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Marius Schäfer (r) verfolgt mit Vater Lars die Organspendedebatte. Seine beiden Eltern haben ihm vor acht Jahren je einen Teil ihrer Lunge gespendet. Zum Bundestagsvotum sagt er: „Das Recht auf Leben sollte mehr zählen als das Recht, unversehrt begraben zu werden.“

Bundestag

Organspende: Von Tod und Selbstbestimmung

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Sterben, weil der rettende Anruf nicht kommt: Der Bundestag beschließt nach emotionaler Debatte nur die „kleine“ Reform. Aufklärung soll nun erst mal helfen.

Für einen kurzen Moment ist es so still wie fast nie in einer Sitzung des Bundestags. Unions-Fraktionsvize Gitta Connemann hat gerade am Rednerpult über einen Mitarbeiter gesprochen. Gerade erst Vater geworden, bekam der Mann die Diagnose einer lebensgefährlichen Erkrankung. Er habe auf den Anruf gewartet, der ihm sagen sollte: Wir haben ein Organ für dich. Doch der Anruf, so Connemann, sei ausgeblieben, der Mitarbeiter verstorben.

Die Abgeordneten des Bundestages debattieren am Donnerstag über die Organspende. Es ist eine der seltenen Gelegenheiten, zu denen im Parlament quer zu allen Fraktionslinien diskutiert und entschieden wird. Im Zentrum steht die Frage: Soll künftig jemand, der zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat, als Organspender gelten?

Als Connemann spricht, weiß sie noch nicht, dass eine solche, auch von ihr selbst eindringlich geforderte Widerspruchslösung am Ende eine Mehrheit deutlich verfehlen wird. Der Gesetzentwurf, gestützt von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, erhält von 292 von 674 abgegebenen Stimmen. 379 Abgeordnete stimmen gegen den Vorschlag, drei enthalten sich. Lauterbach begründet die Initiative damit, dass die Spendenbereitschaft hoch, die Zahl der Spenden aber vergleichsweise niedrig sei. Obwohl laut Umfragen 85 Prozent der Bevölkerung der Organspende positiv gegenüber stünden, sei Deutschland Schlusslicht bei den Organspenden. Seine Schlussfolgerung: „Es fehlt eine einfache, unbürokratische Regelung, wie man zum Spender wird.“ Das, so Lauterbach, sei die Widerspruchslösung.

Doch viele Parlamentarier kritisieren, die Widerspruchslösung greife zu stark in das Selbstbestimmungsrecht des Menschen ein. Deshalb haben Grünen-Chefin Annalena Baerbock und andere einen alternativen Entwurf eingebracht, der unter anderem die die Schaffung eines Onlineregisters vorsieht. Die Idee, dass der Staat Schweigen bereits als Zustimmung für die Organspende werten dürfe, lehnen sie kategorisch ab.

Baerbock betont, auch sie wolle, dass mehr Kranken mit Spenderorganen geholfen werde. Sie sehe den Staat aber in der Pflicht, das mildeste Mittel zu wählen. Die Abgeordneten, so Baerbock, stimmten auch über die Frage ab: „Wem gehört der Mensch?“ Die SPD-Abgeordnete Hilde Mattheis pflichtet bei und betont, sie wolle nicht auf die Trägheit und den Unwillen von Menschen setzen, sich mit dem eigenen Tod zu befassen. „Eine Spende muss eine Spende bleiben.“

Wie lebhaft die Diskussion in den vergangenen Wochen auch innerhalb der Fraktionen gewesen ist, zeigt sich zum Beispiel an der FDP. Hermann Otto Solms sagt ausdrücklich, auch als Liberaler trete er für die Widerspruchslösung ein. Denn auch sie sehe vor, dass jeder die Gelegenheit habe, Nein dazu zu sagen. „Ich verwehre mich also gegen diese Behauptung, die Widerspruchslösung würde das Recht auf die Selbstbestimmung einschränken“, sagt Solms. Er setzt hinzu: „Sie ermutigt alle Bundesbürger, sich aktiv mit dieser Frage zu beschäftigen.“

Befürworter wie Gegner der Widerspruchslösung sind uneins darüber, wie höhere Spendenzahlen in anderen Ländern zu interpretieren sind. Aus Sicht der Befürworter der Widerspruchslösung sind die Erfolge eindeutig darauf zurückzuführen, dass dort auf diese Weise mehr Menschen als Organspender erkannt werden. Die Kritiker bezweifeln das: Wichtiger sei eine gute Organisation der Abläufe. In Deutschland seien im Klinikalltag bislang viel zu selten Menschen nach einem Hirntod gemeldet worden.

Am Ende setzt sich die von Baerbock und anderen vorgeschlagene Lösung durch, die auf Aufklärung setzt. Die Praxis wird nun zeigen, ob es zu höheren Spendenzahlen kommt. Gesundheitsminister Jens Spahn bezweifelt das: Die Wahrheit sei, dieser Gesetzentwurf ändere an der heutigen Lage nichts.

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