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Der Fall Oury Jalloh – brisante Rauchspuren

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Von: Pitt von Bebenburg, Gregor Haschnik

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Jedes Jahr am 7. Januar erinnern die Menschen in Dessau an Oury Jalloh, der an diesem Tag im Jahr 2005 in Polizeigewahrsam gestorben ist.
Jedes Jahr am 7. Januar erinnern die Menschen in Dessau an Oury Jalloh, der an diesem Tag im Jahr 2005 in Polizeigewahrsam gestorben ist. © Nicolaj Zownir / Imago Images

Eine Studie der Recherchegruppe Forensic Architecture liefert neue Hinweise im Fall von Oury Jalloh, der vor 17 Jahren in einer Polizeizelle in Dessau verbrannte.

Dessau/Frankfurt – Für den Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh, der im Januar 2005 in einer Polizeizelle in Dessau verbrannte, ist bis heute kein Verantwortlicher zur Rechenschaft gezogen worden. Die Initiative „Break the silence“, die seit Jahren auf eine Aufklärung des Falls dringt, hält die offizielle Version für ausgeschlossen, nach der der betrunkene und gefesselte Mann aus Sierra Leone sich selbst angezündet haben soll.

Eine Untersuchung der Recherchegruppe Forensic Architecture (FA) und ihres Berliner Ableger Forensis, die jetzt im Frankfurter Kunstverein zu sehen ist, stützt diese Zweifel. Schon in den vergangenen Jahren hatten zahlreiche Fachleute Gutachten vorgestellt, die der „Selbstentzündungsthese“ widersprechen.

Forensic Architecture und Forensis haben die Wände der Dessauer Polizeizelle Nummer 5 und des Korridors jenseits der Türen nachgebildet, einschließlich der Rauchspuren, die bei der Tatortsicherung aufgenommen worden waren. Diese Rauchspuren deuten nach Überzeugung des Rechercheteams darauf hin, dass die Zellentür während des Feuers offenstand, während die Außentür die meiste Zeit über geschlossen war. Das widerspricht der Aussage eines Beamten, der angab, dass er bei seiner Ankunft beide Türen kurz nacheinander geöffnet habe.

Oury Jalloh: War die Zellentür offen, während es brannte?

Der Rauch erzähle die wahre Geschichte, sagte FA-Gründer Eyal Weizman am Donnerstag während eines Rundgangs durch die Ausstellung, in der auch neue Erkenntnisse von FA zum rassistischen Anschlag von Hanau zu sehen sind. „Three Doors“ lautet der Titel der Schau, weil Türen in beiden Fällen eine entscheidende Rolle spielen. Bei Hanau war es etwa der offenbar versperrte Notausgang am zweiten Tatort.

Weizman hat die Forschungen im Fall Jalloh geleitet. Er ließ die Zelle und den angrenzenden Flur digital und physisch nachbauen und Bilder aus Polizeiberichten und Videos, die die Rauchentwicklung zeigen, exakt – etwa im Hinblick auf Größe und Position – an den Wänden abbilden. Auf diese Weise ist eine anschauliche, dreidimensionale Übersetzung des komplizierten Geschehens entstanden.

Weizman und sein Team führten eine detaillierte Analyse der grauen Stellen, die den Rauch markieren, durch. Dabei zogen sie von der Dichte der Spuren Rückschlüsse darauf, ob und wie lange die Türen geöffnet waren. Denn wenn Rauch sich in einem geschlossenen Raum sammle und bewege, hinterlasse er an Türen, deren Rahmen und Wänden dunkle Rückstände, die „Rauchhorizont“ genannt würden.

Im Inneren der Zellentür sei der Rauchhorizont fast identisch mit dem im Flur. Das weise darauf hin, dass die Tür während des Feuers größtenteils offen gewesen sei, eventuell die ganze Zeit. Das stütze die Überzeugung der Angehörigen, wonach Polizeibeamt:innen das Feuer legten. Auch der Rauchhorizont am inneren Türrand der Zelle spreche dafür, dass die Tür die meiste Zeit über offen gewesen sei.

Oury Jalloh: Freund und Bruder fordern Aufklärung

Bei Verbrechen, in die der Staat verstrickt ist, dürfe die Aufklärung nicht staatlichen Stellen überlassen werden, betonte Weizman. Diese würden in solchen Fällen oft nicht nur Verbrechen gegen Menschen, sondern auch gegen die Wahrheit begehen. Deshalb brauche es unabhängige Untersuchungen und eine Allianz aus zivilgesellschaftlichen Akteur:innen und Fachleuten.

Saliou Diallo, der Bruder von Oury Jalloh, war für die Eröffnung der Ausstellung nach Frankfurt gekommen. Er kämpft seit mehr als 16 Jahren zusammen mit Unterstützer:innen etwa von der Initiative „Break the silcence“ für Aufklärung. Die Opfer rassistischer Gewalt – wie sein Bruder und die neun Menschen, die in Hanau ermordet wurden – kämen nicht wieder, sagte Diallo. „Aber wir müssen diesen Kampf führen. Das ist unsere Aufgabe. Nur Wahrheit und Gerechtigkeit können uns retten.“

Oury Jallohs Freund Mouctar Bah bezeichnete die neuen Ergebnisse als weitere Fortschritte und blickte zurück: Es habe jahrelange Recherche gebraucht, um herauszufinden, dass Jalloh nur aufgrund seiner Hautfarbe getötet worden sei. „Das System versucht die ganze Zeit, es zu vertuschen.“ Bereits zu Beginn hätten sie Zweifel an der offiziellen Version gehabt und sich „auf den Weg gemacht, die Wahrheit rauszufinden.“

Die neue Untersuchung baut auf den Erkenntnissen des Londoner Brandgutachters Iain Peck und des Künstlers Mario Pfeifer auf. Er war im Jahr 2015 zu dem Schluss gekommen, dass die Rauchspuren an den Wänden des Raums darauf hindeuteten, dass die Tür zu Zelle 5 wahrscheinlich geöffnet gewesen sei, während es brannte. Später stellten Pfeifer und Peck den Brand mit Experimenten nach. Nach ihrer Überzeugung war es unmöglich, ohne die Hilfe von Brandbeschleunigern so viel Rauch zu erzeugen und einen menschlichen Körper so stark zu verbrennen.

Oury Jalloh: Gutachten stellen Aussagen der Polizei infrage

Damit stellten sie die Aussagen der Polizei infrage, die behauptet, sie habe den Brand und Jallohs Leiche erst lange nach dem Ausbruch des Feuers entdeckt. Peck sah es als erwiesen an, dass Oury Jalloh von einer anderen Person angezündet worden sein muss.

Fragen wirft auch der Rest eines Feuerzeugs auf, der drei Tage nach dem Brand in einem Labor des Landeskriminalamts aufgetaucht war. Bei ihren Ermittlungen ging die Polizei davon aus, dass dieser Feuerzeugrest aus Zelle 5 stamme. Jalloh solle sich mit dem Feuerzeug selbst angezündet haben. Gutachter Peck hingegen fand heraus, dass der Feuerzeugrest ausschließlich Fasern und DNA-Spuren aufweise, die nichts mit dem Tatort zu tun hätten. Weitere Gutachten kamen zum gleichen Ergebnis.

Bei einem weiteren Gutachten wertete der damals in Frankfurt tätige Radiologe Boris Bodelle 2019 die Computertomografie des Leichnams von Oury Jalloh aus. Dabei stellte der Experte schwere innere Verletzungen des Getöteten fest, etwa an Schädel, Nasenbein und Rippe. Es sei davon auszugehen, dass Jalloh diese Verletzungen vor seinem Tod zugefügt worden seien.

Für die Initiative ist die einzige logische Erklärung für all diese Widersprüche und Auffälligkeiten, dass Dessauer Polizeibedienstete Jalloh schwer misshandelt und ihn anschließend mit Brandbeschleuniger übergossen und angezündet haben.

Die Installation von Forensic Architecture legt Ähnliches nahe. In den Vordergrund stellt die Gruppe die Forderungen der Familie von Oury Jalloh und ihrer Unterstützer:innen, dass der Fall endlich aufgeklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden müssten.

Jalloh war der dritte Mensch, der in dem Dessauer Revier in Polizeigewahrsam gestorben ist, und der zweite in dieser Zelle. (Pitt von Bebenburg und Gregor Haschnik)

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