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Bei den protesten am 26. März 2017 bekam auch Premierminister Dimitri Medwedew sein Fett ab.

Schüler-Protest

Oppositionelle mit Zahnspange und Smartphone

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Bei den jüngsten Kundgebungen in Russland nahmen viele Teenager und Schulkinder teil – das Porträt einer neuen politischen Generation.

Nein, Revolution wäre zu grausam. „Dabei können Menschen sterben. Und hinterher leben die meisten Leute trotzdem schlechter als vorher.“ Nikita ist ein schmächtiger Junge mit blassem Kindergesicht. „Eine Revolution wäre nur berechtigt, wenn in unserem Land wirklich Totalitarismus herrschte.“ Obwohl auf der Wolga noch Eisfelder schwimmen, trägt Nikita keine Mütze, sein dunkelblonder Schopf ist zur Hälfte gestutzt und zu einem Stummelzopf gescheitelt. Die Frisur eines Samurais.

Nikita, 15, geht in die 9. Klasse. Einer der Schüler, die bei der Antikorruptionskundgebung am 26. März dabei waren. In ganz Russland gingen damals etwa 60 000 Leute auf die Straße, in der Wolgastadt Tscheboksary rund 1000. Dmitri Semjenow, Koordinator der Oppositionsbewegung „Offenes Russland“ in der Wolgaregion, sagt, die Hälfte von ihnen seien unter 25 Jahren gewesen. Eine neue, junge, für Putins Regiment ziemlich unverhoffte Opposition, keineswegs extremistisch, aber für das System sehr unbequem. Wenn nicht gefährlich. Für Samstag hat „Offenes Russland“ landesweit zu neuen Demonstrationen angekündigt. Unter dem Motto „Die Nase voll von ihm“. Gegen Putin.

Sie sind keine 20 Jahre alt, studieren oder gehen noch zur Schule, ihre Jeans sind meist aus China, die angelsächsischen Parolen auf ihren Sweatshirts aber unpolitisch: „Raw Demin“ oder „Power Mail“. Die Mädchen schminken sich wenig, einige tragen Zahnspangen. Aber alle besitzen ein Smartphone. Sie ignorieren das Fernsehen und seine von der Staatspropaganda sorgfältig gemixten Inhalte, tauchen im Dickicht des weltweiten Webs unter. „Die Erwachsenen, die Leute im Kreml, haben keine Ahnung, wofür sich diese Kinder interessieren“, sagt Walja Dechtarenko, Journalistikstudentin in Moskau, Menschenrechtsaktivistin und 19 Jahre alt.

Selbstbewusste Minderheit

Die Kinder haben den Film des Antikorruptionsbloggers Alexei Nawalny über Landsitze und Motorjachten von Premierminister Medwedew gesehen. Die meisten auch seinen Film über die Reichtümer des Generalstaatsanwaltes Tschaika. Und sie vergleichen das Millionen Euro teure Luxusleben der Topbeamten mit den knochenmageren Einkommen ihrer Familien. Alexander, 16, Vollwaise aus Nowotscheboksarsk, lebt bei seinen Großeltern, sie kommen mit zwei Renten von weniger als 200 Euro aus. Nikitas alleinerziehende Mutter, eine Psychologin, verdiene auch nicht viel mehr, sagt er. „Der Film hat mir einen Stich gegeben.“

Statistisch betrachtet steht Russlands Jugend eigentlich noch geschlossener hinter Putins Regiment als der Rest der Bevölkerung. Nach einer Umfrage des Levada-Zentrums vom Januar befürworten 91 Prozent der 18- bis 24-Jährigen die Politik Putins, (was 85 Prozent der Gesamtbevölkerung auch tun). Aber gleichzeitig meinen 50 Prozent der jungen Russen, die staatlichen Behörden seien im beträchtlichen Maß von Korruption befallen, ein Viertel von ihnen halten die Behörden sogar für völlig korrumpiert.

