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„In so einer Situation, wo man so am Boden ist, dieses Misstrauen zu spüren, das hätte ich nicht für möglich gehalten“.

Vergewaltigung

„Ohnmacht ist das schlimmste Gefühl“

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Die wenigsten Frauen zeigen eine Vergewaltigung an – auch heute noch. Und selbst wenn sie es tun – immer mehr Beschuldigte kommen straffrei davon.

Sie liegt da, in einem Gebüsch, auf dem Boden. Über sich einen Mann, der sie festhält und sich an ihr vergeht. Dahinter ein zweiter Mann, der zuschaut. Sie sieht das alles in schwammigen Bildern, in dumpfer Benommenheit, unfähig, sich zu bewegen.

So setzt sie ein, die Erinnerung von Nina Fuchs an die Nacht vom 18. auf den 19. April 2013. Davor ist in ihrer Erinnerung ein großes Nichts. Dahinter ist, später, ein tränenreicher Weg nach Hause. „Es war, als würde ich neben mir stehen“, sagt sie heute. „Ein Gefühl, wie ich es zuvor noch nie hatte.“

Am nächsten Tag will Nina Fuchs zunächst nicht zur Polizei gehen. Sie erwartet davon nicht viel, sie kann ja nicht mal die Täter beschreiben. Auf den Rat ihrer Schwester geht sie dann doch. Es ist der Beginn einer Odyssee, auch eines Kampfes, der bis heute nicht zu Ende ist.

Die Strafverfolgung nach einer Vergewaltigung, das ist für viele Betroffene ein deprimierendes Thema. Es beginnt damit, dass die allermeisten ein solches Verbrechen überhaupt nicht anzeigen. Lediglich gut 15 Prozent der Frauen melden die Tat der Polizei, so hat es eine Befragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) bereits 2011 ergeben. Die Angst vor Misstrauen und intimen Befragungen einerseits und die Befürchtung andererseits, es werde ohnehin nichts bringen, lassen den Großteil der Betroffenen vor einer Anzeige offenbar zurückschrecken.

15,5 %

der vergewaltigten Frauen haben die Tat laut der einzigen Repräsentativ-Befragung aus dem Jahr 2011 auch angezeigt.

Neue Zahlen lassen diese Bedenken nun sogar noch begründeter erscheinen. So ist laut einer Auswertung des KFN für die Jahre 2014 bis 2016 die Quote der Verurteilungen, gemessen an den angezeigten Fällen, auf 7,5 Prozent gesunken: 1994 lag sie (in den alten Bundesländern) bei 21,6 Prozent; von 2011 bis 2013 bei 8,8 Prozent. „Frauen, die eine Vergewaltigung anzeigen, erreichen ihr Ziel immer seltener“, konstatiert Professor Christian Pfeiffer, der frühere Leiter des KFN.

Wie viele Frauen werden überhaupt Opfer eines solchen Verbrechens? Die reale Zahl der Vergewaltigungen lässt sich nur schätzen. Im Zeitraum von 2014 bis 2016 wurden 22 286 Vergewaltigungen angezeigt.

Wobei es durchaus auch eine Frage des Wohnortes zu sein scheint, ob Betroffene die Verurteilung ihres Peinigers erleben: Während in Berlin laut dieser Auswertung das Verhältnis von Verurteilungen zu Fällen in diesem Zeitraum bei gerade mal 3,4 Prozent liegt, sind es in Sachsen, dem Land mit dem höchsten Wert, 21,4 Prozent. Ist es also tatsächlich auch eine Art regionale Glückssache, ob Täter verurteilt werden? Haben sie es in einigen Ländern leichter als in anderen, einer Strafe zu entkommen?

Die Geschichte der Münchnerin Nina Fuchs, von Beruf Übersetzerin, handelt von der schwierigen Beweislage, die es in solchen Fällen oft gibt. Mehr noch aber handelt sie von dem Gefühl vieler betroffener Frauen, von Polizei und Justiz nicht ernst genommen zu werden.

„In so einer Situation, wo man so am Boden ist, dieses Misstrauen zu spüren, das hätte ich nicht für möglich gehalten“, sagt die 36-Jährige heute. An jenem Abend im April 2013 ist sie zunächst mit Freunden unterwegs, die aber früher nach Hause müssen. Sie bleibt noch in einem Club in der Münchner Innenstadt. Dann endet ihre Erinnerung.

Am nächsten Tag, auf der Suche nach Erklärungen, ist sie bald überzeugt, die einzig mögliche gefunden zu haben: K.o.-Tropfen. Sie hatte zwar auch etwas getrunken, sagt sie, lediglich angetrunken sei sie jedoch beim Abschied von ihren Freunden gewesen, wie die später bezeugten. Die Wirkung, betont sie, könne sie durchaus von dem unterscheiden, was sie an diesem Abend erlebte. „Das hier war etwas völlig anderes.“

Sogenannte K.o.-Tropfen, ein Sammelbegriff für eine Vielzahl betäubender Substanzen, lassen sich nur wenige Stunden im Blut nachweisen. Als Nina Fuchs in die Gerichtsmedizin kommt, erst nach einer längeren Befragung durch die Polizei, sind seit der Tat zwölf bis 14 Stunden vergangen. Spuren von K.o.-Tropfen werden nicht gefunden, dafür von Alkohol und Sperma. Da sie aber die Täter nicht beschreiben kann und der DNA-Abgleich keine Treffer bringt, stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein Dreivierteljahr später ein. Vorerst jedenfalls. Bis zu der neuesten Wendung vergehen fast fünf Jahre.

92.809 Stimmen – inzwischen sind es noch viel mehr: Nina Fuchs (links), hat eine Petition gestartet.

Nina Fuchs streitet derweil gegen all die Vorurteile und Einwände, die betroffenen Frauen immer wieder begegnen. Zum Beispiel, dass sie mitschuldig seien, wenn sie viel Alkohol getrunken hätten. „Selbst wenn“, fragt Nina Fuchs zurück. „Gibt es etwa einen Freibrief, betrunkene Frauen zu vergewaltigen?“ Oder dass sie möglicherweise einen Seitensprung vor sich und anderen hinter einem Verbrechen verbergen wollten. „Ich war damals Single“, entgegnet sie darauf. Für sie ist dies das entscheidende Argument gegen jeden Zweifler: „Warum sollte ich mir so etwas zumuten? Welches Motiv sollte ich haben?“

Dass Frauen bewusst falsche Verdächtigungen erheben, das gibt es. Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe verweist auf eine europaweite Studie, die auf einen Wert von 3 Prozent kam. In Bayern kam eine Untersuchung im Jahr 2000 auf 7 Prozent, in denen Ermittler schließlich wegen Falschaussage gegen die Anzeigeerstatterin selbst ermittelten. Es bleibt, so besagen es die Studien, eine sehr kleine Minderheit.

Nina Fuchs lässt ihren Fall nicht auf sich beruhen. Vergewaltigungen sind Erfahrungen totaler Ohnmacht und Erniedrigung; die Starre zu überwinden, die Opferrolle abzulegen, das kann auch ein Teil der Therapie sein. „Ohnmacht ist das schlimmste Gefühl“, sagt sie. „Dass mir die Hände gebunden sind, dass ich eine ungerechte Situation so hinnehmen muss, da musste ich rauskommen.“

Sie macht eine Therapie, holt sich Hilfe vom Weißen Ring, der ihr einen Anwalt stellt, gibt Interviews, kommt in Kontakt mit anderen Betroffenen. Es sind immer wieder ähnliche Geschichten, die sie von ihnen hört. Sie handeln von Frauen, die oft viele Monate auf einen Prozess warten müssen und in dieser Zeit keine Traumatherapie machen dürfen, um den Wert ihrer Aussage im Verfahren nicht zu erschüttern. Manche sind darunter, die sich durch Ermittler und Richter erneut traumatisiert fühlen – und die das Gefühl haben, dass ihnen sowieso nicht geglaubt wird.

Dabei sollte jetzt vieles einfacher sein. „Nein heißt Nein!“ war die Überschrift für jene Änderung, mit der die Bundesregierung vor drei Jahren, im November 2016, den Vergewaltigungsparagrafen 177 im Strafgesetzbuch reformierte. Seitdem muss sich das Opfer nicht mehr körperlich wehren – es reicht, dass der Täter das Nein des Opfers erkannt und sich darüber hinweggesetzt hat.

Die Erwartungen waren hoch, als die Neuregelung 2016 eingeführt wurde. Inzwischen ist von Euphorie nur noch wenig zu spüren. Es fühlten sich mehr Frauen ermutigt, über das Erlebte zu sprechen und Anzeige zu erstatten, stellt Katharina Göpner vom Bundesverband Frauenberatungsstellen fest. Dafür sei es jetzt vor allem die wegen überlasteter Gerichte lange Verfahrensdauer, die Betroffenen zusetzt.

Der Berliner Anwalt Ulrich Dost-Roxin, Experte für Sexualstrafrecht, erklärt, es habe zwar „viel politischen Wind“ gegeben: „Geändert aber hat sich seit 2016 praktisch nichts.“ Mindestens wie früher stehe jetzt zumeist Aussage gegen Aussage. Kriminologe Pfeiffer schließlich hält die großen Erwartungen von 2016 für „eine komplette Illusion der Gesetzesmacher: Sie verändern die Wirklichkeit erst dann, wenn die Praxis das Gesetz auch umsetzt.“ Bis dahin aber sei es noch ein weiter Weg.

Für Nina Fuchs kam eine Wende im Mai 2018: Die Ermittler hatten den Mann gefunden, zu dem die DNA-Spur passt. Er war wegen eines anderen Delikts festgenommen worden und saß nun in Haft. Nina Fuchs bescherte die Nachricht Tage der Euphorie, „ich war total aufgewühlt“, sagt sie.

Umso größer war die Ernüchterung, als die Staatsanwaltschaft München ihr telefonisch zu Beginn dieses Jahres erneute die Einstellung des Verfahrens ankündigte – verbunden mit der Vorwarnung, die Formulierungen im offiziellen Brief könnten möglicherweise etwas hart klingen.

Da der Verdächtige zu dem Vorwurf schweigt und Nina Fuchs sich an Täter und Ablauf nicht genau erinnern kann, sei ein Prozess aussichtslos, argumentiert die Staatsanwaltschaft. Ihr Anwalt wiederum hält diese Einstellung angesichts der DNA-Spur für vorschnell. Nina Fuchs selbst hat eine Onlinepetition für ihren Fall gestartet – und schließlich mehr als 100.000 Stimmen gesammelt, die sie in ihrer Forderung nach einer Wiederaufnahme des Verfahrens unterstützen. Die Staatsanwaltschaft hat auf den Druck hin erklärt, sie wolle „ergänzende Sachverhalte“ prüfen – was sie nun aber schon seit mehreren Monaten tut. Nina Fuchs dringt ungeachtet möglicherweise geringer Erfolgsaussichten auf einen Prozess. „Ich will, dass der Mann, der mich vergewaltigt hat, vor Gericht kommt“, sagt sie. „Alles andere fände ich vollkommen unerträglich.“

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