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Zwei Männer, die für eine Verurteilung von Asia Bibi gekämpft hatten, äußern sich vor der Presse.

Asia Bibi

Pakistan hebt Todesurteil gegen Christin auf

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Eine wegen Blasphemie in Pakistan zum Tode verurteilte Christin wird freigesprochen. Der Fall hatte weltweit für Aufsehen gesorgt.

Acht Jahre musste die heute 51-jährige Christin Asia Bibi in ihrer Todeszelle im Gefängnis der Stadt Multan um ihr Leben zittern, weil sie wegen angeblicher Blasphemie verurteilt worden war und Pakistans Behörden aus Furcht vor islamischen Extremisten das Fehlurteil nicht aufzuheben wagten. Als Pakistans Oberstes Gericht sie am Mittwochmorgen in letzter Instanz vor dem Galgen rettete, sie von allen Vorwürfen freisprach und die sofortige Freilassung anordnete, wollte die einst lebenslustige Mutter die Nachricht kaum glauben. „Ist es wirklich wahr?“, fragte sie den Vertreter einer Presseagentur, der sie in ihrer Zelle antelefonierte. 

Ihr Anwalt Saiful Mulook jubelte nach dem Freispruch. „Es gibt trotz allem Gerechtigkeit für die Armen und die Minderheiten in Pakistan“, erklärte er, „es ist der schönste Tag meines Lebens.“ Wenig später wurde freilich einmal mehr deutlich, wie wenig Respekt die Justiz bei islamistischen Extremisten genießt. Die Fundamentalisten, die nach der Verkündung des Freispruchs in fast allen wichtigen Städten Pakistans aus Protest den Straßenverkehr blockierten, rückten schnell Asia Bibis Verteidiger ins Zentrum ihrer Wut. Der Rechtsanwalt erhielt Morddrohungen und musste untertauchen. Seine Familie musste ebenfalls in Sicherheit gebracht werden.

Christen stellen etwa drei Prozent der 180 Millionen Pakistaner

In der Stadt Lahore rief Khadim Hussain Rizvi, radikaler Führer der extremistischen Gruppe Tehreek-i-Labbaik Pakistan (TLP), seine Anhänger auf, ihre „Vergeltung für den Freispruch“ an Richtern, Pakistans Streitkräften und der erst seit wenigen Monaten amtierenden Regierung von Premier Imran Khan auszulassen. In Karatschi wurden Straßen blockiert. 

In Pakistans wichtiger Punjab-Provinz verhängten die Behörden eine Art Ausnahmezustand. In Multan verhaftete die Polizei gewalttätige Demonstranten. In Islamabad ordnete das UN-Büro aus Furcht vor Unruhen an, die Mitarbeiter sollten zu Hause bleiben und nicht auf die Straße gehen. 

Kein Blasphemie-Fall verdeutlichte während der vergangenen Jahrzehnte die religiöse Polarisierung Pakistans so sehr wie Asia Bibi. Die Landarbeiterin war mit einer muslimischen Kollegin angeblich aneinandergeraten, weil die Christin aus einem nur für Muslime reservierten Becher Wasser getrunken habe. Bald kam die Behauptung auf, Asia Bibi habe den Propheten Mohammed verunglimpft. Auf Blasphemie steht in Pakistan die Todesstrafe.

Der Paragraf wird in fast allen Fällen von islamischen Geistlichen und der Nachbarschaft christlicher Slums ausgenutzt, um die Angehörigen der Minderheit – Christen stellen etwa drei Prozent der 180 Millionen Pakistaner – zu vertreiben. Der Fall von Asia Bibi lähmte schließlich sogar Pakistans Regierung. Als sich der damalige Gouverneur der Punjab-Provinz, Salman Taseer, für eine Reform des Blasphemie-Paragrafen aussprach, wurde er ermordet. Der damalige Präsident Asif Ali Zardari feuerte Minister, die sich öffentlich gegen Blasphemie aussprachen.

Erst nachdem der Ende Juli gewählte Premier Khan mit Rückendeckung der Streitkräfte signalisierte, er sei zur Machtprobe mit den Extremisten bereit, kam neue Bewegung in das Verfahren. Gut informierte Kreise rechneten seit Mitte Oktober mit einem Freispruch. Am Mittwoch liefen offenbar Gespräche auf Hochtouren, die Christin aus dem Gefängnis sofort ins Ausland zu bringen. Asia Bibis Familie lebt in Großbritannien.

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