Im Vergleich zur schweigenden Mehrheit sind Russlands Protestkinder jedenfalls eine Minderheit. Und sie sind sich dessen bewusst. Walja aus Moskau sagt, in ihrer früheren Klasse seien zwei Schüler aktiv gegen und zwei aktiv für Putin gewesen. „Alle anderen waren apolitisch“. Laut Nikita sind von 32 Klassenkameraden zwei zur Demo gegangen, aus der Parallelklasse immerhin sechs. „Die übrigen sind nicht im Thema.“ Er selbst findet übrigens, es gäbe schlechtere Präsidenten als Putin. „Putin hat in seinen ersten Regierungsjahren viel für Russland getan.“ Das Argument hört man eigentlich von Putin-Fans, die drei- bis viermal älter sind als Nikita. Der allerdings fügt hinzu: „Aber was Putin macht, reicht nicht mehr aus.“ Auch Russlands starker Mann, so scheint es, ist nicht mehr drin im Thema. Und sein so unumstößliches Regime. „Diese Jugendlichen sind unter Putin zur Welt gekommen“, sagt der Politologe Michail Winogradow, „jetzt macht sich bei ihnen offenbar die Sorge breit, dass sie auch unter ihm sterben.“

Die liberalen Moskauer Analytiker haben den Aufstand der Teenager schnell, aber sehr unterschiedlich erklärt. Jemand verkündet, Russland verspäte sich immer um ein halbes Jahrhundert, jetzt hole es die Revolte der westeuropäischen 68er Generation nach. Andere erklären, die Jugend rebelliere, weil ihr Putins Kumpelkapitalismus alle sozialen Lifte versperre. Auf jeden Fall vereint sie das Gefühl, dass etwas faul ist in der Russischen Föderation. Nikita und seine Altersgenossen zerbrechen sich den Kopf noch nicht wirklich über ihre Karrieren. Schulkinder filmen jetzt unterm Pult mit, wie Klassenlehrer sie wegen der Teilnahme an den Demos als Liberalfaschisten beschimpfen, die Videos stellen sie ins Netz.

Jenseits der Staatspropaganda

Sie verwandeln die patriotische und antiwestliche Unbeholfenheit ihrer offiziellen Pädagogen in virtuelle Lachnummern.

Diese Teenager sind neugierig auf die Welt jenseits der Staatspropaganda, freunden sich über Telegram Web auf Englisch mit jungen Westeuropäern an. Sie lesen Bücher: Irwin Shaws Roman „Rich Man. Poor Man“, Nietzsches „Zarathustra“ oder die „Psychologie der Massen“ von Gustave le Bon. Der schmächtige Nikita geht seit einiger Zeit zum Boxen. „Da trifft man ganz andere Leute als im Diskutierklub“, sagt er. Im Diskutierklub seines Gymnasiums veranstalten die Schüler meist Rollenspiele: „Zum Beispiel Regierung gegen Opposition.“ Dabei ist Opposition in Putins politischen System eigentlich nicht mehr vorgesehen.

Im Gegensatz zu ihren sowjetischen Eltern ist eigenständiges Denken für viele russische Kinder inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Auch Oppositionsführer Nawalny trauen sie nicht recht. „Er kritisiert nur, bietet keine Lösungen, hat keine Mannschaft, die das Land verwalten könnte“, beschwert sich Walja. „Nawalny“, sagt Nikita, „ist das kleinere Übel.“

Nikita ist zusammen mit seinem Freund Ljoscha zur Demo am 26. März gegangen. Hinterher wurden beide von Polizisten abgeführt, ihre Eltern mussten sie von der Wache abholen. Ljoscha erzählt, dort habe man seinen Eltern mit Bußgeldern von umgerechnet 330 Euro Angst gemacht. Aus Rücksicht auf sie möchte er bei der nächsten Kundgebung zu Hause bleiben. Nikita aber geht auf jeden Fall wieder hin. „Wer soll es tun“, fragt er, „wenn nicht wir?“ In Russland wachsen Führungspersönlichkeiten nach, die mit Putins Staatsmacht nichts mehr anfangen können.

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