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Ober-Hambach bei Heppenheim - hier liegt die Odenwaldschule.

Pädagogen zu Missbrauch

"Opfer werden zu Tätern gemacht"

Sobald die Namen Hartmut von Hentig und Gerold Becker fallen, windet sich die Zunft der deutschen Pädagogen. Doch auf dem größten deutschen Pädagogenkongress spricht der Soziologe Oskar Negt Klartext. Als Einziger. Von Katja Irle

Von Katja Irle

Mainz. Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE) hat schon bedeutend ruhigere Zeiten erlebt. Seit Monaten bereiten sich die Forscher weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit auf den größten deutschen Pädagogenkongress vor. Um "Bildung in der Demokratie" soll es gehen, doch davon will am Montag bei der Pressekonferenz an der Universität Mainz niemand mehr etwas wissen.

Stattdessen müssen sich die Erziehungswissenschaftler zum sexuellen Missbrauch in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen äußern. Sie tun das gern auf einer theoretischen Ebene. Doch sobald die Namen Hartmut von Hentig und der seines Lebensgefährten und des Missbrauchs beschuldigten Gerold Becker fallen, windet sich die Zunft. Es wäre leichter, einen Frosch mit der bloßen Hand zu fangen als eine klare Aussage aus der offiziellen Stellungnahme zu fischen.

Das ganze Wochenende hat der DGfE-Vorstand mit dem Erziehungswissenschaftler Rudolf Tippelt an der Spitze diskutiert und um Formulierungen gerungen. Herausgekommen ist ein gestelztes Positionspapier "zur Verletzung der psychischen und physischen Integrität von Heranwachsenden in pädagogischen Institutionen". Zu Becker und zur Selbstdemontage des großen deutschen Pädagogen-Vorbilds von Hentig kein Wort der Klärung.

Es bleibt dem Soziologen Oskar Negt als Eröffnungsredner des Kongresses vorbehalten, die Dinge beim Namen zu nennen. Es sei das eine, den Lebenspartner schützen zu wollen. Aber das andere, dabei die Täter-Opfer-Perspektive zu verschieben, sagt Negt, der mit dem Reformpädagogen Hartmut von Hentig seit 40 Jahren befreundet ist und auch Becker kennt. Hentig mache die Opfer zu Tätern.

Von Hentig hatte in der vergangenen Woche der Süddeutschen Zeitung gesagt, wenn überhaupt, so könnte vielleicht mal ein Schüler den Lehrer Becker verführt haben. "Das ist für mich nicht nur eine große persönliche Enttäuschung, sondern einfach unerträglich", sagte Negt. Wenn der Vorwurf der Mitwisserschaft stimme, müsse Hentig sich entschuldigen. Für die Opfer gebe es "keine Verjährung".

Nach Negts klaren Worten taut auch das Podium von Erziehungswissenschaftlern bei der Pressekonferenz etwas auf. Von "gerechtfertigter Empörung" ist nun die Rede und davon, dass es ein "pädagogisches Inzest-Verbot gebe". So wie die Familie nur funktionieren könne, wenn das Inzest-Verbot eingehalten werde, so könne auch die Pädagogik nur funktionieren, wenn der Lehrer den Schüler nicht missbrauche.

Genau das aber geschah massenhaft in katholischen Klöstern, Internaten und Chören. Und es geschah systematisch an der reformpädagogischen Odenwaldschule. Es geschieht auch an staatlichen Schulen, jenseits der "pädagogischen Inseln", allerdings seltener als in nach außen abgeschirmten Einrichtungen wie Internaten, die ohne Kontrolle zur "totalen Institution" werden können, und dem Machtmissbrauch Tür und Tor öffnen.

Anders als zu Missbrauch innerhalb der Familie, in der sexuelle Übergriffe und Gewalt immer noch am häufigsten geschehen, sowie zum Missbrauch von Heimkindern, ist zum Missbrauch von Schülern durch Pädagogen in den Schulen bisher kaum geforscht worden. "Ein Versäumnis", wie Erziehungswissenschaftler im persönlichen Gespräch jetzt einräumen. "Wir hätten genauer hinschauen müssen", sagt beispielsweise Professor Franz Hamburger, einer der Sprecher des Pädagogenkongresses.

So verschreckt wie die Zunft beim Namen Hartmut von Hentig reagiert, so offensiv verteidigt sie die Errungenschaften der Reformpädagogik - allen voran der Chef des deutschen Pisa-Konsortiums, Professor Eckhard Klieme. Er sitzt außerdem in der Jury für die Vergabe des deutschen Schulpreises - unter den Gewinnern sind sehr viele Einrichtungen mit reformpädagogischen Konzepten. Laut Klieme hat das einen guten Grund, denn dort werde soziales Lernen genauso geachtet wie kognitives: "Diese Konzepte sind eine wichtige Quelle für guten Unterricht. Das darf man jetzt nicht einfach über Bord werfen."

Und wie geht's nun weiter? Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaften macht es wie die Politik, wenn sich ein Problem partout nicht lösen lässt: Sie gründet einen Arbeitskreis. Bei den Pädagogen heißt das nur anders, nämlich "interdisziplinäre Expertenkommission".

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