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Omikron wütet in Lateinamerika

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Von: Klaus Ehringfeld

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Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador. (Archiv)
Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador. (Archiv) © VICTORIA RAZO/AFP

Das Virus trifft besonders die Armen, die sich eine Gesundheitsversorgung nicht leisten können.

Mexiko-Stadt - Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador zeigte sich am 10. Januar in seiner täglichen Pressekonferenz gut gelaunt, aber verschnupft und dennoch wie üblich ohne Maske. „Ich glaube, es ist eine Grippe“, sagte er den Presseleuten, die verwirrt fragten, ob er wieder an Covid leide. Der linke Präsident, der die Infektionskrankheit noch nie sehr ernst nahm, hatte sich bereits 2021 infiziert. Wenige Stunden nach der Pressekonferenz twitterte er: „Ich informiere Sie, dass ich mit Covid19 infiziert bin. Auch wenn es nur leichte Symptome sind, bleibe ich in Quarantäne.“ Omikron sei aber bestenfalls ein „Covidchen“, belehrte López Obrador. 

Was der Präsident da noch nicht ahnte: Omikron ist kein „Covidchen“, sondern genau das Gegenteil, eine Infektionswelle, die das zweitgrößte Land Lateinamerikas mit Macht trifft. Die Zahlen explodieren, mittlerweile sind es 50.000 bis 60.000 täglich, wobei in dem Land deutlich weniger getestet wird als etwa in Deutschland. Daher dürfte die Dunkelziffer viel höher liegen.

Corona: Omikron-Variante sorgt für Chaos am Flughafen von Mexiko-Stadt

Als López Obrador sich gerade ins Homeoffice abmeldete, brach auch am Flughafen der Hauptstadt Mexiko-Stadt das Chaos aus. Am wichtigsten Airport Lateinamerikas fielen bis Mitte des Monats mehr als 500 Flüge aus, weil vor allem bei der nationalen Fluglinie Aeroméxico Bodenpersonal, Pilot:innen und Flugbegleiter:innen infiziert waren. Phasenweise traf es bis zu 230 Angestellte.

Wer kann, flieht aus der Hauptstadt aufs Land, wo die Infektionszahlen deutlich niedriger sind. Omikron legt inzwischen auch wieder die Wirtschaft Mexikos lahm. Zwar gibt es noch keinen Lockdown, nicht einmal Beschränkungen, aber die Menschen gehen kaum raus, konsumieren nicht oder arbeiten von zu Hause. Zudem haben sich bei der Sozialversicherung IMSS bislang 600.000 Menschen krankgemeldet. Banken, Hotels und Dienstleister müssen zeitweise komplett oder teilweise schließen.

Omikron: Nord- und Südamerika sind Hotspot der Pandemie

Was für Mexiko gilt, trifft auch auf die anderen Staaten der Region zu, die allesamt die ersten Corona-Wellen mit einem Anstieg der Armut und einem Einbruch der Wirtschaftskraft bezahlt haben. Wie die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) vergangene Woche mitteilte, sind Nord- und Südamerika derzeit der Hotspot der Pandemie. Nirgends wütet Omikron im Moment schlimmer als in Amerika. 7,2 Millionen Neuinfektionen und mehr als 15,000 Todesfälle wurden in der zweiten Januarwoche registriert. „Das Virus breitet sich aktiver denn je aus“, sagt PAHO-Direktorin Carissa Etienne.

Das trifft im Besonderen auf Brasilien zu, dem von Covid-19 am härtesten getroffenen Land Lateinamerikas. Das zugleich größte Land der Region verzeichnete Mitte vergangener Woche erstmals mehr als 200.000 tägliche Corona-Neuinfektionen. Seit Beginn des Jahres steigen die Ansteckungen sprunghaft an. Insgesamt haben sich in Brasilien nach offiziellen Angaben mehr als 23 Millionen Menschen mit dem Sars-Cov-2-Erreger infiziert. Rund 623.000 Erkrankte sind im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben – nach den USA die höchste Todeszahl weltweit. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, der das Virus noch immer verharmlost, erklärte Omikron gar für willkommen. So erreiche man schneller die Herdenimmunität.

Omikron breitet in fast allen Regionen rasch aus

Es ist ein bedrohliches Kalkül in der Region, in der das Gesundheitssystem für die Armen nicht verfügbar oder nicht bezahlbar ist. Gerade die öffentlichen Gesundheitssysteme Lateinamerikas sind unterfinanziert und unterausgestattet, wohingegen die teuren Privathospitäler den Reichen beste Versorgung bieten können.

Omikron breite sich trotz einer inzwischen beachtlichen Impfquote in fast allen Regionen rasch aus, unterstreicht Sylvain Aldighieri, Covid-19-Verantwortlicher bei der PAHO. Die hohe Impfquote von mehr als 60 Prozent in Lateinamerika und der Karibik mache Hoffnung, der Infektionen Herr zu werden. Aber die Immunisierung müsse deutlich beschleunigt werden, verlangt die PAHO, die zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehört.

Wie wichtig die Überwindung der Pandemie ist, zeigt auch der Blick auf die Armuts- und Wirtschaftsstatistiken. Die Wirtschaftskraft der Region fiel im ersten Pandemiejahr im Schnitt um 7,7 Prozent. Die Armut nahm um ein Drittel zu. Und die von Expert:innen prognostizierten leichten Verbesserungen für 2022 bei beiden Parametern könnten durch Omikron hinfällig werden. (Klaus Ehringfeld)

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