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Eine Niere, die Leben retten soll. Derzeit warten in Deutschland rund 9500 Schwerkranke auf ein Spenderorgan.

Organspende

Organe spenden oder nicht: Die schwere Last der Hinterbliebenen

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Der Bundestag entscheidet heute über eine Gesetzesreform beim Thema Organspende. Der Frankfurter Arzt Rafael Reuter würde den Angehörigen gern die Bürde der Entscheidung abnehmen. 

Es ist schon merkwürdig, sinniert Rafael Reuter. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung besitzen 36 Prozent der Deutschen einen Organspendeausweis. „Gesehen habe ich noch keinen“, sagt der Internist am Krankenhaus Heilig Geist in der Frankfurter Innenstadt. Reuter ist Oberarzt der medizinischen Klinik in dem Haus mit 276 Betten, das mit fünf anderen die Funktion eines Notfallstandorts für das Versorgungsgebiet Frankfurt am Main/Offenbach innehat. Seit fünf Jahren ist der heute 46-Jährige dort Transplantationsbeauftragter – den muss seit einer Gesetzesänderung vor knapp einem Jahr jedes der bundesweit rund 1300 Entnahmekrankenhäuser bestimmen. Die Beauftragten sind in der Wahrnehmung ihrer Aufgaben nicht weisungsgebunden. Sie bekommen die notwendige Zeit, sich um das Thema zu kümmern.

In der täglichen Praxis bedeutet das für Rafael Reuter: Er muss besonders wachsam sein, wenn bei einem Patienten ein irreversibler Ausfall der Hirnfunktion vermutet wird. Das heißt, dieser Mensch könnte ohne technische Hilfe nicht mehr atmen, das Gehirn wird nicht mehr mit Blut versorgt. Es bedeutet, dass alle medizinischen Anstrengungen des Heilig-Geist-Teams erfolglos blieben, sein Leben zu retten. Wenn sich sein Zustand nicht verbessert, dann leiten die Ärzte die notwendige Diagnostik ein, die mehrfach wiederholt wird.

Organspende: Hauptproblem ist die Unsicherheit der Angehörigen

Dann beginnt für den Arzt ein schwerer Gang. Er muss den Angehörigen mitteilen, dass der Vater, die Mutter, der Ehemann gestorben ist. Und er muss in dieser Ausnahmesituation fragen, ob er oder sie ein möglicher Kandidat für eine Organspende ist. Eine schwierige Situation für den Arzt – und eine noch tausendmal schlimmere für die Hinterbliebenen, erst recht, wenn sie den Willen des Verstorbenen nicht kennen. Sie müssen die schlimme Nachricht verarbeiten und sich gleichzeitig mit dem Gedanken beschäftigen, was im Sinne des Verstorbenen wäre. Das Hauptproblem sei nämlich nicht die ablehnende Haltung der Angehörigen, sagt Reuter. „Es ist ihre Unsicherheit.“

Und diese führt oft dazu, dass die Familie Nein sagt. Das zeigt ein Blick auf eine Statistik, in der die Deutsche Stiftung Organspende (DSO) die Gründe auflistet, warum Angehörige nicht zustimmen. „Die Einstellung des Verstorbenen ist unbekannt“ steht dort an zweiter Stelle, an erster dessen ablehnende Haltung. Es kommt auch gelegentlich vor, dass die Hinterbliebenen sich nicht einig sind oder religiöse Gründe dagegen stehen. Ganz unten auf der Skala rangieren „fehlendes Vertrauen in die Todesvorstellung“ oder die Furcht vor Missbrauch, etwa Organhandel.

Zur Trauer um den Verlust quält die Hinterbliebenen das Nicht-Wissen darum, was der Gestorbene gewollt hätte. „Das ist sehr belastend für Angehörige“, sagt Reuter. Mit einem Organspendeausweis ließe sich das theoretisch ändern. Die Krankenkassen schicken ihren Mitgliedern regelmäßig Formulare und Informationen. Doch die meisten landen irgendwann doch unausgefüllt im Altpapier: Wer mag sich schon gerne mit seinem eigenen Tod beschäftigen?

Organspende: Abstimmung im Bundestag

Rafael Reuter hofft deshalb, dass sich bei der am Donnerstag (16.1.) anstehenden Abstimmung im Bundestag die so genannte doppelte Widerspruchslösung durchsetzt. Wer zu Lebzeiten nicht widersprochen hat, könnte dann für eine Organspende infrage kommen, solange die Angehörigen kein Veto einlegen. Der Internist hält nichts von der Idee, dass Bürgerinnen und Bürger ihre Haltung vor nicht-sachkundigen Menschen kundtun sollen – etwa vor dem Rathausmitarbeiter, wenn sie ihren neuen Pass abholen. „Das ist in erster Stelle ein medizinisches Thema und ein ethisches.“

Auch die DSO verspricht sich von der Widerspruchslösung in erster Linie eine Entlastung der Hinterbliebenen. Eine in der Patientenverfügung niedergelegte schriftliche Willensbekundung liege derzeit lediglich bei 15 Prozent der möglichen Spender vor. In rund 40 Prozent der Fälle entschieden demnach bisher die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen, in rund 19 Prozent nach ihren eigenen Wertvorstellungen.

Es gibt keinerlei Druck, die Angehörigen bekommen alle Zeit der Welt, sagt Mediziner Reuter. Sie könnten auch jederzeit ihre Aussage revidieren. „Sie müssen ja damit weiterleben.“ Deshalb gibt es immer Gespräche – selbst wenn eine schriftliche Zustimmung vorliegt. Der Internist und sein Stellvertreter sind nicht die einzigen, die die Hinterbliebenen betreuen. Die DSO bietet Unterstützung bei den Gesprächen, übernimmt auch die Betreuung auf Station und bei Bedarf weit darüber hinaus. Das würdevolle Abschiednehmen, sagt Reuter, kann vor oder nach der Entnahme erfolgen. „Es ist nicht anders als sonst auf Station.“

Organspende kann bis zu acht Schwerstkranken das Leben retten

Vor der 2019 in Kraft getretenen Gesetzesänderung bedeutete die Entnahme für Krankenhäuser einen finanziellen Verlust. Seit der Gesetzesänderung sind zumindest die Kosten gedeckt für den nicht unerheblichen Aufwand: schnell einen Operationssaal freimachen, damit die externen Entnahmeteams ihre Aufgaben erledigen können, wozu auch der Transport durch die DSO gehört. Zu diesem Zeitpunkt ist bereits Eurotransplant informiert, die Stiftung, die die Zuteilung von Spenderorganen in acht europäischen Ländern organisiert. Die Frankfurter Klinik stellt ebenfalls Personal bereit: Anästhesisten, Pflegekräfte – alle ziehen an einem Strang. „Es ist erstaunlich, wie viele Menschen in einen Raum hineinpassen“, sagt Reuter. Alle Kollegen und Kolleginnen seien hoch motiviert. „Hier liegt nicht nur ein Patient auf dem Tisch, sondern es sind gleich mehrere.“ Eine Organspende kann im Idealfall bis zu acht Schwerstkranken das Leben retten. „Die würden sonst in den nächsten Wochen sterben“, sagt Reuter.

Die Empfänger bleiben anonym. Doch auf Wunsch informiert die DSO später die Klinik über das Transplantationsergebnis. Und auch die Angehörigen. Die können sich jederzeit mit Fragen an die Stiftung wenden. Auch gibt es bundesweit regionale Treffen, bei denen sich Familien von Organspendern austauschen und an denen manchmal auch Transplantierte teilnehmen. Oft, sagt DSO-Sprecherin Birgit Blome, finden diese Zusammenkünfte unter psychologischer Begleitung statt. „Für viele ist das auch ein Stück Trauerarbeit.“

Jedem und jeder kann zugemutet werden, sich mit einer Organspende nach dem Tod zu befassen. Oder: Was ist das für ein Staat, in dem ich mir nicht mehr selbst gehöre? Unser Pro und Contra zum Thema Widerspruchslösung.

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