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Oligarch im Spagat

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Von: Stefan Scholl

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Roman Abramowitsch in Istanbul.
Roman Abramowitsch in Istanbul. © Imago

Der russische Milliardär Roman Abramowitsch versucht sich als Friedensstifter.

Gerötete, tränende Augen, entzündete und sich abschälende Haut – Roman Abramowitsch ging es angeblich schlecht in der Nacht nach seinen Verhandlungen am 3. März in Kiew. Über diese Vergiftungssymptome berichtete jetzt das „Wall Street Journal“, das britische Rechercheportal Bellingcat bestätigte sie, auch zwei ukrainische Parlamentäre sollen darunter gelitten haben.

Weitere Angaben widersprechen sich. Bellingcat hält den Einsatz eines chemischen Kampfstoffs für möglich, die BBC zitiert Leute aus der Umgebung des russischen Finanzmoguls Abramowitsch, er sei sogar für mehrere Stunden erblindet. Während der ukrainische Parlamentarier Rustem Umerow, der ebenfalls vergiftet worden sein soll, auf Facebook jede Vergiftung dementierte.

Eines aber hat sich auf jeden Fall bestätigt: Roman Abramowitsch, laut „Forbes“ 14,5 Milliarden Dollar schwer, Besitzer des Londoner Fußballclubs Chelsea und nach Ansicht der Öffentlichkeit einer der Großunternehmer Russlands, die dem Kreml am nächsten stehen, nimmt nicht offiziell, aber aktiv an den Waffenstillstandsverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine teil. Auch bei der Gesprächsrunde am Dienstag in Istanbul saß er laut dem ukrainischen Portal obozrevatel.com mit am Tisch.

Welche Rolle genau Abramowitsch, 55, in dem bisher nur bedingt erfolgreichen Verhandlungsprozess spielt, ist unklar. Er selbst soll sich Wladimir Putin bei einem persönlichen Gespräch noch am ersten Tag der Kampfhandlungen als Vermittler angeboten haben, wie das exilrussische Investigationsportal Agenstwo schreibt. Außerdem soll er mindestens zweimal aus Moskau zum ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ins von russischen Truppen belagerte Kiew gereist sein, über die Türkei. In deren Gewässer hat der Multimilliardär inzwischen auch seine beiden Großjachten vor den europäischen Sanktionen in Sicherheit gebracht.

Handfeste Vorteile

Laut Agenstwo kam das Treffen mit Selenskyj über jüdische Kontakte zustande. Wie Selenskyj ist Abramowitsch jüdischer Abstammung. Als er in Moskau Putin eine Notiz Selenskyjs überreichte, antwortete der laut der britischen „Times“: „Sag ihnen, ich werde sie vernichten.“

Abramowitschs Kurierdienste scheinen, wenn nicht gefährlich, so zumindest doch erniedrigend zu sein. Aber Abramowitsch gilt als geduldiger, wenn nötig auch demütiger Geschäftsmann. Als er 1995 gemeinsam mit dem Jelzin-nahen Mathematikprofessor Boris Beresowski für gerade 100 Millionen Dollar die Ölfirma Sibneft ergatterte, betrachteten ihn alle als Beresowskis Juniorpartner.

Aber nach Putins Amtsübernahme zerstritt sich Beresowski prompt mit dem Jungpräsidenten. Abramowitsch dagegen demonstrierte Putin Gehorsam, wurde er auf dessen Wunsch sofort Gouverneur und Geldgeber der verarmten Polarregion Tschukotka. Dafür durfte er zwei Jahre danach in London den FC Chelsea kaufen. Nun versucht Abramowitsch einen neuen Spagat zwischen dem Kreml und dem Westen. Als russisch-ukrainischer Friedensstifter. Und seine unbequeme Mission hat Abramowitsch schon handfeste Vorteile gebracht. Wie das „Wall Street Journal“ berichtet, bat Selenskyj Joe Biden in der vergangenen Woche in einem Telefongespräch, auf Strafen gegen den prominenten Vermittler zu verzichten. Bisher ist Abramowitsch tatsächlich noch nicht auf der Sanktionsliste die US-Behörden aufgetaucht.

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