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Viele Menschen sind überzeugt, dass Oury Jalloh getötet wurde. Foto: mago images.
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Viele Menschen sind überzeugt, dass Oury Jalloh getötet wurde.

Tod in Zelle

Der mysteriöse Tod des Oury Jalloh: 17 Jahre Ungewissheit

  • VonAndreas Förster
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Am 7. Januar 2005 verbrennt Oury Jalloh gefesselt in einer Zelle in Sachsen-Anhalt. Die Polizei schildert einen Unfall, die Familie spricht von Mord. Die Geschichte einer verhinderten Aufklärung.

Frankfurt/Dessau – Auch in diesem Jahr werden am 7. Januar wieder Menschen im Gedenken an Oury Jalloh quer durch die Dessauer Innenstadt ziehen. Vorbei an Staatsanwaltschaft und Landgericht in der Willy-Lohmann-Straße führt die Demonstrationsroute schließlich zum Polizeirevier in der Wolfgangstraße, wo auf den Tag genau vor 17 Jahren der aus Sierra Leone stammende Oury Jalloh in einer Arrestzelle verbrannte. „Von deutschen Polizisten ermordet und verbrannt“, heißt es auf dem Plakat, mit dem bundesweit zur Gedenkdemonstration für den 36-jährigen Afrikaner aufgerufen wird, dessen Tod bis heute von der Justiz in Sachsen-Anhalt nicht aufgeklärt und gesühnt worden ist.

Oury Jalloh war in den Morgenstunden des 7. Januar 2005 in Dessau aufgegriffen worden. Er war betrunken in der Stadt unterwegs, drei Frauen von der Stadtreinigung hatten die Polizei gerufen, weil sie sich angeblich von ihm belästigt fühlten. Auf dem Revier soll Jalloh randaliert und seinen Kopf mehrmals an die Wände geschlagen haben, sagten die Beamten später aus. Ein herbeigerufener Arzt attestierte Jallohs Hafttauglichkeit, trotz fast drei Promille Alkohol und Kokainspuren im Blut. Der Sierra-Leoner wurde in die Arrestzelle im Keller geschafft, auf eine Matratze gelegt und an Händen und Füßen gefesselt zurückgelassen.

Der Fall Oury Jalloh: Schon frühzeitig tauchen Merkwürdigkeiten auf

Was dann geschah, ist bis heute ungeklärt. Die Beamten behaupteten, Jalloh sei es gelungen, ein bei seiner Durchsuchung übersehenes Feuerzeug aus der Tasche zu fischen, den eigentlich nicht entflammbaren Matratzenbezug anzukokeln, die Schaumstofffüllung herauszuzerren und in Brand zu setzen. Damit habe er auf sich aufmerksam machen und erreichen wollen, dass man ihn aus der Zelle holt.

Jallohs Familie und dessen Freunde aber bezweifelten von Anfang an diese Version. Aus ihrer Sicht wurde das Feuer in der Zelle von einer dritten Person gelegt. Tatsächlich tauchten schon frühzeitig mehrere Merkwürdigkeiten auf: So wurde erst drei Tage nach Jallohs Tod im Brandschutt der Zelle das Feuerzeug gefunden, das das Opfer angeblich eingeschmuggelt hatte. Zudem hatten drei Beamte unmittelbar nach dem Brand von einer Flüssigkeitslache in der Zelle gesprochen, woran sie sich aber bei einer zweiten Vernehmung plötzlich nicht mehr erinnern wollten. Und auch die Videoaufnahme, die die Tatortgruppe der Polizeidirektion Stendal dreieinhalb Stunden nach Jallohs Tod in der Zelle machte, gibt Rätsel auf: Nur die ersten vier Minuten und elf Sekunden davon sind erhalten, bevor die Aufzeichnung genau in dem Moment abbricht, als die Kamera das Innere der Zelle aufnehmen will.

Im März 2007 begann am Landgericht Dessau-Roßlau der erste Prozess. Zwei der Polizisten, die Jalloh während ihres Dienstes verbrennen ließen, waren angeklagt – allerdings nicht wegen Mordes, sondern wegen fahrlässiger Tötung. Ihnen wurde vorgeworfen, auf den durch das Feuer in der Zelle ausgelösten Alarm erst nach längerer Zeit reagiert zu haben, so dass der Inhaftierte nicht mehr gerettet werden konnte. Die Beweisaufnahme im Prozess gestaltete sich schwierig, weil die Kollegen der Angeklagten mutmaßlich aus falsch verstandenem Korpsgeist frühere belastende Aussagen relativierten oder Erinnerungslücken geltend machten.

Polizei und Rassismus

Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen in Deutschland wie im Fall Oury Jalloh ist seit dem Mord am Afroamerikaner George Floyd in den USA vor eineinhalb Jahren verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Vor allem die „Black Lives Matter“-Bewegung macht mit ihren Protesten auf den institutionellen Rassismus in Deutschland aufmerksam.

