Organspende

Organmangel: Hoffen auf die Widerspruchslösung

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Die Stiftung Organtransplantation sieht erste Erfolge der Reformen in den Kliniken, doch „den Patienten läuft die Zeit davon“. Und die Eurotransplant-Partner murren.

Ein klares Plädoyer für die Einführung einer Widerspruchslösung im Transplantationsrecht richtet die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) an den Bundestag. Denn trotz der jüngsten Reform und der öffentlichen Aufmerksamkeit für das Thema blieben die Spenderzahlen zu niedrig. Die DSO ist die bundesweite Koordinationsstelle für Organspenden. Sie fungiert als Bindeglied zwischen den Entnahmekliniken, den Transplantationszentren und Eurotransplant, macht Schulungen und betreut Hinterbliebene von Spendern.

Die Bilanz beim Jahreskongress der Stiftung am Donnerstag war gemischt: Zwar steigt das Engagement der beteiligten Kliniken, wohl auch dank der seit April geltenden Strukturreform und besseren Finanzierung. So haben von Januar bis Oktober 2019 gut 2500 Kliniken mögliche postmortale Organspender an die DSO gemeldet, fast 200 mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der tatsächlich gespendeten Organe sank aber im Jahresvergleich etwas von 2566 auf 2507. Das Problem: Immer noch ist zu selten der Spendewille eines Verstorbenen bekannt. Laut DSO-Vorstand Axel Rahmel scheitert jede zweite mögliche Organspende dann am Veto oft überforderter Hinterbliebener.

Der Bundestag entscheidet spätestens zu Jahresbeginn, wie Organspender künftig besser identifiziert werden sollen. Nach der von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) favorisierten Widerspruchslösung sollen alle als Spender gelten, die nicht zu Lebzeiten widersprechen. Dies wäre ein Paradigmenwechsel für Deutschland, ist aber europaweit die Regel. Eine Gruppe um Grünen-Co-Chefin Annalena Baerbock will dagegen die derzeitige Regelung verbessern und unter anderem Hausärzte und Passstellen in die Information über Organspende einbinden. Derzeit dürfen im Fall des Hirntods nur dann Organe entnommen werden, wenn der oder die Verstorbene zu Lebzeiten ausdrücklich Ja gesagt hat. Es gilt als offen, welcher Entwurf sich im Bundestag durchsetzt.

DSO-Vorstand Rahmel rechnet damit, dass sich die Spenderzahlen durch die Reform der Klinikabläufe noch etwas verbessern. Er warb dennoch engagiert für die Widerspruchslösung und mahnte: „Den Patienten läuft die Zeit davon.“

Resignation in den Kliniken

Rahmel nannte Beispiele: Dialysepatienten müssen inzwischen zehn und mehr Jahre auf ein Organ warten, nur ein Drittel der Herzkranken mit Kunstherz kann rechtzeitig transplantiert werden. Die Neumeldungen für die Eurotransplant-Warteliste seien rückläufig. Rahmel vermutet: „Da ist auch viel Resignation der Kliniken dabei.“ Knapp 9400 Menschen warten derzeit auf ein Spenderorgan.

Der Gesetzentwurf einer Gruppe um Grünen-Chefin Baerbock wurde auf dem Kongress als realitätsfern bewertet. Vor allem die Hausärzte, die mehr beraten sollen, seien schon jetzt überlastet. Der Medizinrechtler Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation, ging hart mit den Kritikern der Widerspruchslösung ins Gericht. Diese wendeten ein, der Spahn-Entwurf zwinge den Bürgern auf, sich zu Lebzeiten mit ihrem Tod zu beschäftigen. Lilie: „Eine solche Erklärungslast gibt es schon beim Testament und der Patientenverfügung, warum nicht, wenn es um Hilfe für Schwerstkranke geht?“ Er verwies auch auf das Recht der Staatsanwaltschaften, einen Leichnam beim Verdacht auf eine Straftat zu obduzieren, ohne dass der Verstorbene zu Lebzeiten zugestimmt hat: „Das muss zur Rettung von Leben erst recht möglich sein.“

Dringlich ist eine Verbesserung der Spendezahlen auch mit Blick auf den Eurotransplant-Verbund. Deutschland ist hier mit Abstand das Schlusslicht und bekommt mehr Verstorbenenorgane aus Partnerstaaten als dorthin gehen. Transplantationschirurg Johann Pratschke, Mitglied im Leitungs-board von Eurotransplant, sagte der FR, bei den Partnerstaaten „wächst die Unzufriedenheit. Wir stehen ihnen gegenüber in der Pflicht, die Situation bei uns zu verbessern“.

Eurotransplant-Präsident Bruno Meiser hatte bei einer Anhörung des Bundestagsgesundheitsausschusses von „zunehmenden Spannungen und Misstrauen“ im Staaten-Netzwerk gesprochen und die Lage bei Lebertransplantationen beschrieben: Seit 2009 sind in Deutschland netto 1000 Lebern aus den Nachbarstaaten transplantiert worden. Die Empfänger hierzulande sind vor allem hoch dringliche, also vom Tod bedrohte Patienten, kranke Kinder und andere, „die in Deutschland nicht rechtzeitig ein Organ bekämen. Man versteht bei unseren Partnern nicht, warum diese Spenderorgane nach Deutschland abgegeben werden müssen.“

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