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Oliver Letwin, 63, bei einem TV-Auftritt.

Oliver Letwin

Der Parallel-Premier

Thatcher-Protegé Oliver Letwin durchkreuzt Johnsons Brexit-Pläne - ein Porträt

Bei Boris Johnson und seiner Regierung hat sich Oliver Letwin gewiss keine Freunde gemacht mit seinem Antrag, die Abstimmung über den Brexit-Vertrag erneut aufzuschieben. Allerdings hatte der britische Premier den 63-jährigen Parlamentarier ohnehin schon aus der Partei werfen lassen wegen seines Widerstands gegen einen No-Deal-Brexit. Mit dem aktuellen Manöver festigt Letwin seinen Ruf in London, in den Brexit-Wirren eine Art Parallel-Regierungschef zu sein.

Mit dem Antrag zur Verschiebung der Abstimmung wollte Letwin verhindern, dass Großbritannien am 31. Oktober versehentlich doch noch ohne Vertrag die EU verlässt. Mit 322 zu 306 Stimmen votierte das Parlament dafür, Johnsons Abkommen erst dann zuzustimmen, wenn alle für den EU-Austritt nötigen Gesetze verabschiedet sind. Damit wurde Johnson gezwungen, in Brüssel einen erneuten Aufschub des Brexit zu beantragen.

„Trotz meiner Unterstützung für den Deal des Premierministers glaube ich nicht, dass es verantwortlich ist, diese Nation in Gefahr zu bringen“, begründete Letwin seinen Antrag. Der Abgeordnete, der schon seit den 80er Jahren in der Politik mitmischt, will unbedingt einen ungeregelten Austritt verhindern. Schon im März und erneut im September entriss er der Regierung die Kontrolle darüber, was im Parlament zur Abstimmung gestellt wurde.

Der Sohn zweier jüdisch-amerikanischer Wissenschaftler besuchte zunächst das elitäre Eton College und studierte an der renommierten Universität Cambridge. Der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher diente er von 1983 bis 1986 als Berater. Nach einer Karriere in der Investmentbank Rothschild wurde er 1997 für die Torys ins Parlament gewählt, wo er den Wahlkreis West Dorset vertritt.

Als Finanzpolitiker trat Letwin für die radikale Senkung der Steuern ein. Nach der Wahl 2010 half der Vertraute von David Cameron, eine Koalition mit den Liberaldemokraten auszuhandeln, die der Tory-Partei die Rückkehr an die Macht erlaubte. Cameron schuf daraufhin für Letwin eigens einen neuen Kabinettsposten und übertrug ihm die Verantwortung für die Ausarbeitung wichtiger ressortübergreifender Reformvorhaben.

Unter Thatcher war Letwin zum Europaskeptiker geworden, doch trat er in der Brexit-Diskussion für den Verbleib in der EU ein, da er glaubte, dass es Cameron gelingen werde, für Großbritannien einen neuen Status in der EU auszuhandeln. Nach dem Brexit-Referendum 2016 rückte er unter Camerons Nachfolgerin Theresa May zunächst auf die Hinterbank. Nun hat er aber bewiesen, welchen Einfluss er noch immer als Strippenzieher hat. (afp)

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