Die 2020 erstmals durchgeführte Online-Befragung „Afrozensus“ untermauert diese Kritik an den Institutionen mit Zahlen. An der Umfrage der Organisationen „Each one teach one“ und „Citizens for Europa“ hatten rund 6000 Schwarze, afrikanische und afrodiasporische Menschen in Deutschland teilgenommen. Die Ende 2021 veröffentlichten Ergebnisse zeigen eine weite Verbreitung von Rassismus gegen Schwarze – vor allem im Kontakt mit der Polizei.

Bislang hatte es nur qualitative Aufarbeitungen rassistisch motivierter Polizeigewalt in Deutschland gegeben, die oftmals als Einzelfälle abgetan werden. Im „Afrozensus“ sind diese Erfahrungen nun quantitativ festgehalten. Etwa gaben mehr als acht von zehn Befragten an, in den vergangenen zwei Jahren im Kontakt mit der Polizei in Bezug auf ihre Hautfarbe oder ihre ethnische Herkunft diskriminiert worden zu sein. Und aus einer Frage an 1945 Teilnehmende geht hervor, dass von dieser Gruppe fast jede dritte Person bereits Polizeigewalt erlebt hat.

Die Aussage „Ich werde ohne erkennbaren Grund von der Polizei kontrolliert“ wurde von mehr als der Hälfte der Befragten (knapp 57 Prozent) bestätigt. Mehr als zehn Prozent der Teilnehmenden gab an, solche Kontrollen oft oder sogar sehr häufig zu erleben. Diese verdachtsunabhängigen Überprüfungen, bei denen Menschen allein aufgrund ihres physischen Erscheinungsbildes oder ethnischer Merkmale polizeilich kontrolliert werden, werden Racial Profiling genannt.

In einer Antidiskriminierungsstudie mit dem Titel „Schwarze Lebensrealitäten und die Berliner Polizei“, die vor dem „Afrozensus“ erschienen war, hatte die Organisation „Each one teach one“ die Lage wie folgt umrissen: „Schwarze Menschen müssen sich der eskalativen Bedrohung in Konfrontationen mit der Polizei stets bewusst sein. Rassistische Strukturen kriminalisieren Schwarze Menschen und schreiben ihnen ein hohes Maß an Aggressivität zu, bzw. eine geistige Zurechenbarkeit ab.“ FR

Eine spektakuläre Enthüllung im Fall Oury Jalloh

Nach 59 Prozesstagen wurden die beiden Angeklagten am 8. Dezember 2008 mangels Beweisen freigesprochen. Gut ein Jahr später, am 7. Januar 2010, fünf Jahre nach Oury Jallohs Tod, hob der Bundesgerichtshof das Dessauer Urteil wegen Mängeln in der Beweisführung auf. Es fehle das „wichtige Bindeglied, ob und wie es Jalloh möglich gewesen sein soll, den Brand zu legen“, kritisierte der BGH.

2011 begann ein zweiter Prozess. Allerdings musste sich nun nur noch der Dienstgruppenleiter vor dem Magdeburger Landgericht verantworten, der zweite angeklagte Polizeibeamte aus dem ersten Prozess war mittlerweile verstorben. Im Laufe dieses Prozesses gab es eine weitere spektakuläre Enthüllung: Die Untersuchung des durch den Brand stark beschädigten Feuerzeugs, das man angeblich im Brandschutt der Zelle gefunden hatte, ergab keinerlei Tatortspuren. Weder wurden darauf die DNA von Oury Jalloh noch Fasern seiner Kleidung oder der Matratze festgestellt. Stattdessen fanden sich eine Vielzahl tatortfremder Fasern und sogar Hundehaare, die mit dem angeblichen Beweisstück verschmolzen waren. Zudem konnten auf dem Feuerzeug DNA-Spuren unbekannter Herkunft gesichert werden. War es also erst nachträglich am Tatort deponiert worden, wie es die Freunde Jallohs vermuteten?

Das Magdeburger Gericht verfolgte diese Spur nicht. Im Dezember 2012 wurde der angeklagte Polizeibeamte wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 10 800 Euro verurteilt, weil er die Rettung des Inhaftierten verzögert habe. Trotz der offensichtlich widersprüchlichen Beweislage zeigte sich das Gericht überzeugt, Oury Jalloh habe das Feuer in der Zelle selbst gelegt. Der BGH bestätigte das Urteil, damit war die juristische Aufarbeitung des Todesfalls abgeschlossen.

