Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Olaf Scholz hat sein Ansehen mit leichtfertigen Versprechungen in die Tonne getreten.
+
Olaf Scholz hat sein Ansehen mit leichtfertigen Versprechungen in die Tonne getreten.

Nach G20 in Hamburg

Olaf Scholz ist plötzlich Problembär

  • Bernhard Honnigfort
    VonBernhard Honnigfort
    schließen

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz hat sich mit dem G-20-Gipfel verschätzt und stolpert über seine eigenen Worte.

Es ist noch nicht lange her, da hat die Patriotische Gesellschaft Olaf Scholz, den Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt, zu sich an die Trostbrücke eingeladen. Man wollte wissen, was da die nächsten Tage auf Hamburg zukommt. Natürlich ist Scholz sofort und gerne gekommen, denn die Patriotische Gesellschaft ist eine respektierte Runde in Hamburg, deren Einladungen man annimmt: 1765 gegründet und mit Ansehen und Einfluss, Kaufleute, Reeder, Anwälte, Händler. Leute, die sich immer um ihre Stadt gekümmert haben, um Bücherhallen für alle oder das Armenwesen, Museen und Hochschulen. Dass es in Hamburg heute Blitzableiter gibt, soll auch ein Werk der Patriotischen Gesellschaft sein.

Scholz, seit 2011 Bürgermeister, seit 2015 wiedergewählt, saß, umgeben von höflich Interessierten, vergnügt in einem Sesselchen, er hielt sein Mikrofon wie ein schweres Softeis in der Hand und beantwortete die Fragen der besorgten Patrioten in leichtem Plauderton. „Wie kann man nein sagen“, befand er, als es darum ging, wie Angela Merkel ihn vor anderthalb Jahren gefragt hatte, ob Hamburg den Gipfel ausrichten könne. Mit „großer Gelassenheit“ werde man das Treffen der Mächtigen schon wuppen, immerhin sei man Hamburg, Tor zur Welt, eine Millionenstadt. Hamburger wüssten sich bekanntlich auch zu benehmen. „Wir kriegen das schon hin“, sagte Scholz und fuhr in beruhigendem Ton fort, Hamburg habe ja auch eine „sehr gute Polizei“. Dann machte sich der Bürgermeister, ungewöhnlich, aber wohl Ausdruck gut gelaunter Selbstgewissheit, sogar öffentlich ein bisschen lustig über all die Demo-Anmelder, Leute aus der linksextremen Hamburger Szene. „Leute, wie vor 40 Jahren“, spottete Scholz, als er selbst noch als junger Sozialdemokrat Demos anmeldete. „Nur heute keine Haare mehr.“

Einen Blitzableiter kann der 59-Jährige gerade selbst gut gebrauchen. Der Gipfel ist vorbei, die Mächtigen sind weg, die politische Ausbeute für die Welt ist eher Magerkost. Dafür sind ganze Straßenzüge Hamburgs von einer Horde linksautonomer Gewalttäter durch die Mangel gedreht worden, wie das die krawallgewohnte Stadt noch nicht erlebt hat. Es gingen schauderhafte Bilder von Gewaltorgien um die Welt. Hunderte Verletzte, die meisten von der Polizei, Wasserwerfereinsätze, fliegende Steine, Molotowcocktails, geplünderte Geschäfte, ausgebrannte Autos. Gesichter entsetzter Hamburger. Es ist ein Wunder, dass es keine Toten gab.

Nun holen Scholz die eigenen Worte ein, mindestens so ausgebrannt und von der Wirklichkeit zertrümmert wie manche Ecken im Schanzenviertel um die berüchtigte Rote Flora. Plötzlich steht ausgerechnet Scholz, der nüchterne, vorsichtige Realist, ein äußerst erfahrener Politiker, wie ein Amateur ohne Erdung da, der sein Ansehen mit leichtfertigen Versprechen in die Tonne getreten hat. Schon während des Gipfels, den er stellenweise begleitete, konnte man sehen, wie ihm von Stunde zu Stunde mulmiger wurde. Beim Konzert in der Elbphilharmonie sah man ihn in seinem Smartphone die neuesten Horrormeldungen aus seiner Stadt lesen.

Am Sonntagabend schließlich saß er dann bei Anne Will in der Talkshow und musste erklären, dass er nicht an Rücktritt denke. Hamburgs CDU hat ihn gefordert, was nicht besonders tragisch für Scholz ist, weil Hamburgs CDU eben nur die kleine CDU in Hamburg ist. Peter Altmaier wiederum, Merkels Kanzleramtsminister, verteidigt Scholz ausdrücklich, schließlich war der für Altmaiers Chefin mit seiner Stadt eingesprungen, als ein Gipfelort gesucht wurde und München nicht wollte.

Generalsekretär, Innensenator, Bundesminister

Scholz ist erstmals schwer angeschlagen. Seit Jahrzehnten macht er Politik. Er war SPD-Generalsekretär, er war Innensenator in Hamburg, er war Bundesminister. Er war immer vorsichtig. Lieber zu wenig sagen als zu viel. Ein Profi. Und plötzlich ist er ein politischer Problembär, sein Handeln gibt Rätsel auf: Wieso redet ein vorsichtiger und zurückhaltender Politprofi vor dem Gipfel blumig und beschwichtigend daher? Wieso dieser fast überhebliche Ton? Wieso diese rhetorische Leichtfertigkeit: Wenige Tage nach dem Gipfel werde kein Mensch in Hamburg merken, dass das Treffen überhaupt da war?

Durch Polizei und Geheimdienste musste er wissen, was sich über Hamburg zusammenzog. Schon im März kursierten Lageeinschätzungen der Polizei, die ausdrücklich vor Krawalltourismus und schlimmen Gewalttaten warnten. Nun steht ausgerechnet Scholz, Motto: „Gut regieren“, wie ein Hasardeur da, der Teile seiner Stadt Plünderern und Brandstiftern ausgeliefert hat. Weil nicht genug Polizei da war, um alle zu schützen, Spitzenpolitiker und Ladenbesitzer im Schanzenviertel.

In Hamburg kann sich niemand daran erinnern, dass Olaf Scholz schon einmal derart danebengelangt hat. Der 59-jährige in Altona lebende Hobbyruderer hat es in den vergangenen Jahren zu echter Beliebtheit gebracht, was nicht schlecht ist für einen derart nüchternen und schweigsamen Mann. Nach den chaotischen Rathausjahren unter dem lebensfrohen CDU-Bürgermeister Ole von Beust, der zunächst mit Leuten wie Ronald Schill und dessen Statt-Partei und danach mit den Grünen regierte, wirkte Olaf Scholz ab 2011 wie ein seriöser Baumarktfachverkäufer, der einem die richtigen Schrauben raussuchen kann. Für viele Hamburger war er die Erlösung.

Kleiner König - das dürfte vorbei sein

Er kümmerte sich. Um kaputte Gehwege, um Parkplätze, Schlaglöcher, fehlende Wohnungen, alles. Er schaffte das Unmögliche und beendete das Chaos um die Finanzierung der fast 800 Millionen Euro teuren Elbphilharmonie. Er schluckte kurz, als die Hamburger 2015 per Volksentscheid seinen Traum von Olympischen Spielen in die Alster kippten. Er stürzte sich in den Alltag, die Elbvertiefung, Flüchtlingsaufnahme, Sozialwohungsbau. Scholz machte und wuchs dabei, er wurde als SPD-Kanzlerkandidat gehandelt, was ihm geschmeichelt haben dürfte. Er wurde seine eigene Lieblingsrolle: Ein kleiner, aber einflussreicher Mann, Hauptdarsteller in Hamburg mit nicht zu unterschätzender Nebenrolle in Bundesangelegenheiten. Nicht allererste Reihe, aber auf keinen Fall jemand, den man übersehen oder unterschätzen sollte.

Das vergangene Wochenende hat alles ins Wanken gebracht. Nun muss er einiges aushalten. Kleiner König, wie sie ihn gerne im Rathaus nennen – das dürfte vorerst vorbei sein. Viele Hamburger, die von Anfang an ein mulmiges Gefühl hatten, sind böse, andere verstehen einfach nicht, was in ihren Bürgermeister gefahren ist, den Gipfel mitten in die Stadt neben bekanntermaßen von Linksextremen bewohnte Viertel zu legen. Dass Scholz noch als Edelreservist taugt, sollte SPD-Chef Martin Schulz bei der Bundestagswahl im September schwer unter Merkels Räder kommen, ist zweifelhaft. Er dürfte genug in Hamburg zu tun haben, der eigenen, sehr aufgewühlten Stadt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare