

Noch während der Kampfhandlungen im 48er Krieg seien ihnen, den Ben-Jairs, zwei Wohnungen zur Entschädigung in West-Jerusalem zugewiesen, worden, die vormals Palästinensern gehörten, berichtet der hohe Gast. „Sie waren mehr wert als das Eigentum, dass wir in Scheich Dscharrah zurücklassen mussten.“ Da gehe es doch nicht an, dass geltendes israelisches Gesetz Juden eine zweifache Kompensation ermögliche, so Ben-Jair, während die seinerzeit aus West-Jerusalem geflohenen Araber keine Ansprüche auf Rückgabe ihrer dortigen Häuser geltend machen könnten.

Das Oberste Gericht in Jerusalem hat dennoch 2013 Urteile unterer Instanzen zugunsten des Siedler-nahen „Israel Land Fund“ bestätigt. Nur hinsichtlich der Räumungsklage wurde noch mal Aufschub gewährt – bis zu diesem Sonntag. „Wir müssen nun täglich mit einem Rausschmiss rechnen, ein erbärmliches Gefühl“, sagt Mohammed Schamasneh, von Beruf Gärtner. Er, seine Frau und die vier Kinder teilen sich die winzige Drei-Zimmer-Wohnung mit den kränklichen Eltern.

Samt Mobiliar auf die Straße

Wie ein Rausschmiss vonstattengeht, weiß man von anderen Zwangsräumungen in Scheich Dscharrah. Die Bewohner werden samt Mobiliar auf die Straße gesetzt und noch am gleichen Tag ziehen nationalreligiöse israelische Siedler ein.

„Wann genau es passiert, erfahren wir vorher nie“, meint Amiel, „aber eines ist sicher. Wenige Siedler reichen, um der arabischen Nachbarschaft das Leben zur Hölle zu machen.“

Amiel gehört zu den Israelis aus dem Solidaritätskomitee, die immer wieder freitagnachmittags gegen die umstrittenen Siedlerpläne in Scheich Dscharrah protestieren. Auch Schriftsteller David Grossmann und eben Ex-Generalstaatsanwalt Ben-Jair haben schon mitdemonstriert.

„Judaisierung“ der arabischen Stadtteile

Trotz der prominenten Unterstützer mussten allerdings seit 2008 bereits eine Reihe palästinensischer Familien am Ende weichen. Viele mehr sind von den Bauprojekten der Siedlerorganisation bedroht. Deren Anführer Arieh King, zugleich Mitglied im Stadtrat, wirbt offen für eine „Judaisierung“ der arabischen Stadtteile, um „ganz Jerusalem zu erlösen“. Ben-Jair, der zu Zeiten der Osloer Friedensverträge als Rechtsberater der Regierung Jitzchak Rabin diente, steht für das andere Israel, das mehr und mehr in die Minderheit zu geraten scheint. „Sein Besuch zeigt uns“, meint Mohammed Schamasneh, „dass es noch Israelis gibt, die an ein gleichberechtigtes Zusammenleben glauben.“

Bevor er sich verabschiedet, wirft Ben-Jair, beäugt von großem Gefolge, einen Blick auf das Haus, in dem er seine frühe Kindheit verbrachte. Im Laden vorne befindet sich heute eine Falafelbude, hinten wohnt eine palästinensische Familie. Zumindest sie muss keinen Rauswurf fürchten. Ben-Jair verspricht, dafür zu sorgen, sie als Eigentümer ins Grundbuch einzutragen.

Die Schamasnehs hoffen derweil auf eine neue Galgenfrist. Ihr Anwalt hat am Sonntag neue Dokumente bei Gericht eingereicht, um eine Räumung abzuwenden. „Uns kriegt so leicht keiner weg, notfalls campieren wir auf der Straße“, gibt sich Mohammed Schamasneh entschlossen und fügt sarkastisch hinzu: „Zelte sind ja Teil der palästinensischen Flüchtlingsidentität.“

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