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Ortskräfte aus Afghanistan: Das lange Warten

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Von: Fabian Scheuermann

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Deutsche Botschaft in Islamabad . Islamabad , Pakistan . German Embassy in Islamabad , Pakistan . 03.04.2009 , Islamabad PAK Pakistan PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xThomasxImox
Deutsche Botschaft in Islamabad . Islamabad , Pakistan . German Embassy in Islamabad , Pakistan . 03.04.2009 , Islamabad PAK Pakistan PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xThomasxImox © imago/photothek

Die deutschen Botschaften rund um Afghanistan können die vielen Visumsanträge von Schutzsuchenden nicht bewältigen – die Linke kritisiert, manche könnten noch Jahre auf ein Visum warten.

Es ist ein Satz, der vielen Menschen aus Afghanistan, die auf Schutz in Deutschland hoffen, durch Mark und Bein gehen dürfte. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts schreibt auf Anfrage der Frankfurter Rundschau: „Die Wartezeit für Termine für Visa zum Familiennachzug für afghanische Staatsangehörige bei den Auslandsvertretungen in Islamabad und Neu-Delhi beträgt auch derzeit noch über ein Jahr.“

Gut sechs Monate nach der Machtübernahme der Taliban in ganz Afghanistan stehen alleine in den Botschaften in Pakistan und Indien 4400 Personen auf Wartelisten für den Familiennachzug zu afghanischen Staatsangehörigen in Deutschland. „Bei diesem Tempo dauert die Visumsbearbeitung noch Jahre“, kritisiert die linke Bundestagsabgeordnete Gökay Akbulut.

Personal in Auslandsvertretungen aufgestockt

Die neue Bundesregierung hat sich vorgenommen, die Visumsvergabe zu beschleunigen. Laut Auswärtigem Amt wurde Anfang des Jahres die Möglichkeit zur Antragstellung auf weitere Botschaften in der Region – etwa Teheran – ausgeweitet. Zudem habe man seit der Machtübernahme der Taliban temporär Personal in den Visumsabteilungen der Botschaften aufgestockt, in Islamabad etwa neun Personen.

Die Botschaft dort ist wegen ihrer Nähe zu Afghanistan – es sind gut 200 Kilometer bis zur Grenze – besonders belastet. Laut Auswärtigem Amt soll in Islamabad daher künftig auch ein „externer Dienstleister“ zur Bearbeitung der Verfahren zur Familienzusammenführung hinzugezogen werden. „Ein bisschen Zeit“ werde die Umsetzung aber noch in Anspruch nehmen. Derzeit sind in den Visumsbereichen in Islamabad und Neu-Delhi 48 Mitarbeiter:innen im Einsatz – nach einem zwischenzeitlichen Rückgang ist damit ungefähr wieder der Personalstand von 2019 erreicht.

Frau aus Afghanistan berichtet

Auch Arima wartet auf einen Termin bei der Botschaft in Islamabad, für ihre Mutter und ihre Brüder, die vor den Taliban zunächst nach Pakistan geflohen sind und nun ihrer Tochter beziehungsweise Schwester nach Deutschland folgen wollen. Arimas Familie gehört zur von den Taliban benachteiligten und verfolgten Hazara-Minderheit. 2018 ist Arima über den Iran nach Deutschland geflohen und hat hier Schutz erhalten. Sie lebt in Südhessen und möchte ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen – aus Sorge um ihre Angehörigen, die noch in Afghanistan leben.

AnlaufStellen

Die Deutsche Botschaft in Kabul ist seit dem Einmarsch der Taliban am 15. August 2021 geschlossen. Visumsanträge für afghanische Schutzsuchende können nur noch in deutschen Botschaften und Konsulaten außerhalb Afghanistans bearbeitet werden. Visumsanträge für den Famliennachzug von Afghan:innen können nicht überall bearbeitet werden. Bisher ging das nur in Islamabad und Karatschi (Pakistan) sowie in Neu-Delhi (Indien).

Wegen der geografischen Nähe stellten bisher besonders viele Afghan:innen iAnträge n Islamabad. Wegen der hohen Belastung dort und weil sich auch viele Menschen aus Afghanistan in Ländern wie Iran oder der Türkei befinden, hat das Auswärtige Amt die Möglichkeiten der Antragstellung beim Familiennachzug nun auf weiteren Botschaften und Konsulate in der Region ausgeweitet. fab

Als die Kämpfer der Taliban im August Kabul einnahmen, holte sich Arima in Deutschland schnell Hilfe, um Mutter und Brüder zunächst nach Pakistan zu retten. Arima hat in Afghanistan zwischen 2013 und 2015 als Dolmetscherin für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gearbeitet und sieht ihre Familie auch deshalb in erhöhter Gefahr. Als Ortskraft gilt sie aber nicht. Denn sie war „nur“ Honorarkraft.

Pro Asyl kritisiert Entwicklungsministerium

Beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) heißt es, dass „Mitarbeiter“, die im GIZ-Auftrag gearbeitet haben und „aufgrund dieser Tätigkeit unmittelbar konkret oder latent gefährdet“ seien, als Ortskräfte gelten. Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl kritisiert jedoch, dass das BMZ „nur die als Ortskraft definiert, die mit Arbeitsverträgen ausgestattet waren“. Die Definition müsse der Realität angepasst werden. Denn die Taliban orientierten sich „nicht am Arbeitsvertrag, sondern an der Tätigkeit“.

Arima erinnert sich an einen Angriff auf das Büro, wo sie 2015 gedolmetscht hat. Danach habe sie aus Angst vor weiteren Angriffen gekündigt, erzählt sie: „Ich wollte da nicht mehr arbeiten.“

Als die Taliban im August 2021 in ganz Afghanistan die Macht übernahmen, bekam die 28-jährige Arima in Deutschland Hilfe von Azada Sharifi, einer 23-jährigen Studentin mit afghanischen Wurzeln aus Frankfurt. Sie lernten sich über das Afghan Refugees Movement kennen – einer in der Rhein-Main-Region organisierten Gruppe von afghanischen Aktivist:innen. Sharifi sammelte in einer Crowdfunding-Aktion in kurzer Zeit 4000 Euro für Arimas Familie ein, sodass diese sich noch im August auf den Weg nach Pakistan machen konnte.

Hoffnung auf Hilfe in Pakistan

Doch dort stehen Arimas Mutter und ihre Brüder nun vor vielen weiteren Problemen. Die lange Wartezeit bei der deutschen Botschaft in Islamabad ist eine davon. Zunächst hofft Arima, ihre Angehörigen über die Internationale Organisation für Migration als Flüchtlinge registrieren lassen zu können, damit sie in Pakistan Hilfe bekommen können. Denn arbeiten darf Arimas Familie nicht und das Geld ist aufgebraucht. Dass Arima zwar Ortskraft war, aber nicht als solche gilt, ist ein weiteres Problem.

Und dann ist da noch die Definition der Kernfamilie, die in Deutschland für den Familiennachzug gilt: Die Mutter einer erwachsenen Person gehört genauso wenig dazu wie erwachsene Geschwister. Ausnahmen gibt es nur in Einzelfällen. Arima hofft, Hilfe zu bekommen, weil ihre Mutter krank ist. Das wollen ihre Brüder vor Ort in der Botschaft klären – wenn sie einen Termin bekommen. „Die Botschaft will drei Monate, bevor es wieder einen Termin gibt, Bescheid geben“, sagt Arima.

Arima klingt verzweifelt. Sie erzählt von ihrem Bruder, der in der nordwestafghanischen Region Sar-e Pol schon vor dem Fall Kabuls von den Taliban ermordet worden sei, und von ihrem verschwundenen Vater. Sie berichtet von zunehmender Gewalt. Von Hazara-Mädchen, die ihren Familien abgenommen werden. Von ihrer Tante und weiteren Verwandten, die jetzt auch getötet worden seien. „Was mit den normalen Personen und Minderheiten in Afghanistan passiert“, glaubt Arima, „dafür interessiert sich hier kaum jemand.“

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