Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Corona-Realität und Basketball-Träume. Das US-Team am Flughafen Narita.
+
Corona-Realität und Basketball-Träume. Das US-Team am Flughafen Narita.

Olympia 2021

Olympia Tokio: Der olympische Wahnsinn

  • VonFelix Lill
    schließen

Was auch immer die 32. Olympischen Sommerspiele an Rekorden einstellen werden – Japan will schon jetzt nichts davon wissen: Das Volk fühlt sich konsequent betrogen.

Tokio - „Die Olympischen Spiele werden den Sieg der Menschheit über das neuartige Coronavirus markieren.“ Von Shinzo Abe stammen diese vollmundigen Worte. Im März 2020 sprach der damalige Premierminister so gegenüber der versammelten Presse in Tokio. Nun regiert Abe Japan schon seit fast einem Jahr nicht mehr. Aber an die Worte des Ex-Premiers dürften sich noch so ziemlich alle im Land erinnern. Denn just in dem Monat mussten die Spiele um ein Jahr verschoben werden. Denn nach einem schnellen Sieg über die Pandemie sah es da schon nicht mehr aus.

Knapp eineinhalb Jahre später steht die Eröffnung der größten Sportveranstaltung unmittelbar bevor – 23. Juli ist das Datum – und die Lage ist keinen Deut besser geworden. Zwar sind von den Zehntausenden Athletinnen, Offiziellen und Medienschaffenden rund 80 Prozent gegen das Coronavirus geimpft. In der japanischen Bevölkerung liegt dieser Anteil jedoch derzeit bei kaum 20 Prozent. In mehreren Gegenden im Land sind sogar die Krankenhäuser überlastet. Und über die Hauptstadt ist der Ausnahmezustand verhängt: Die Menschen sollen möglichst daheimbleiben, der Alkoholausschank in den Restaurants ist verboten.

Alle Olympia-Stadien müssen leer bleiben

Und trotzdem hat auch Yoshihide Suga, der Nachfolger von Shinzo Abe als Premierminister, dessen Worte dieses Jahr wiederholt. Und leitete dann nach und nach diverse Schritte ein, die offenbarten, dass Japan auch in diesem Sommer keineswegs den Sieg über die Pandemie würde verkünden können. Ende Juni wurde ein ausgeklügeltes Konzept erarbeitet, mit dem bis zu 10 000 Menschen in die Stadien gelassen werden sollten. Anfang Juli wurde es gleich wieder verworfen. Alle Stadien in und um Tokio müssen nun leer bleiben. Publikum aus dem Ausland war schon im März ausgeschlossen worden.

So heißt „Tokyo 2020“ – wie sich die Spiele auch nach der Verschiebung noch weltweit offiziell betiteln – in diesem Sommer kaum die Welt willkommen, wie das sonst der Völker-verständigende friedliebende olympische Standard ist. Geht es nach den Vorstellungen der japanischen Bevölkerung, so ist dies auch unter diesen Umständen besser so. Eine große Mehrheit im Land ist gegen die Austragung der Spiele, weil sie für mittlerweile zu teuer und zu gefährlich eingeschätzt werden. Die strengen Sicherheitsregeln für Einreisende überzeugen bestenfalls wenige Menschen. Hinzu kommt aber, dass viele finden, es sei jetzt einfach nicht der Zeitpunkt, ein Fest zu veranstalten, das auf Jubeln angelegt ist.

20.000 Menschen starben vor 20 Jahren

Dreht man die Uhr allerdings um ein Jahrzehnt zurück, war die Stimmung damals auch schon ähnlich: Im März 2011 wurde Japan von der schwersten Katastrophe seiner jüngeren Geschichte erschüttert. Im Nordosten wurde zuerst ein Erdbeben der Stärke 9 gemessen, dann schwappte eine an die 20 Meter hohe Welle über die Küste. Der Tsunami führte auch zur Havarie des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi. Ungefähr 20 000 Menschen starben, Hunderttausende verloren ihr Zuhause. Ganze Städte wurden unbewohnbar – und sie sind es bis heute.

Das Tokioter Bewerbungskomitee drückte da aber ein Auge zu. Am Abend der IOC-Versammlung in Buenos Aires, die über das Austragungsrecht der 2020er Spiele entschied – am 7. September 2013 –, sagte der Premier Abe: „Einige von Ihnen könnten besorgt sein um Fukushima. Lassen Sie mich Ihnen versichern: Die Lage ist unter Kontrolle.“ Für viele in Japan gilt seit diesem Tag Abe, der sich über die Jahre dann noch so einige fragwürdige Statements mehr im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen erlaubte, als Lügner.

Viele Menschen sind über die falschen Versprechen sauer

Den Spielen von Tokio verlieh seine Regierung den Untertitel „fukkou gorin“ – die „Spiele des Wiederaufbaus“. Doch die Tatsache, dass die Lage in Fukushima und den anderen betroffenen Gebieten zehn Jahre später wieder besser ist als direkt nach der Katastrophe, reicht vielen nicht für so hochtrabende Formulierungen. Bis heute werden offiziell rund 40 000 Menschen als „evakuiert“ vermerkt, weil die Strahlung in ihren einstigen Behausungen noch zu hoch ist. Und gar nicht mitgezählt werden diejenigen Menschen, die nicht mehr zurückkehren wollen, weil sie sich längst anderswo ein neues Leben aufgebaut haben.