Zahlreiche Gutachten wurden zum Fall Oury Jalloh gefertigt

Seitdem hat es zwar immer wieder Versuche gegeben, ein neues Todesermittlungsverfahren in Gang zu bringen. Zahlreiche Gutachten wurden gefertigt. Im Sommer 2016 etwa rekonstruierte ein Team aus acht Brandsachverständigen und anderen Experten in einer aufwendigen Versuchsanordnung noch einmal die angebliche Brandstiftung durch das Opfer. Ihr Fazit: Oury Jalloh konnte sich nicht selbst in Brand gesetzt haben. Das überzeugte auch den leitenden Oberstaatsanwalt in Dessau, Folker Bittmann, der jahrelang auf der Selbsttötungstheorie beharrt hatte. Nun ging auch er von einem Verbrechen aus und reichte die Akte im April 2017 zunächst an die Bundesanwaltschaft weiter. In seinem Vermerk verdächtigt Bittmann erstmals zwei namentlich genannte Polizisten, Oury Jalloh angezündet zu haben. Doch der Generalbundesanwalt lehnt eine Übernahme der Ermittlungen ebenso ab wie die vom Generalstaatsanwalt mit der erneuten Prüfung des Vorgangs beauftragte Staatsanwaltschaft Halle. Auch spätere Anzeigen wegen Mordes und Klageerzwingungsanträge des Rechtsbeistands der Opferfamilie wurden von der sachsen-anhaltinischen Justiz durchweg als „unbegründet“ abgewiesen.

Aber die Unterstützer:innen von Jallohs Familie, die sich in den vergangenen Jahren in mehreren zivilgesellschaftlichen Initiativen zusammengeschlossen haben, gaben nicht auf. Im Oktober 2019 präsentierte die „Internationale Unabhängige Kommission zur Aufklärung der Wahrheit über den Tod Oury Jallohs“ auf einer Pressekonferenz ein neues radiologisches Gutachten. Professor Boris Bodelle vom Universitätsklinikum der Goethe-Universität in Frankfurt am Main hatte dazu die Bilddateien der Computertomographie des Leichnams von Oury Jalloh ausgewertet. Laut diesem Gutachten seien „Knochenbrüche des Nasenbeins, der knöchernen Nasenscheidewand sowie ein Bruchsystem in das vordere Schädeldach sowie ein Bruch der 11. Rippe rechtsseitig nachweisbar. Es ist davon auszugehen, dass diese Veränderungen vor dem Todeseintritt entstanden sind.“

Brandgutachten im Fall Oury Jalloh bestätigt Befürchtungen

Im vergangenen Herbst gab die „Initiative zum Gedenken an Oury Jalloh“ ein weiteres Brandgutachten in Auftrag. Der britische Sachverständige Iain Peck ließ Schweinehaut und Schweinefleisch auf ein mit Organen gefülltes Plastikskelett nähen, um die Reaktion des Körpers auf das Feuer zu simulieren. Dem in einem originalgetreuen Nachbau der Zelle auf eine typengleiche feuerfeste Matratze geschnallten Dummy wurde dabei die gleiche Kleidung angezogen, wie Jalloh sie am Tag seines Todes trug.

Das Ergebnis des Versuchs: Um ein Brandbild wie am Dessauer Tatort zu erreichen, musste der Körper mit mindestens zweieinhalb Liter Benzin übergossen und angezündet werden. Außerdem musste die Zellentür dabei geöffnet sein. „Das bloße Entzünden der Matratze oder der Kleidung würde niemals einen solchen Grad an Verkohlung (wie an Oury Jallohs Leichnam festgestellt – d.A.) nach sich ziehen“, sagte Peck auf einer Pressekonferenz Anfang November in Berlin.

Sachsen-Anhalt: Feuertod von Justiz nie konsequent untersucht worden

Für die Sprecherin der Initiative, Nadine Saeed, lässt dieses Ergebnis nur eine Schlussfolgerung zu: Mehrere Dessauer Polizeibedienstete hatten Jalloh so schwer misshandelt, dass er bereits handlungsunfähig oder sogar schon tot war, als sie ihn mit Brandbeschleuniger besprühten und anzündeten, um die zuvor zugefügten Verletzungen zu vertuschen, sagte sie.

Trotz all dieser Indizien ist der Feuertod von Oury Jalloh in der Gewahrsamszelle 5 der Dessauer Polizeiwache bis heute nie konsequent von der Justiz in Sachsen-Anhalt untersucht worden. Und auch der Landtag in Magdeburg hat es mit den Stimmen von SPD, CDU und Grünen im vergangene Jahr abgelehnt, einen Untersuchungsausschuss zu dem Fall einzusetzen, obwohl zwei vom Parlament eingesetzte Sonderermittler in einem Prüfbericht zahlreiche Fehler der Behörden benannt hatten. Es scheint, als wolle das ostdeutsche Bundesland die Hintergründe von Oury Jallohs Tod mit aller Macht weiter unter der Decke halten. Vielleicht aus der Sorge, dass man auch frühere Todesfälle in dem Dessauer Polizeirevier dann einer genaueren Untersuchung unterziehen müsste: den Tod des 36-jährigen Hans-Jürgen Rose, der am 7.Dezember 1997 starb und dessen Leiche Folterspuren aufwies; sowie den Fall des 36-jährigen Mario Bichtemann, der einen Schädelbruch erlitten hatte. Seine Leiche wurde am 30. Oktober 2002 in jener Gewahrsamszelle Nummer 5 gefunden, in der auch Oury Jalloh starb. (Andreas Förster)

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