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Zu wenige Organspenden in Deutschland treiben immer wieder Schwerkranke nach Spanien und Österreich. Sie hoffen dort auf Rettung.

Spanien Vorreiter

Zu wenig Organspenden: Immer mehr Schwerkranke suchen andere Wege

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Der massive Mangel an Spenderorganen in Deutschland zwingt immer wieder Schwerkranke zu anderen Mitteln. 

Er hat Angst. Keinen Namen, keinen Ort, keine Zeitangaben, bittet er. Nichts dürfe ihn erkennbar machen, wenn sein Fall in der Zeitung steht: Denn „ich muss vielleicht noch mal in meinem Leben nach Spanien, wenn ich wieder eine Niere brauche“. Zuviel Öffentlichkeit schade da nur, sonst schiebe Spanien dem „Gesundheitstourismus“ noch einen Riegel vor.

Organspende: Schwerkranke treibt es ins Ausland

Dabei hat Achim H. (so heißt er nur hier) etwas ganz Legales getan. H. ist chronisch nierenkrank und hat vor einiger Zeit in Spanien seine zweite Transplantatniere bekommen. Die erste hatte vielleicht 15 Jahre gehalten, danach folgten viele Jahre Dialyse mit all den zehrenden Begleiterscheinungen einer Mangeltherapie. Durch die erste Transplantation und andere Erkrankungen hat H. so viele Antikörper entwickelt, dass er als „hochimmunisiert“ gilt. Das ist nicht selten bei Menschen, denen Organe transplantiert wurden. Er hatte damit in Deutschland wegen der ohnehin langen Wartezeiten praktisch keine Chancen, jemals ein passendes Organ zu bekommen. Das kommt über kurz oder lang einem Todesurteil gleich. Zuletzt lag er immer häufiger im Krankenhaus.

Die Debatte
Mit einer Expertenanhörung im Bundestags-Gesundheitsausschuss geht die hitzige Debatte über eine Reform des Organspenderechts an diesem Mittwoch in die nächste Runde. Abgestimmt wird womöglich noch in diesem Jahr. Im Ziel sind sich alle einig: Deutschland braucht mehr Spenderorgane.

Die Widerspruchslösung will eine Gruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einführen. Danach gilt jeder als Organspender, der nicht zu Lebzeiten seinen Widerspruch erklärt hat – oder dessen Angehörige wissen, dass er gegen eine Spende war. Dazu wäre ein zentrales Register nötig.

Die derzeitige Zustimmungslösung weiterentwickeln will eine Gruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock. Organe dürften demnach weiterhin nur Personen entnommen werden, die zu Lebzeiten dazu Ja gesagt haben. Das soll auch über ein Online-Register und an den Ausweisstellen möglich sein.

Am 30. September gibt es in Halle erstmals eine bundesweite Gedenk- und Dankveranstaltung für Organspender. Das Begegnungstreffen von Organempfängern und Hinterbliebenen von Spendern soll, so Minister Spahn, dazu beitragen, „ein größeres öffentliches Bewusstsein für die Organspende zu wecken“.

Weil H. aber leben wollte, hat er sich vorübergehend in Spanien niedergelassen, das weltweit führend ist bei Organtransplantationen. Eine Auswanderung auf Zeit: H. zog dorthin, meldete sich polizeilich an, bekam eine Sozialversicherungskarte und dann einen Platz auf der spanischen Warteliste. Der Weg war komplizierter, als es sich hier liest, und hat ihm finanzielle Einbußen beschert; wie viel, sagt er nicht. Inzwischen ist H. zurück in Deutschland.

Er ist nicht der Einzige. Der inzwischen siebenjährige, schwer herzkranke René aus Bayern lebt seit einem knappen Jahr mit seiner Mutter in Barcelona und steht dort seit Februar auf einer Warteliste für ein Spenderherz. Die deutsche Kasse zahlt, weil er in Deutschland, wie Kardiologen bestätigen, keine Chance hätte. Es gibt eine Facebookseite seines Unterstützerkreises, auf der ständig über ihn informiert wird.

Kommen schwerstkranke Deutsche in problematischer Zahl nach Spanien, um dort schneller ein neues Organ zu bekommen? „Mir ist kein Fall bekannt“, sagt ein spanischer Transplantationsmediziner auf FR-Anfrage. „Aber es ist für uns auch kaum feststellbar, ob ein Ausländer dauerhaft hier lebt oder nur für die Transplantation hergekommen ist.“ In jedem Fall prüfe aber die Transplantationsbehörde, ob alles mit rechten Dingen zugehe.

Und nicht nur das: Vor Monaten machten Berichte die Runde, dass das zentrale Transplantationsamt ONT nun handeln wolle. Künftig sollten nur Ausländer ein Spenderorgan bekommen, die schon mindestens zwei Jahre im Land leben. Ein Import der deutschen Probleme ist nicht erwünscht.

In Österreich, wo die Wartezeiten ebenfalls viel kürzer als in Deutschland sind, gibt es eine solche Schranke bereits. Ein Jahr müssen Ausländer dort leben, ehe sie in die Liste aufgenommen werden. Flüchtlinge brauchen eine Aufenthaltsbewilligung für mindestens ein Jahr. Dann dauert es bei Nieren im Schnitt drei bis fünf Jahre bis zur Transplantation - halb so lange wie in Deutschland.

Organspende: Widerspruchslösung angestrebt

Georg Böhmig, Nephrologe und Transplantationsmediziner an der Uniklinik Wien, bekommt „immer wieder mal“ Anfragen, wie man in der Alpenrepublik auf die Liste komme. Er sagt aber klar: „Wir wollen keinen Transplantationstourismus.“ Auch wenn er es „menschlich verständlich“ findet, „wenn Patienten nicht in Deutschland zehn Jahre auf eine Niere warten wollen, sondern nach anderen Lösungen suchen.“

Böhmig und sein spanischer Kollege sind sich einig: Die Widerspruchslösung ist ein sehr wichtiger Baustein der vergleichsweise guten Lage in ihren Ländern, aber nicht der einzige. In beiden Ländern werden einem Verstorbenen keine Organe entnommen, wenn die Angehörigen es nicht wollen - obwohl die Gesetze ein solches Vetorecht nicht vorsehen. Doch solche Fälle seien sehr selten.

Organspende hat in Spanien hohe soziale Akzeptanz

Misstrauen gegenüber dem Medizinapparat gebe es kaum, und die soziale Akzeptanz der Organspende sei sehr hoch: „Hier in Spanien“, sagt der Topmediziner, „gibt es einen breiten gesellschaftlichen Konsens, dass jeder, der mal eine Transplantation braucht, auch ein Recht darauf hat. Und dass daraus für alle die Pflicht folgt, sich mit der Frage einer Spende zu beschäftigen.“ Böhmig registriert in Österreich eine „sehr positive Einstellung zur Organspende, sowohl in der Bevölkerung als auch in der Ärzteschaft“. Käme es auch in Deutschland so weit, wäre Achim H. vielleicht geholfen. Seine zweite Niere wird, folgt man der Statistik, etwa sieben Jahre halten.

Seit Jahrzehnten wird die Bevölkerung darüber informiert, wie wichtig die Organspende ist. 

Reicht die Zustimmungsregel ung aus? 

In einem Kommentar widerspricht eine FR-Redakteurin den Plänen der Bundesregierung hinsichtlich einer Widerspruchslösung bei Organspenden.

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