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Friedrich Merz will als AfD-Schreck punkten.

Merkel-Nachfolge

Im Osten ist Friedrich Merz kritischer

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Friedrich Merz arbeitet an seinem Image: Beim Topthema der Rechten, der Migration, positioniert er sich je nach Region.

Einen Fehler hat Friedrich Merz nicht wiederholt. Auf der ersten CDU-Regionalkonferenz in Lübeck verkündete er, er merke angesichts der vollbesetzten Halle, „was mir in den letzten Jahren ein bisschen gefehlt hat“. Die Zuhörer, die den Politik-Rückkehrer zuvor bei der Vorstellung noch mit dem meisten Applaus bedacht hatten, reagierten mit einem kollektiven spöttischen „Oooh.“

Merz ist neben Kramp-Karrenbauer einer der beiden Favoriten des Rennens um den CDU-Vorsitz. Seine Fans sind lauter. Sie haben seine Abwesenheit betrauert und begrüßen ihn nun wie einen Heilsbringer: Der Wirtschaftsflügel hat schnell seinen bisherigen Liebling Jens Spahn vergessen.

Auch die Schülerunion hat sich für ihn entschieden und die Junge Union Baden-Württemberg. Viele Altvordere sind für den Altvorderen – wie der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch und EU-Kommissar Günther Oettinger. Wolfgang Schäuble, die graue Eminenz der Partei, hat Merz’ Kandidatur mit befeuert.

Merz, der zwei Jahre lang Fraktionschef war, bevor Angela Merkel ihn ablöste, hat einen Ruf aus der Vergangenheit: schneidig, konservativ, Wirtschaftsexperte. Seinen Anhängern reicht das, sie sehen in ihm die Korrektur der Merkel-CDU. Aber diese Anhänger reichen Merz offenbar nicht: Er versucht, sich mittiger zu präsentieren. Er lobt Merkel und legt sogar sein Markenzeichen, die Bierdeckel-Steuererklärung, zu den Akten. Nicht mehr zeitgemäß, sagt Merz.

Zum Weichzeichnen gehört das Persönliche: Er erzählt also in Rheinland-Pfalz, dass er im nahen Kusel als Bundeswehrsoldat einen Lehrgang gemacht und ihm die Wehrpflicht im Übrigen nicht geschadet habe. Er lässt einfließen, dass er sich um seine betagten Eltern kümmere und dass er an seinen drei erwachsenen Kinder sehe, dass junge Leute anders leben wollten als er früher.

Freundlich und zugewandt tritt er auf, den scharfen Ton von einst dreht er hoch, wenn er sich von der AfD abgrenzt. Wenn braune und schwarze Horden durch Städte zögen und der Hitlergruß gezeigt werde, müsse das der CDU „durch Mark und Bein gehen“, sagt er. Stolz verkündet er, die AfD fertige schon Dossiers gegen ihn an: „Bravo, das habe ich gewollt.“

Als AfD-Schreck will er also punkten. Beim Topthema der Rechtspopulisten, Migration, positioniert er sich je nach Region: In Schleswig-Holstein lobt er die Aufnahme von Flüchtlingen 2015; in Thüringen erklärt er, er wolle „nicht lange zurückblicken im Zorn“, aber ein Störgefühl wegen Kontrollverlusts teile er. Merz zögert beim UN-Migrationspakt. Die Einschränkung des Grundrechts auf Asyl fordert er, um dies am nächsten Tag wieder zu revidieren. Zugleich hart und weich sein – ein Fehler oder eine besonders raffinierte Taktik der Frankfurter Unternehmensberatung, die Merz an seiner Seite hat?

Die Frage nach seinem Einkommen beantwortet Merz so zögerlich, dass er unvorbereitet wirkt. Er zählt sich mit einer Million Euro dann zur Mittelschicht. Die Debatte verdrängt immerhin die über seinen Arbeitgeber, den Vermögensverwalter Blackrock.

Wird er mit Kanzlerin Merkel zusammenarbeiten können, der er lange in so leidenschaftlicher Abneigung gegenüberstand? Klar, versichert Merz, setzt aber Ärgerpunkte für die SPD in der Sozialpolitik. Er bremst auch die Erwartungen: Es werde schwierig, die Abschaffung des Soli, eine Steuersenkung und mehr Geld für die Bundeswehr gleichzeitig zu finanzieren: „Lassen wir mal die Tassen im Schrank.“ 

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