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Onkel Wackelflügel versorgt Berlin

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Jubel auf dem Trümmerberg: West-Berliner Jungen winken 1948 einem US-amerikanischen Piloten zu.
Jubel auf dem Trümmerberg: West-Berliner Jungen winken 1948 einem US-amerikanischen Piloten zu. © dpa

Vor 70 Jahren brachten die ersten Piloten der Westallierten per Luftbrücke dringend benötigte Güter in die blockierte Stadt.

Erst kam das Donnern der Flugzeuge, dann schwebten zahllose kleine Fallschirme mit Süßigkeiten vom Himmel. Die Berlinerin Vera Hemmerling, heute 84 Jahre alt, erinnert sich noch an die „Rosinenbomber“, die während der Blockade Westberlins vor 70 Jahren die Stadt nicht nur mit Lebensmitteln und Kohle, sondern auch mit kleinen Geschenken für die Kinder versorgten. „Ich bin auch ein paarmal hingelaufen, aber ich habe nie was erwischt. Die Jungen waren immer schneller“, erzählt die weißhaarige Dame – und lächelt ein wenig.

Es beginnt am 24. Juni 1948. Um 6 Uhr morgens lässt der sowjetische Diktator Josef Stalin die Autobahnen in die Westsektoren Berlins sperren. Sämtliche Straßen, Bahnlinien und Wasserwege folgen, der Strom wird abgeschaltet. Westberlin soll – als Antwort auf die Einführung der D-Mark – buchstäblich ausgehungert werden. Die Sowjets hoffen, den Abzug der westlichen Soldaten aus Berlin zu erzwingen und die sich abzeichnende Gründung der Bundesrepublik zumindest zu erschweren. Das jedoch dürfe unter keinen Umständen geschehen, betonte der Militärgouverneur der amerikanischen Zone, Lucius D. Clay: „Fällt Berlin, dann kommt als nächstes Deutschland und dann können wir uns aus Europa zurückziehen.“

Die USA, Großbritannien und Frankreich antworten mit einer bis heute beispiellosen Aktion. Fast ein Jahr lang, genau 322 Tage, versorgen sie die mehr als zwei Millionen Einwohner des blockierten Westteils der Stadt über eine Luftbrücke. Mit fast 280.000 Flügen werden mehr als 2 Millionen Tonnen Güter in die Stadt gebracht.

„Wir Kinder hatten nach den Bombennächten im Krieg immer noch Angst vor Flugzeuggeräuschen“, erzählt Vera Hemmerling, die damals 14 war. „Aber bald hatten wir Angst, keine Flugzeuge zu hören, etwa wenn es Nebel gab oder zu schlechtes Wetter. Das bedeutete keinen Zucker, kein Mehl, keine Kohlen. Das bedeutete Hunger.“

Clay und das damalige westberliner Stadtoberhaupt Ernst Reuter sind bis heute Hemmerlings Helden: „Ohne sie hätten wir nicht überlebt. Ohne sie wäre die deutsche Einheit nicht gekommen.“ Clay hatte nach einem Vorschlag des britischen Luftkommandanten Rex Waite die Briten, teils auch die Franzosen für den gigantischen „Airlift“ gewinnen können, Reuter sagt ihm den Durchhaltewillen der Berliner zu – auch wenn die Lebensmittelkarten gerade einmal 1879 Kalorien pro Tag und Einwohner vorsahen.

„Kümmern Sie sich um die Luftbrücke, ich kümmere mich um die Berliner“, ist als geflügeltes Wort von Ernst Reuter überliefert.

„Operation Vittles“

Am 26. Juni 1948 landete die erste „C-47 Skytrain“ der US-Luftwaffe im Rahmen der „Operation Vittles“ (Proviant) in Berlin-Tempelhof. Zwei Tage später begannen die Briten über den Flugplatz Berlin-Gatow mit ihrer „Operation Plain Fare“ (Hausmannskost). Zum Einsatz kamen auch Flugboote, die auf der Havel und dem Großen Wannsee wasserten: Die bis dahin größte humanitäre Flugoperation der Geschichte begann. Die Franzosen flogen nicht selbst, genehmigten in ihrem Sektor aber den Bau eines neuen Flughafens. Die „Operation Vittles“, zunächst nur für 45 Tage geplant, nimmt bald unvorstellbare Ausmaße an. 300 Flugzeuge sind ständig im Einsatz, alle 90 Sekunden startet und landet eine Maschine in der Stadt. Innerhalb von nur 85 Tagen entsteht als dritter Flughafen Tegel – angesichts des Desasters um den heutigen BER ein wahres Wunder.

Insgesamt legen die Lebensmitteltransporter 175 Millionen Kilometer zurück – das entspricht einer Strecke rund 4400-mal um die Erde.

Besondere Berühmtheit erlangt US-Luftbrücken-Pilot Gail Halvorsen, „Onkel Wackelflügel“ genannt. Der heute 97-Jährige wirft im Landeanflug selbst gebastelte Taschentuch-Fallschirme mit Schokolade und Kaugummis ab, als Erkennungszeichen wackelt er kurz zuvor mit den Flügeln seiner C-54. Viele Kollegen folgen seinem Beispiel. Das Bild das US-Fotografen Henry Ries von einer Gruppe wartender Kinder am Flughafen Tempelhof wird zum Symbol.

„Drei Jahre nach Ende des Kriegs war die Luftbrücke für die spätere Bundesrepublik ein Wendepunkt im Verhältnis zu den Westmächten: Aus Besatzern wurden Freunde“, sagt der Direktor des Berliner Alliiertenmuseums, Jürgen Lillteicher, und betont, wohl auch mit Blick auf das derzeit eher angespannte Verhältnis zu den USA: „Auch heute kann die beispiellose Solidarität von damals uns erinnern, dass wir alle gemeinsamen Werten verpflichtet sind.“

Am 12. Mai 1949 hebt die Sowjetunion die Blockade Westberlins auf. Die Versorgungsflüge gehen sicherheitshalber noch bis Ende September weiter. Unfälle, etwa beim Verladen, waren während der Zeit der Luftbrücke häufig, mehrere Flieger stürzten ab: Insgesamt sterben mindestens 78 Menschen bei der Aktion – 39 Briten, 31 Amerikaner und mindestens acht Deutsche. Denkmäler in Berlin-Tempelhof, Frankfurt, nahe Celle und einer US-Kaserne im Bundesstaat Illinois erinnern an sie. (dpa/epd)

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