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Ukraine-Krieg: „Putin stellt diesen Krieg als eine späte Phase des Zweiten Weltkriegs dar“

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Von: Ulrich Seidler

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„Das ukrainische Narrativ spricht von 300 Jahren Freiheitskampf“: Kiew am 1. Januar 2020, Stepan Banderas 111. Geburtstag.
„Das ukrainische Narrativ spricht von 300 Jahren Freiheitskampf“: Kiew am 1. Januar 2020, Stepan Banderas 111. Geburtstag. © AFP

Putin spricht von einer „Entnazifizierung“ in der Ukraine durch Russland. Wie kommt er darauf und wie war es wirklich? Das Interview mit einem Historiker.

Der Historiker Omer Bartov spricht im Interview über die komplizierte Geschichte der Ukraine, Nationalhelden, die im jüdischen Gedächtnis Schlächter sind – und die Fehleinschätzungen des russischen Staatspräsidenten.

Herr Bartov, wie sind Sie persönlich mit der Ukraine verbunden?

Ich stamme aus einer jüdischen Familie. Meine Mutter ist in Polen geboren, in dem Städtchen Buczacz, das jetzt in der Westukraine liegt. Mit elf Jahren ging sie 1935 mit ihrer Familie nach Palästina. Ich selbst bin in Israel geboren, 1989 in die USA gegangen und habe erst mit 41 Jahren meine Mutter nach ihren Kindheitserinnerungen gefragt. Das war einfach kein Thema. Danach habe ich viele Jahre über die Ukraine geforscht und sie seit 2003 einige Male bereist.

Kann man sagen, wann das Unglück der Menschen auf dem Gebiet der Ukraine angefangen hat?

Das lässt sich nicht so leicht benennen. Die Geschichte in dieser multiethnischen Gegend ist wohl schon immer konfliktreich gewesen, aber nicht immer gewaltvoll. Das 17. Jahrhundert war ein brutales Jahrhundert mit den Kosaken-Aufständen und den türkischen Kriegen. Aber im 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg war diese Gegend generell ruhig und vergleichsweise friedlich.

Ukraine-Krieg: Spannungen mit Polen und Russland haben Geschichte

Wie lebten die verschiedenen Ethnien zusammen?

Man mochte einander nicht übermäßig, hatte seine Vorurteile, aber man war voneinander abhängig, konnte die Sprachen der anderen und ließ einander weitgehend in Ruhe. 1914 hat dann die neue Gewaltgeschichte angefangen, bei der der erstarkende ethnische Nationalismus eine entscheidende Rolle spielte. Der Erste Weltkrieg richtete große Verwüstungen in den Städten an, es gab viele Judenpogrome, auch von russischer Seite, besonders von kosakischen Einheiten. Es folgte der polnisch-ukrainische Krieg und dann der Krieg gegen die Bolschewiki.

In der Zwischenkriegszeit gab es viele Spannungen zwischen Polen und Ukrainern. 1929 ist die OUN, die Organisation der Ukrainischen Nationalisten, gegründet worden, eine terroristische Organisation, die die Westukraine von Polen befreien wollte. Da gab es Repressionen von polnischer Seite. In den 1930ern wurden die Konflikte durch die große wirtschaftliche Krise befeuert. Die beiden Jahre unter sowjetischer Herrschaft 1939 bis 1941 waren auch sehr schlimm, es gab Deportationen von allen drei ethnischen Gruppen. Das hat immer mehr Hass und Spannungen zwischen diesen drei Gruppen geschaffen.

1941 marschierten dann die Deutschen ein.

Und da waren die Beziehungen so zerstört, dass es ziemlich leicht war, Kollaborateure besonders unter den Ukrainern zu finden.

Propaganda made by Putin – Ukraine ist eigentlich Kleinrussland?

Hängt der Krieg von heute mit dieser Geschichte zusammen?

Ja und nein. Natürlich hat der Ukraine-Krieg viel mit der Geschichte zu tun. Russland hat seine eigenen historischen Narrative. Wladimir Putin sagt, und viele Menschen in Russland denken das auch, dass die Ukraine ein Teil von Russland ist. Er will nicht die Sowjetunion, sondern das alte zaristische russische Reich wieder vereinen: Großrussland, Weißrussland (also Belarus) und Kleinrussland (Ukraine). Dazu behauptet er, dass er die Ukraine entnazifizieren will. Das ist Quatsch, aber als Propaganda-Strategie effizient.

Putin stellt diesen Krieg als eine späte Phase des Zweiten Weltkriegs dar, und knüpft an den opfer- und glorreichen Kampf der Sowjetunion gegen die Nationalsozialisten an. Dass er damit nicht ganz auf taube Ohren stößt, hängt damit zusammen, dass im Zweiten Weltkrieg ukrainische Einheiten und besonders Polizeikräfte mit den Deutschen zusammengearbeitet haben, um die Juden zu vernichten. Das aber hat nichts zu tun mit dem, was wir jetzt in der Ukraine haben. Das ist ein demokratisches Land mit einem Präsidenten, der jüdische Wurzeln hat. Er ist demokratisch gewählt. Alles andere ist Propaganda von Putin.

Zur Person

Omer Bartov, Jahrgang 1954, wuchs in Israel auf, studierte in Tel Aviv und Oxford, lehrte u. a. in Princeton, Harvard und Freiburg und ist Professor für europäische Geschichte und deutsche Studien an der Brown University in Providence, Rhode Island.

„Anatomie eines Genozids“ heißt das Buch, das den US-Historiker mit osteuropäisch-jüdischen Wurzeln auch in Deutschland bekannt machte. Am Beispiel der galizischen Kleinstadt Buczacz beschreibt er darin, unter welchen Katastrophen die Menschen im Landstrich rechts und links des Dnipro, in der heutigen Ukraine, zu leiden hatten und wie die jüdische Bevölkerung dabei zwischen die nationalistischen Fronten geriet. Auf Deutsch ist das Buch 2021 im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp erschienen, aus dem Englischen von Anselm Bühling, 486 Seiten, 28 Euro.

Ukraine-Krieg: Putin „fleddert“ die Geschichte

Aus Ihrem Buch „Anatomie eines Genozids“ kann man lernen, dass die ukrainische Nationalgeschichte aus jüdischer Sicht eine Geschichte von Katastrophen ist.

Ja, das ist wahr. Die großen ukrainischen Nationalhelden sind für die Juden die Schlächter ihrer Gemeinden gewesen: Bohdan Chmelnyzkyj, der Held der Kosaken-Aufstände gegen die Polnisch-Litauische Adelsrepublik im 17. Jahrhundert, war ein Judenmörder. Symon Petliura, der den ukrainischen Unabhängigkeitskrieg nach der Oktoberrevolution anführte und gegen die Bolschewiki kämpfte, war an den vielen Massakern von 1919 beteiligt, bei denen 100.000 Juden starben. Diese Pogrome wurden zwar nicht alle von ukrainischen Nationalisten durchgeführt, da waren auch Russen, sowohl Weiß- als auch Rotgardisten, und besonders die kosakischen Einheiten dabei, aber in der jüdischen Erinnerung wird das mit Symon Petliura verbunden.

Am bekanntesten ist vielleicht Stepan Bandera, von dem viele Denkmäler in der Ukraine stehen.

Auch eine zwiespältige Figur. Er gehörte zum radikalen Flügel der OUN, rief im Zweiten Weltkrieg die unabhängige Ukraine aus, was ihn für manche zum Helden macht. Aber er kollaborierte auch mit den Nazis, half mit bei der Judenvernichtung und sprach schon sehr früh von ethnischen „Säuberungen“. Es gibt drei verschiedene Narrative: Das russische sagt, dass die Ukraine immer zu Russland gehörte. Das ukrainische spricht von drei Jahrhunderten Freiheits- und Unabhängigkeitskampf. Und dann gibt es ein jüdisches Narrativ, für das die Ukraine schon immer antisemitisch war. Natürlich ist die Geschichte viel komplizierter. Und Putin fleddert sie, um seine Aggression gegen die Ukraine zu rechtfertigen.

Ukraine-Krieg
Ein Plakat, das Wladimir Putin hinter Gittern zeigt, auf einer Friedensdemonstration. © Vincent Ricci/Imago Images

„Ruhm der Ukraine!“ – Putins Krieg regt Aufarbeitung an

Wieso wird im Krieg der Nationalismus so wichtig? Denken Sie an den Ruf „Ruhm der Ukraine!“.

Im Krieg sucht man einfache Erklärungen für das Unfassbare. Man sucht diesen Halt, wenn alles zusammenbricht. Den Ruf „Slawa Ukrajini“ mochte ich nicht, den haben die Nationalisten und Faschisten in den 1940er Jahren benutzt und in dieser Tradition auch einige rechtsradikale Kreise in den letzten Jahren. Aber diese Konnotationen sind seit dem Maidan und spätestens seit dem Angriff Russlands weg: Jetzt meint man mit „Slawa Ukrajini!“, dass die Ukraine frei und unabhängig von Russland bleiben soll. Und das ist ein richtiges Anliegen, das eigentlich nichts mit ethnischem Nationalismus zu tun hat.

Wird es durch den Krieg ein nationalistisches Rollback in der Ukraine geben?

Ich denke schon, dass sich die Ukraine mehr und kritischer mit der eigenen Vergangenheit konfrontieren könnte. Man brauchte auch in Westeuropa viele Jahrzehnte, um die Nazivergangenheit und den Zweiten Weltkrieg aufzuarbeiten. Die Ukraine konnte damit erst 1991 anfangen, vorher galten die sowjetischen Narrative, und man konnte die eigene Geschichte nicht erforschen und erlernen. Und es gab in den letzten Jahren hoffnungsvolle Versuche in der jungen ukrainischen Historikergeneration, die eigene Geschichte neu und kritischer schreiben zu wollen.

Ukraine-Krieg: „Da hat Putin wohl einen Fehler gemacht“

Die Ukraine ist weniger ethnisch nationalistisch als andere osteuropäische Länder. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass ein Jude Präsident des polnischen oder ungarischen Staates wird. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland wäre. In der Ukraine war das bei Wolodymyr Selenskyj überhaupt kein Thema. Man hat erst darüber gesprochen, als Putin mit diesem Entnazifizierungsblödsinn angefangen hat. Ich hoffe, dass die Ukraine, wenn sie sich von der russischen Besatzung befreien kann, offener und demokratischer sein wird als zuvor. Der Blick auf die eigene Geschichte wird offener sein. Interessant ist, dass der Angriff auf die Ukraine mehr für eine vereinte ukrainische Gesellschaft getan hat als alle ukrainischen Nationalhelden und der Maidan. Da hat Putin wohl einen Fehler gemacht.

Außerdem hat er die Ukraine in die Wahrnehmung des Westens gerückt.

Vor ein paar Jahren waren die Ukrainer nicht so willkommen in Polen oder Deutschland. Jetzt hat man ein anderes Bild von der Ukraine und würdigt ihren Kampf für Demokratie und Freiheit, der den Westen eint und auf ihre Seite zieht. Auch das wird Putin nicht beabsichtigt haben. (Das Interview führte Ulrich Seidler)

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