Das Versprechen des Wiederaufbaus durch Olympia stößt vielen besonders sauer auf, weil mehrere Bauprojekte im Not leidenden Nordosten nicht zuletzt durch die vielen Projekte in Tokio verhindert wurden. In der Hauptstadt war die Nachfrage nach Bauarbeitern und Materialien so hoch, dass in vor zehn Jahren zerstörten Orten eine Turnhalle oder ein Shoppingcenter nun in ihren Ansätzen brachliegen.

Olympia in Japan ist generell ein Reizthema

Praktisch jeder wirtschaftliche Aspekt bezüglich der Spiele ist generell ein Reizthema. Als die Menschen anfangs skeptisch gegenüber Tokios Bewerbungsabsichten waren, rechneten die Verantwortlichen vor, wie sehr die Wirtschaft von Olympia profitieren würde: 32 Milliarden US-Dollar an Mehrwert würden sie schöpfen. Und dies ohne Einsatz von Steuergeld. Die sechs Milliarden US-Dollar, die das Bewerbungsbudget als Kosten veranschlagte, sollten aus privaten Quellen beschafft werden.

Längst aber haben sich die Zahlen in ihr Gegenteil verkehrt. 2016 schätzte eine von der Tokioter Metropolregierung eingesetzte Kommission, dass die Kosten der Spiele auf bis zu 30 Milliarden ansteigen könnten, wenn nicht schnellstens gespart werde. Und als unabhängige Fachleute die Ertragsprognosen näher unter die Lupe nahmen, vermerkten sie grobe Übertreibungen: Würde man von Olympia unabhängige Investitionen wie den Ausbau des 5G-Netzes rausrechnen, stünden die Einnahmen nur noch bei rund einem Viertel der originalen Zahl. Auch dass das kein Steuergeld brauche, war von Anfang an eher kreativ interpretiert: Die Stadienbauten wurden einfach ignoriert.

Wie ehrlich ging es bei der Vergabe der Spiele zu?

Ehrlichkeit war wohl von Anfang an keine Tugend der Organisation. 2016 wurde nämlich auch ruchbar, dass die französische Staatsanwaltschaft gegen den Chef des Bewerbungskomitees und damaligen Vorsitzenden des Japanischen Olympischen Komitees, Tsunekazu Takeda, wegen Verdachts auf Stimmenkauf ermittelte. Takeda beteuerte stets, das Austragungsrecht sei sauber erworben worden. Er trat dennoch zurück.

Ähnlich erging es Anfang diesen Jahres Yoshiro Mori, ehemals Premierminister und Vorsitzender des Tokioter Organisationskomitees. Als er sagte, Frauen zögen Meetings ständig in die Länge, weshalb er lieber weniger von ihnen in seinen Versammlungen sehe, folgte ein Sturm der Entrüstung. Mori, der während seiner Karriere immer wieder mit reaktionären Äußerungen aufgefallen war, wollte das nicht so gemeint haben. Aber auch er trat zurück. Denn für den Leitspruch „Einheit in Vielfalt“, mit dem „Tokyo 2020“ Diversität und Offenheit fördern will, ist Mori allzu offensichtlich nicht der Richtige.

Regelmäßige Proteste gegen die Spiele

Im olympisch gesinnten Tokio aber liegen die Nerven eh schon lange blank. Seit Wochen wird regelmäßig gegen die Spiele protestiert. Mal vorm Hauptsitz des Japanischen Olympischen Komitees, dann wieder vorm Sitz der Metropolregierung. Die Massenmedien zeigen davon zwar wenig. Wie insgesamt ungefähr 60 Großunternehmen im Land gehören auch die fünf größten privaten Medienhäuser zu den offiziellen Sponsoren von „Tokyo 2020.“

Doch spätestens durch Meinungsumfragen dürften sie alle mittlerweile wahrgenommen haben, dass sie sich und der japanischen Gesellschaft mit ihrem Engagement keinen Gefallen getan haben. Denn durch ihr investiertes Geld – kollektiv wurden rund drei Milliarden US-Dollar an privatem Sponsorengeld eingespielt, ein Olympiarekord – wurde eine Absage dieser Spiele inmitten einer Pandemie umso schwieriger. Und so hat denn bis heute kein einziger Sponsor seine Unterstützung zurückgezogen.

Auch der Kaiser zeigt sich über die Lage besorgt

Dabei kommen die Rufe nach einer Absage nicht nur von der Straße und aus den sozialen Medien. Diverse Gesundheitsfachleute haben betont, dass „Tokyo 2020“ statt des Siegs über die Pandemie zu einem Superspreading-Event werden kann – zumal das Infektionsgeschehen in Tokio seit Wochen von der aggressiveren Delta-Variante geprägt ist. Schon bevor dies der Fall war, kritisierte auch Shigeru Omi, oberster Gesundheitsberater der japanischen Regierung, das Festhalten an den Olympiaplänen.

Und selbst der Kaiser, so berichteten es japanische Medien Ende Juni, soll besorgt sein angesichts der Situation. Allerdings darf sich der Monarch verfassungsgemäß nicht politisch äußern. IOC-Präsident Thomas Bach hingegen, der mittlerweile in Tokio eingetroffen ist, sagte dieser Tage: „Das Wichtigste ist, dass diese Spiele stattfinden.“ So etwas mag mal nach Frieden und Völkerverständigung geklungen haben. Dieser Tage wirkt es in Tokio eher wie eine Drohung. (Felix Lill)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare