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Der Landkreis Prignitz in Brandenburg nennt sich selbst eine „Potenzialregion“.

Region im Wandel

Im Osten was Neues

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Der Bund will den abgehängten Regionen im Osten helfen. Die Menschen dort wissen, was für sie am besten ist. Ein Besuch im Städtchen Tangerhütte.

Andreas Brohm gähnt, aber er nimmt den Fuß nicht vom Gas. Sein Citroën fliegt über die Landstraße zwischen Bittkau und Scheeren. Drei Stunden Schlaf hat der Bürgermeister von Tangerhütte vergangene Nacht bekommen. Bis drei Uhr morgens kämpfte er mit der Feuerwehr gegen die Flammen, die in Bittkau ein Haus verschlangen.

Brohm hatte einmal den Absprung geschafft aus Tangerhütte in der Altmark, nördlich von Magdeburg. Für einen wie ihn war es hier zu langweilig. Eigentlich war es für fast alle aus seiner Generation zu langweilig. Wer etwas erreichen wollte, machte sich auf den Weg. Einen Vorteil hat die Lage dieses stillen Landstrichs auf halbem Weg zwischen Berlin und Hannover, zwischen Leipzig und Hamburg: Man ist schnell weg. Brohm studierte Betriebswirtschaft in Leipzig, arbeitete europaweit als Musical-Manager, zog nach Berlin. Langweilte sich wieder – und kam mit Frau und Kindern zurück. Seit fünf Jahren ist der 42-Jährige parteiloser Bürgermeister der Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte. 32 Ortsteile mit rund 10 000 Einwohnern auf der Fläche von Frankfurt am Main. Im Osten die Elbe, im Westen die Baustelle der Autobahn 14, im Norden Stendal, im Süden Magdeburg.

Tangerhütte verliert jedes Jahr 100 Menschen

Der Landkreis Stendal, zu dem Tangerhütte gehört, belegt im aktuellen „Prognos Zukunftsatlas“ Platz 401 von 401. Der westliche Nachbarkreis Salzwedel Platz 400. Der südöstliche Nachbarkreis Jerichower Land Platz 399. In Berlin beschließt die Bund-Länder-Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“, Strukturförderung nicht mehr nach Himmelsrichtung zu verteilen, sondern nach Bedürftigkeit. Eines aber ist auch klar: Die allermeisten Fördergebiete werden weiter im Osten liegen. Aber wer und was soll da gefördert werden? Die Bevölkerungsprognose für Tangerhütte zeichnet eine unaufhaltsam sinkende Kurve. Hier wird dauerhaft mehr gestorben als zur Welt gekommen.

Als Betriebswirt und Bürgermeister kennt Brohm natürlich diese Zahlen. Er kennt die Forderungen anderer Wirtschaftswissenschaftler, Gegenden wie die Altmark und Dörfer wie diejenigen um Tangerhütte herum langfristig aufzugeben. Ein Betriebswirt, der nicht von hier kommt und hierhin zurückgekehrt ist, würde von dem guten Geld reden, das man dem schlechten nicht hinterherwerfen dürfe. Brohm aber findet, dass die Zahlen nicht alles sind, wenn von Dörfern, Städten, Heimat die Rede ist. „Da versagt unser kapitalistisches System“, sagt er. „Wo bleiben denn die kulturellen Werte?“ Und er nennt andere Zahlen. „Wir wohnen jetzt in einem 90-Seelen-Dorf. Jeden Morgen stehen dort sechs Kinder an der Bushaltestelle und warten auf den Schulbus. Es gab viele Jahre, da stand dort kein einziges Kind“, erzählt er. Eines Morgens habe er seinen alten Nachbarn gefragt: „Hättest du geglaubt, dass es mal wieder so kommt?“ Niemals, habe der Nachbar gesagt. Warum auch? Wer Jahr um Jahr erlebt, wie es abwärts geht, vergisst, dass es auch eine Gegenrichtung gibt.

ICE-Strecke macht die Kreisstadt attraktiv für Stadtflüchtige

Tangerhütte verliert jedes Jahr 100 Menschen. Nicht mehr durch Wegzug, sondern durch Überalterung. „Mein Ziel ist es, diese 100 aufzufangen durch Zuzug“, sagt Brohm. Stolz zeigt er ein Baugebiet am Rande des Dorfes Lüderitz, das in ein paar Jahren eine eigene Autobahnauffahrt bekommt. Alle Bauplätze wurden verkauft, auf einigen stehen neue Eigenheime. Auch eine Ärztin ist hergezogen, zurückgekehrt in die Landschaft ihrer Kindheit. Sie hat Kinder, öffnet ihre Praxis nur halbtags. Es rechnet sich für sie trotzdem. Alteingesessene protestieren dennoch: Warum hat die neue Ärztin so kurze Sprechstunden? Brohm versucht dann zu erklären, dass die Zeiten andere sind, auch auf dem Land. Er kennt die ganzen kleinen Konflikte, die schleichende Veränderung.

Brohm kurvt jetzt durch Tangerhütte. Hinter Wildwuchs verfällt sein altes Gymnasium, 1981 erbaut, als Tangerhütte eine aufstrebende Kreisstadt mit 8000 Einwohnern war. Heute sind es 3000 weniger. Am Altmärkischen Gymnasium machte Brohm Abitur. Seit zwölf Jahren steht seine alte Schule leer. Eine Nachnutzung für den DDR-Typenbau ist nicht in Sicht. „Es tut weh, das zu sehen“, sagt Brohm.

Am Mittwoch werden drei Bundesminister in Berlin die Ergebnisse der Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ vorlegen. Innenminister Horst Seehofer (CSU), Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Familienministerin Franziska Giffey (SPD) werden kaschieren, dass es keine neuen Förderprogramme geben wird, sondern nur die alten umgesteuert werden. Brohm hat zwei Arbeitsgruppen-Sitzungen der Kommission mitgemacht. Er will keine Förderprogramme. Er will Geld.

20 Kreativarbeiter aus den Großstädten sollten ein halbes Jahr nach Wittenberge ziehen

Brohm wünscht sich, dass der Bund Gemeinden wie Tangerhütte eine pauschale Summe zur Verfügung stellt, über deren Verwendung vor Ort entschieden werden kann. Er kann ziemlich radikal werden, wenn er diesen Wunsch skizziert. Aber er hat gute Argumente. Gerne hätte er rasch seine Schulen saniert. Dieses Jahr aber bekommt Tangerhütte eine halbe Million für Schulsanierungen, damit kann er eine Etage sanieren. Fast eine ganze Million gibt es aus Hochwasserschutzmitteln zum Wegebau. Was hilft dem Image mehr, fragt Brohm. Eine schicke Schule oder ein neuer Weg draußen auf den Wiesen?

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„Was willst du denn in Tangerhütte?“, haben Brohms Berliner Freunde gefragt. „Außer Nazis ist da doch nichts.“ Die Arbeit am Image ist mühselig. Doch langsam dreht es sich. Stendal, direkt nördlich von Tangerhütte, erlebt einen kleinen Immobilienboom, die Lage an der ICE-Strecke macht die Kreisstadt attraktiv für Stadtflüchtige, die ortsungebunden arbeiten können. Von ihnen will auch Wittenberge profitieren, 90 Kilometer elbabwärts, Landkreis Prignitz in Brandenburg, Rang 395 im „Prognos-Zukunftsatlas“. Wittenberge war Textil- und Nähmaschinenstadt und ist immer noch Eisenbahnknotenpunkt zwischen Hamburg und Berlin. Seit den 1980er Jahren hat die Stadt die Hälfte ihrer Bewohner verloren, 17 000 sind es noch. Vor einem halben Jahr stellte sich Bürgermeister Oliver Hermann zwei Fragen: Wissen Berliner und Hamburger Laptop-Arbeiter, wo Wittenberge liegt? Würden digitale Nomaden aus den Metropolen Interesse zeigen, für ein halbes Jahr hier zu leben, zu arbeiten?

Hoffnung auf einen Imagegewinn für Wittenberge

Er stellte sich die Fragen, weil ein junger Mann vorbeikam, der Fördergeld wollte. „Summer of Pioneers“ heißt das Projekt, das Frederik Fischer vorstellte. 20 Kreativarbeiter aus den Großstädten sollten ein halbes Jahr nach Wittenberge ziehen, zum Probewohnen und Arbeiten. Für 150 Euro monatlich bekommen sie eine Wohnung und einen Platz im Coworking-Space mit Elbblick.

Hermann fand die Idee super. Aber würde sich jemand bewerben? 60 Bewerbungen gab es, darunter sind Social-Media-Spezialisten, Dokumentarfilmerinnen, eine Märchenerzählerin, eine Psychologin. Alle sollten Ideen angeben, was sie in diesem halben Jahr für die Menschen in Wittenberge anbieten wollen. 20 von ihnen wurden ausgewählt, die ersten sind am 1. Juli eingezogen.

„Wir erhoffen uns von dem Projekt einen Imagegewinn für Wittenberge und nicht zuletzt auch neue Ideen für die Elbestadt“ sagte Bürgermeister Hermann bei der Vorstellung des mit 80 000 Euro aus Landesmitteln geförderten Projekts. „Es muss aufhören, dass der ländliche Raum schlechtgeredet wird. Es geht auch darum, Provinz umzudeuten“, fordert er. Natürlich würde er sich wünschen, wenn sich einige der 20 Probe-Wittenberger nach Ablauf des Projekts für einen Umzug in die Stadt entscheiden. Wichtiger aber sei, die Stadt im Gespräch zu halten.

Der Coworking-Space am Elbufer soll nicht nur den Projektteilnehmern, sondern auch den Wittenbergern offenstehen, kündigte Fischer an. Hermann sieht ihn als Testlauf für ein ähnliches Projekt an anderer Stelle: die Wiederbelebung des Bahnhofsgebäudes. Die riesige Halle des alten Mitropa-Restaurants böte genug Platz für großstadtmüde Digital-Arbeiter in der Mitte zwischen Hamburg und Berlin. In der Mitte des leeren Landes, das neue Chancen sucht.

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