1. Startseite
  2. Politik

Oxfam im Kreuzfeuer der Torys

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sebastian Borger

Kommentare

Eine Mutter versucht 2011, ein Jahr nach dem Beben, ihr Kind in Port-au-Prince sicher nach Hause zu bringen.
Eine Mutter versucht 2011, ein Jahr nach dem Beben, ihr Kind in Port-au-Prince sicher nach Hause zu bringen. © rtr

Die Vorwürfe der sexuellen Ausbeutung gegen Angestellte der britischen Entwicklungs-Organisation Oxfam verhärten sich. Ultrakonservative blasen zur Jagd auf die gebeutelte Traditions-NGO.

Im Gespräch mit der britischen Entwicklungshilfeministerin Penelope Mordaunt haben die Manager von Oxfam am Montag die Reputation ihrer Wohlfahrtsorganisation verteidigt. Die konservative Politikerin hatte die Spitze der NGO einbestellt, nachdem Oxfam-Angestellte beschuldigt worden waren, in Krisengebieten von ihrer Gunst abhängige Prostituierte missbraucht zu haben. Die Organisation müsse „moralische Führungsstärke“ zeigen und alle Informationen offenlegen, forderte Mordaunt.

Die britische Oxfam-Vizechefin Penny Lawrence ist inzwischen zurückgetreten. Sie übernehme die „volle Verantwortung“ für das Verhalten von Mitarbeitern in Haiti und im Tschad, auf das „wir nicht angemessen reagiert haben“. Sie schäme sich, dass dies alles passiert sei, teilte Lawrence am Montag in London mit.

Oxfam genießt in der Entwicklungsbranche eigentlich einen guten Ruf. Die Regierung vertraut der Organisation auch seit Jahrzehnten schon Millionen Pfund an Steuergeld an. Dem jüngsten Jahresbericht zufolge kam das Gesamtbudget von umgerechnet 461 Millionen Euro zu 45 Prozent von staatlichen Organisationen, der Rest stammt von privaten Geldgebern und aus der Wirtschaft.

Die Vorwürfe beziehen sich vor allem auf Geschehnisse nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti, bei dem 2010 mehr als 100.000 Menschen ums Leben kamen. Anschließend strömten Hunderte von Hilfsorganisationen in die bitterarme Karibik-Nation. Dem Vernehmen nach galt die örtliche Oxfam-Niederlassung unter Leitung des Belgiers Roland von Hauwermeiren schon bald als Party-Magnet, wo sich Entwicklungshelfer aus aller Herren Länder mit einheimischen Frauen trafen. „Wie bei Caligula“ sei es dort zugegangen, behaupteten Zeugen mit Bezug auf den dekadenten Lebensstil des berüchtigten römischen Kaisers (12 bis 41 n.Chr.).

Als 2011 entsprechende Hinweise bei Oxfam eingingen, ordnete die Organisation eine interne Untersuchung an. Vier Mitarbeiter wurden entlassen, drei weitere, darunter auch Hauwermeiren, reichten ihre Kündigung ein. In der Öffentlichkeit ebenso wie gegenüber der Aufsichtsbehörde Charity Commission und dem Ministerium sprach man nur allgemein von „Fehlverhalten“ – dass es dabei um Sex mit Prostituierten ging, wurde verschwiegen. Der Vorwurf, unter den jungen Frauen seien auch Minderjährige gewesen, habe sich nicht erhärten lassen, heißt es bei Oxfam. Und gegenüber haitischen Behörden habe man die Vorgänge nicht zur Sprache gebracht, weil dies die betroffenen Frauen in Schwierigkeiten hätte bringen können.

Britische Medien, angeführt von der konservativen „Times“, wiesen auf die Folgen der Vertuschung hin: So konnten die Betroffenen ungehindert bei anderen Hilfsorganisationen anheuern; Oxfam sah sich aus rechtlichen Gründen außerstande, anderen Firmen kritische Hinweise zu den entsprechenden Personen zu geben. Ans Licht kamen außerdem Vorwürfe gegen Oxfam-Leute im Tschad. Offenbar gibt es aber keinen Hinweis darauf, dass Spendengeld für bezahlten Sex veruntreut wurde.

Der politischen Rechten ist das Milliarden-Business Entwicklungshilfe seit langem schon ein Dorn im Auge. Erst am Freitag lieferte der Tory-Rechtsaußen Jacob Rees-Mogg im Regierungssitz Downing Street 10 eine Petition von mehr als 100.000 Lesern der Boulevard-Postille „Daily Express“ ab. Gefordert wird darin mehr Geld für Bedürftige im Königreich selbst. Hingegen hält die Regierung May bisher an seinem seit nun zwei Jahrzehnten praktizierten Vorgehen fest: Großbritannien gehört zu den wenigen Industrieländern, die der UN-Vorgabe Folge leisten und 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Hilfe in Übersee ausgeben.

Der Oxfam-Skandal verstärkt das Bild von hoch bürokratischen Organisationen überbezahlter Mitarbeiter, mit dem Politiker wie Rees-Mogg oder der frühere Ukip-Chef Nigel Farage gegen die Entwicklungshilfe zu Felde ziehen. Das gewaltige Budget des zuständigen Ministeriums DfID weckt bei Außen- und Verteidigungspolitikern seit langem Begehrlichkeiten. Außenminister Boris Johnson unternahm im Herbst einen vergeblichen Versuch, DfID wieder seinem eigenen Haus einzuverleiben, in dessen Zuständigkeit die Entwicklungshilfe bis 1997 war. (mit dpa)

Auch interessant

Kommentare