+
„Russland muss Chrom zu 80 Prozent importieren“, sagt Jewgeni Selenjew. In Südafrika, wo sich diese Chrommine befindet, lagern die größten Vorräte des Rohstoffs.

Russische Söldner in Afrika

„Globale Interessen werden neu verteilt“

  • schließen

Der Orientalist Jewgeni Selenjew über Russlands Pläne südlich der Sahara.

Welche Motivation steht hinter den wachsenden Aktivitäten Russlands in Afrika?
Unsere Staatsführung musste feststellen, dass Russland gegenüber den USA, der EU, China oder Japan an die Grenzen seiner Außenpolitik gekommen ist. Afrika aber ist eine der letzten Regionen, wo Russland in der Lage ist, als globale Macht aufzutreten. Dort kann Russland mit den Mitteln, die es einmal gewählt hat, sehr erfolgreich Politik machen.

Das heißt vor allem mit Waffenverkäufen und Militärberatern?
Russland verkauft tatsächlich elf Prozent des Exports schwerer Waffen nach Afrika. Russlands Intervention in Syrien, sein hartes und konsequentes Vorgehen dort, hat viele Staatschefs Afrikas euphorisiert. Bei ihnen gilt Russland als ein starker Staat, der seine Freunde nicht im Stich lässt, der auch ihren Regimes Sicherheit garantieren kann. Aber die einzigen, die auf diesem Kontinent wirklich Sicherheit garantieren können, sind die USA, die hier mehr Militärobjekte als Botschaften unterhalten: 60, davon 30 bemannt.

Und die russischen Militärs in Sudan oder der ZAR? Werden russische Söldner auch in anderen Ländern auflaufen?
Mir fehlen zurzeit die Informationen, um auf diese Frage zu antworten. Aber ich sehe nicht, dass in Afrika massenhaft militärische oder paramilitärische Strukturen aus Russland auftauchen könnten. Vermutlich hätte auch Russland Möglichkeiten, um ein Netz von Militärbasen in Afrika zu errichten. Aber das ist wohl weder wirtschaftlich noch politisch realistisch.

Und welche realistischen Interessen verfolgt Russland auf dem Kontinent?
Sehr pragmatische. Russland benötigt dringend afrikanische Rohstoffe. Es geht nicht um politische Vorteile, sondern um die wirtschaftliche Existenz. Russland muss sein Mangan zu 100 Prozent importieren, Chrom zu 80 Prozent, Bauxit zu 60 Prozent. Auch andere für Rüstungs- und Elektrotechnik unverzichtbare Metalle stammen vor allem aus Afrika. Die größten Chromreserven lagern in Südafrika, Gabun und Ghana, also wird Russland in den kommenden Jahren sein Interesse gegenüber diesen Staaten aktivieren. Und jedes Land fördert gern Gold, Öl oder Diamanten. Deshalb sind die russischen Rohstoffkonzerne ebenfalls an Afrika interessiert, zum Teil schon seit Jahrzehnten dort aktiv.

Jewgeni Selenjew, 63, Petersburger Professor der Moskauer Hochschule für Wirtschaft, gehört zu den Autoren eines Strategiepapiers über die künftige russische Politik gegenüber Afrika, das das russische Außenministerium in Auftrag gab.

Ein neuer Wettlauf um Afrika und seine Reichtümer?
Heute werden in Afrika globale Interessen neu verteilt. Seit zwei, drei Jahren wachsen die Investitionswerte der führenden Länder Afrikas. Afrika ist wirtschaftlicher Mainstream geworden, wer das jetzt nicht bemerkt, gerät morgen zur weltpolitischen Randfigur. Auch darum ist das Engagement dort in Russlands nationalem Interesse.

Wie erfolgreich ist dieses Engagement, welche Perspektiven hat es?
Die einflussreichsten Staaten der Welt konkurrieren um Afrika. Wirtschaftlich dominiert die EU mit einem Warenaustausch von 340 Milliarden Dollar, dann kommt China mit 200 Milliarden Dollar. Russland mit seinem Anteil von 1,8 Prozent am weltweiten BIP fehlen die Finanzmittel, um sie zu verdrängen. Südlich der Sahara haben wir inzwischen neun, zehn Partnerstaaten, mit denen wir gut kooperieren oder die das Potenzial für solch eine Kooperation besitzen. Aber bisher sind die Erfolge eher fragmentarisch. Offizielle Rechenschaftsberichte verbuchen schon eine Glühbirnenfabrik in Burundi als Erfolg.

Interview: Stefan Scholl

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion