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Sozialdemokratische Symbolik: In München spielen Kandidaten die Bälle an die Mitglieder weiter.

SPD-Vorsitz

Olaf oder Obama

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Die SPD hat den ersten Teil der Vorsitzendensuche hinter sich. Nach 23 Regionalkonferenzen wählen jetzt die Mitglieder. Gibt es Favoriten?

Was würde sich in den ersten 100 Tagen ändern, falls Olaf Scholz gemeinsam mit der Brandenburgerin Klara Geywitz SPD-Parteichef würde? Auf der letzten Regionalkonferenz vor der Mitgliederbefragung über die neue Parteispitze antwortet Scholz: „In 100 Tagen wird die SPD nicht zu der Stärke kommen, die wir uns alle wünschen.“

Der Vizekanzler und Bundesfinanzminister kündigt an, die Regionalkonferenzen sollten zum „Dauermodell für die SPD“ werden. Die künftige Parteiführung und die Basis sollen häufiger miteinander reden. Hier in der Festhalle des Löwenbräukellers bekommt der Vizekanzler dafür Applaus – aber eben auch keinen frenetischen. Da geht es Scholz genauso wie auf vielen Regionalkonferenzen zuvor.

Es ist einer der eher leisen Momente einer Veranstaltung, auf der viele Kandidaten die Chance ergreifen, noch mal laut und vernehmlich für sich selbst als künftige SPD-Vorsitzende zu werben.

Karl Lauterbach, der mit seiner Co-Kandidatin Nina Scheer die SPD aus der großen Koalition herausführen will, ruft mit Blick auf das Klimapaket der großen Koalition und die Proteste von Fridays for Future: „Wir wollen, dass die jungen Leute wieder mit uns auf die Straße gehen und nicht mehr gegen uns.“ Und bei seiner Ablehnung des Klimapakets beruft er sich auf eine Figur, die in der SPD bekanntermaßen heilig ist: „Willy Brandt hätte so etwas nicht mitgetragen.“

Parteivize Ralf Stegner, Co-Kandidat der früheren Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan, trägt seine Absage an die Rechtsradikalen im Stakkato vor: „Unser Problem ist nicht die Vielfalt, unser Problem ist die Einfalt.“

Die SPD sucht neue Parteivorsitzende, aber sie sucht auch sich selbst. Das ist anstrengend – auch für die Kandidatinnen und Kandidaten. 23 Regionalkonferenzen: Das bedeutet, die eigene Kandidatur immer wieder aufs Neue zu begründen und Hunderte Fragen zu beantworten. Jeder Kandidat hat mindestens 8000 Kilometer zurückgelegt: Saarbrücken, Hannover, Berlin, aber auch Troisdorf und Nieder-Olm.

Das Kandidatenfeld wird bei der letzten Veranstaltung in München noch einmal ein bisschen kleiner. Bis hierhin haben sieben Kandidatenduos – jeweils bestehend aus Mann und Frau – durchgehalten. Doch jetzt ziehen die Parteilinke Hilde Mattheis und der Gewerkschafter Dierk Hirschel ihre Kandidatur zurück.

Mattheis betont noch einmal, es gehe den beiden um „radikal sozialdemokratische Politik“, darum, die Verteilungsfrage nicht nur zu stellen, sondern auch zu beantworten. Diese Partei könne nur überleben, wenn es kein „Weiter so“ gebe – ein Seitenhieb auf Scholz. Sie habe in den vergangenen Wochen versucht, andere linke Kandidatenduos dazu zu bringen, sich auf ein Team zu verständigen. Das sei nicht gelungen. Nun will sie mit ihrem Rückzug das Feld an linken Kandidaturen zumindest verkleinern.

„Ich weiß schon, wen ich wählen werde“, sagt Mattheis auf Nachfrage nach der Veranstaltung. Eine konkrete Wahlempfehlung will sie dennoch nicht geben: nur dass jeder überlegen solle, wer wirklich linke Politik mache.

Auf dem linken Parteiflügel kämpfen jetzt drei Duos gegeneinander um die Stimmen der Mitglieder: Karl Lauterbach und Nina Scheer setzen auf die eindeutige Ankündigung, die Partei aus der großen Koalition zu führen. Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken haben landauf, landab betont, sie wollten den sozialdemokratischen Bus aus der „neoliberalen Pampa“ herausbringen, in die andere ihn hineingefahren hätten. Ihnen hat ein Votum des NRW-Landesverbands und die Unterstützung von Juso-Chef Kevin Kühnert auf der linken Seite eine gewisse Favoritenrolle eingebracht.

Doch während das Format der Regionalkonferenzen mit seinen kurzen Antworten Walter-Borjans und Esken nur mäßig liegt, punkten Stegner und Schwan mit kurzen, nicht selten humorvollen Ansagen. Schwan streicht in München die Unabhängigkeit des eigenen Duos heraus – und setzt damit einen Seitenhieb gegen Walter-Borjans und Esken. „Wir werden noch nicht mal dem heiligen Kevin gehorchen, weil wir unseren eigenen Kopf haben“, sagt sie in Anspielung auf Kühnert. Nicht ohne zu ergänzen: „Übrigens: Wir mögen Kevin.“

Olaf Scholz steht dagegen wie kein anderer für die große Koalition. Mit ihm und Klara Geywitz konkurrieren nicht zuletzt der eher konservative niedersächsische Innenminister Boris Pistorius und die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping. Sie streichen heraus, sie hätten sich kommunal- und landespolitisch engagiert, während andere seit vielen Jahren nur auf der Bundesebene unterwegs gewesen seien.

Außen-Staatsminister Michael Roth und die frühere NRW-Familienministerin Christina Kampmann wiederum sind politisch ein linkes Duo, wollen aber die Gesamtpartei ansprechen. Sie haben mit einer gut durchgeplanten Kampagne in den sozialen Netzwerken manchen in der Partei genervt, aber auch viel Unterstützung gewonnen.

Oft ist der Funke auf das Publikum übergesprungen. So wie in München, als die beiden sagen: „Im Jahr 2030 finden auch ein Erzieher oder ein Handwerker eine Wohnung in München, weil bezahlbares Wohnen ein Menschenrecht ist“, ruft Kampmann.

Und jetzt? Viele Zuschauer in München sagen, sie seien noch nicht sicher, für wen sie sich entscheiden würden. Zum Beispiel Peter Teichert, der ausgerechnet hier in München eine Schiffermütze mit einem Hamburger Stadtwappen auf dem Kopf trägt – und ein Tuch des Fußballvereins FC St. Pauli um den Hals. Der 70-Jährige lebt seit vielen Jahren in München. Und er „schnackt“ auch so, wie er das ausdrückt.

„Das ideale Kandidatenpaar für mich wären Olaf Scholz und Ralf Stegner“, sagt Teichert. „Aber das geht ja nun mal nicht.“ Aber würden die beiden inhaltlich zusammenpassen, der Vizekanzler und der Linke? „Für Scholz bin ich eher als Lokalpatriot, so richtig bin ich eigentlich mehr für Stegner.“

Sollte die SPD in der großen Koalition bleiben? „Als Bürger sage ich: Die SPD hat eine Aufgabe übernommen und stellt sich zu Recht ihrer staatspolitischen Verantwortung“, sagt Teichert. „Und als Sozialdemokrat sage ich: Das Opfer, das wir für die große Koalition bringen, ist unglaublich groß.“ Also bleiben oder nicht? „Gott sei Dank muss ich das nicht entscheiden.“

Wo immer man sich auf der Veranstaltung in München umhört, es entsteht kein eindeutiges Stimmungsbild. Daniel Sinani, Juso aus Passau, ist sich vor allem in einem sicher: „Olaf Scholz wäre schlecht für die Partei, er steht nicht für einen Aufbruch.“ Der 20-Jährige kann sich gut vorstellen, Walter-Borjans und Esken zu wählen. Er sagt aber, auch die anderen Teams vom linken Flügel hätten ihm gut gefallen.

Die 27-jährige Sarah Akgül aus München sagt, ihr falle nach der Veranstaltung die Entscheidung nicht leichter als vorher. Aber das jüngste Team – Christina Kampmann und Michael Roth – sei „zusammen einfach wahnsinnig sexy“. „Da gibt es so einen kleinen Obama-Moment.“

Wie werden die mehr als 400 000 Mitglieder abstimmen? Auf den Veranstaltungen waren zwar immerhin knapp 20 000 Menschen – unter ihnen viele Aktive, die kritisch gegenüber der großen Koalition sind. Doch wählen viele, die zwar SPD-Mitglieder sind, aber praktisch nie zu Veranstaltungen gehen, am Ende vielleicht Scholz, weil sie den kennen? Viele halten das für denkbar.

Am Ende stehen in München alle Bewerber noch einmal gemeinsam auf der Bühne und werfen riesige weiße Luftballons mit der Aufschrift „Unsere SPD“ ins Publikum. Das Ganze soll zeigen, wo der Ball jetzt liegt: bei den Mitgliedern. Die spielen sich die Luftballons noch eine Weile gegenseitig zu. Die SPD feiert sich ein bisschen selbst. Sie kommt ja nicht mehr so oft dazu.

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