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Männer sind nicht nur nach außen destruktiver als Frauen. Sie zerstören sich auch viel häufiger selbst.

Gewalt

Die Ohnmacht des Mannes

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Warum wir Gewalt nicht nur ächten, sondern auch über ihre Ursachen sprechen müssen.

Wissen Sie, wie Sie einen Mann ganz leicht verunsichern können? Wenn Sie in einem Restaurant sind, fragen Sie ihn, was er essen möchte, und sobald ein Kellner am Tisch steht … bestellen Sie für ihn.

Der amerikanische Satiriker Michael Ian Black, der seine Freunde gern so auf den Arm nimmt, schreibt aus der Erfahrung: „Es ist lustig, weil es eigentlich nicht so einfach sein sollte, einem Mann seine Männlichkeit zu stehlen – aber das ist es.“

So lustig das vielleicht tatsächlich ist, der Anlass für Blacks New-York-Times-Kolumne über Männlichkeit, war es nicht. Denn es ging um ein School shooting, ein Schulmassaker, diesmal in Parkland, Florida, am 14. Februar – eine der schlimmsten US-Schulschießereien der vergangenen Jahre. Und nur eine von vielen.

Allein seit 2015 gab es in den Vereinigten Staaten 82 Schießereien an Schulen oder in Schulbussen. In vielen Fällen wurde niemand getötet, oft gab es „nur“ Verletzte. So gut wie immer schießen junge Männer. Und Michael Ian Black, der vor allem auf die US-Gesellschaft und die Genderdebatte dort blickt, fasst das in einem kurzen, aber sehr wichtigen Satz zusammen: „Boys are broken“.

Black lenkte die Debatte weg von Schuld und Sühne, weg von der in den USA bisher nicht durchsetzbaren Verschärfung des Waffenrechts, weg vom Gut-Böse-Schema hin zu der Frage: Was stimmt mit den jungen Männern nicht?

Diese Frage ist wichtig. Denn dass etwas nicht stimmt, wenn Männer zuschlagen, zustechen, schießen, Terrorangriffe in eher friedlichen westlichen Gesellschaften verüben – das ist unstrittig. Spezialisten, die mit Tätern arbeiten, die also dafür sorgen, dass ein Mann seine Gefühle so weit unter Kontrolle bringt, dass sie anderen nicht schaden, weisen auf einige Punkte hin, die sonst wenig Beachtung finden. Zum einen sind die häufigsten Opfer der Männer ebenfalls Männer. Das scheint so banal zu sein, dass darüber kaum öffentlich geredet wird.

Des Weiteren sagen Experten, wie etwa die Antiaggressionstrainerin Monika Steinmeir unlängst in einem FR-Interview: Die Arbeit mit Tätern erhalte wenig Unterstützung. „Täterarbeit ist einfach ein unbeliebtes Thema. Damit gewinnt man keine Wahlkämpfe. Und für Täter will auch niemand spenden.“ Das könne man ja auch verstehen, so Steinmeier, die im Rhein-Main-Gebiet arbeitet.

Dabei geht es doch um Prävention. Es geht darum, zu vermeiden, dass ein Mann erneut seine Frau, seine Kinder oder einen anderen Mann angreift. Es geht im besten Fall sogar darum, zu vermeiden, dass jemand überhaupt erst zu einem Täter wird – der beste Schutz für alle.

Und noch etwas sehr Wichtiges wird selten öffentlich thematisiert: Männer sind nicht nur nach außen destruktiver als Frauen. Sie zerstören sich auch viel häufiger selbst: Die Suizidrate unter Männern ist viel höher als unter Frauen – und zwar in allen Altersgruppen ab 15 Jahren. Unter den Zehn- bis 15-Jährigen begehen mehr Mädchen Suizid.

Angesichts dieser Daten sollte die wichtige Debatte über Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, über Gewalt von Männern gegen Frauen, über strukturelle Benachteiligung von Frauen ergänzt werden um die Frage: Warum tun Männer das? Denn so wichtig es ist, Gewalt zu ächten, so wichtig wäre es auch, unvoreingenommen über ihre Ursachen zu sprechen. Die häufige Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ ist: Es geht um Macht, Unterdrückung, Beherrschung. Aber in manchen Beziehungskonflikten gibt es auch andere Gründe dafür.

Natasza Toczek, Berliner Psychologin, die seit 20 Jahren in der Gewalt-Arbeit tätig ist, sagt: „Aus meiner persönlichen Erfahrung in der Arbeit mit Männern sehe ich die Gewalt seltener als bewusst eingesetztes Verhalten, um die Anderen zu kontrollieren, sondern häufiger als Abwehren eigener Ohnmacht.“ Für die Männer sei dies eine schnelle Möglichkeit, eine belastende Situation zu beenden, unangenehme Gefühle loszuwerden, und zwar aktiv – als Handelnder.

Offenbar halten Männer unangenehme Gefühle schlechter aus. Toczek ergänzt: „Täter wandeln eine Situation der Trauer, Ohnmacht oder Hilflosigkeit in Wut um – das erzeugt ein vermeintliches Gefühl von Stärke.“

Ist das typisch für das Geschlecht? Toczek sagt, im Kindesalter zeigten Mädchen und Jungen ähnliches Aggressionsverhalten. In der Pubertät verändere es sich stark. Inwieweit es gesellschaftliche oder biologische Gründe oder beide dafür gebe – das sei zu kompliziert, um es eindeutig zu beantworten. „Es ist eine Mischung aus persönlichen Eigenschaften wie körperlicher Stärke, Charakter, dann die Prägung in der Sozialisation und Erziehung, und auch aus verinnerlichten Erwartungen an die Rolle als Mann.“

Bei ihrer Arbeit helfe ihr ein sachlicher Zugang, sagt die 46-Jährige. „Unsere Klienten haben Gewalt als Verhalten gelernt. Dagegen haben viele nicht gelernt, eigene Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und zu kommunizieren. Wir helfen ihnen, das Schritt für Schritt zu lernen, sozusagen eine gute Bedienungsanleitung zu sich selbst zu finden.“

Gewalt lernen Männer, die Gewalt ausüben, häufig am eigenen Leib. Denn was Experten ja auch sagen: Acht von zehn Gewalttätern waren selbst schon als Kind Opfer. Über diese Tatsache wird in den Diskussionen viel zu häufig leichtfertig hinweggegangen. Aber wie sollen wir den Kreislauf durchbrechen, bei dem Jungs als Kinder zu Opfern und später als Männer zu Tätern werden, wenn wir viel zu wenige Ressourcen dafür aufwenden, dass es weniger Täter gibt?

Hierbei geht es in erster Linie nicht um Strafverfolgung. Wer vor allem daran denkt, der kümmert sich um das Problem zu spät. Mindestens genauso wichtig wie Strafverfolgung oder Hilfe für betroffene Frauen und Familien müsste auch „Hilfe“ für tatsächliche oder potenzielle Täter werden. Niederschwellige Beratungsangebote, vertrauensvolle Gespräche, Anlaufstellen – wer in einer akuten Aggressionskrise steckt, muss so etwas lange suchen.

Es gibt gute Gründe, solche Angebote auszubauen. Gerhard Hafner, der in Berlin zusammen mit Natasza Toczek gewalttätige Männer berät, stellt beispielsweise fest, dass Männer sich zunehmend auch freiwillig an ihn wenden, (die meisten werden gerichtlich gezwungen). Die, die freiwillig kommen, sind häufig ältere deutsche Männer, die ihr Problem schon lange mit sich tragen.

Es gibt also eine positive gesellschaftliche Sensibilisierung. Und es ist durchaus angebracht, die lauten Debatten, die unter den Hashtags #aufschrei oder #metoo monatelang den öffentlichen Diskurs prägten, als Fortschritt der Gleichberechtigung zu sehen. Sie zeigen, dass es eine Machtverschiebung gibt. Wer aber erwartet, dass mehr Gleichberechtigung zu mehr Harmonie führen wird, der irrt. Denn wenn Mann und Frau das Gleiche dürfen, wollen und können, dann werden sie auch häufiger miteinander streiten, wer in einem konkreten Fall zum Zuge kommt. Aber wenn Männer es gelernt haben, ihre Gefühle besser zu verstehen und sie besser zu kommunizieren, dann werden das konstruktive Streitereien sein, auf Augenhöhe – ohne Gewalt.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Würde es sich nicht eher lohnen, differenzierter über die Geschlechterverhältnisse in unserer Gesellschaft zu streiten? Die moderne Männlichkeit vielleicht auch weniger negativ zu definieren, also nicht immer zu betonen, was alles schlecht ist, sondern eher Vorbilder zu benennen? Denn was allzu offensichtlich an der aktuellen Diskussion ist, das fasst der US-Satiriker Black ebenfalls prägnant zusammen: „Es reicht heute nicht mehr aus, ,ein Mann zu sein‘ – wir wissen sogar nicht einmal mehr, was das bedeutet.“

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