FR von Juni 1967

Ohnesorg und Mozart

Das Entsetzen ist groß: Einer unter den Demonstranten beim Berlin-Besuch des Schahs ist getötet worden. Ein junger Mann mit dem fröhlichen Namen Ohnesorg.

Von Dieter Hildebrandt

Das Entsetzen ist groß: Einer unter den Demonstranten beim Berlin-Besuch des Schahs ist getötet worden. Ein junger Mann mit dem fröhlichen Namen Ohnesorg hatte sich hineinbegeben in die Straßenschlacht zwischen Protestierenden und Polizisten, und er wurde von der Kugel eines Kriminalbeamten getroffen, der sich in Notwehr glaubte. Eine Operation im Krankenhaus half nicht mehr; Benno Ohnesorg ist tot; 26 Jahre war er alt, Student, jung verheiratet mit einer Kommilitonin; ein Kind ist unterwegs.

Der Schuß fiel außerhalb der Deutschen Oper Berlin, während drinnen Mozarts "Zauberflöte" gegeben wurde für den Staatsbesuch. Innen Gala; draußen Steinwürfe, Prügeleien, Gummiknüppel, Wasserwerfer. Drinnen, in diesen heiligen Hallen, kennt man Rache nicht; draußen werden Verletzte des affektgeladenen Tumults mit Krankenwagen in die Unfallstationen gebracht: Polizisten und Demonstranten - junge Leute. Und ein Schuß fällt. Ein Schuß ist gefallen in West-Berlin. Nämlich in dem Stadt-Teil, der seine ganze Glaubwürdigkeit bezieht aus dem Entsetzen über Schüsse, die im anderen, im abgemauerten Teil der Stadt fallen.

Ein Schuß ist gefallen da, wo man die Folge von Schüssen am besten kennt, am meisten verachtet; am tiefsten haßt. Der üble Nachhall dieses Schusses ist unabhängig von der gerichtlichen und bereits in Gang gekommenen Untersuchung der Frage, ob der Beamte in Notwehr gehandelt hat, am Boden liegend und im Angesicht mehrerer, sogar mit Messern auf ihn losgehender Leute.

In West-Berlin haben Schüsse das extremste moralische Echo, und das gereicht der Stadt zu Ehre. Zugleich mit der Trauer kommt die Scham: daß dergleichen hier passiert ist. Denn was geschehen ist, geschah in der einzigen Stadt der, Welt, deren ganze Existenz auf dem Zustand der Unversehrtheit beruht, der eigenen wie der ihrer Bürger wie der ihrer Rechte und der Rechte anderer.

Der Berliner Senat hat hart reagiert. Er hat die Einsetzung von Schnellgerichten veranlaßt. Er hat aber auch die Untersuchung der Vorfälle alsbald der an ihnen beteiligten Polizei aus der Hand genommen, und sie der Staatsanwaltschaft übertragen. Und er hat ein vorläufiges Demonstrationsverbot erlassen, was bei der Obrigkeit auf der anderen Seite der Stadt, wo man auf Schüsse abgebrühter reagiert, als faktischer Ausnahmezustand bezeichnet worden ist. Wer den Regierenden Bürgermeister Albertz gesehen hat bei der Bekanntgabe dieses Beschlusses, weiß, daß Verstörung und Erschütterung über die Vorfälle an der Deutschen Oper nicht allein auf seiten der Studenten sind, die sich am Wochenende zu Trauerkundgebungen versammelt haben, die auch, binnen kurzem, an die zehntausend Mark für die Frau des Erschossenen zusammengebracht haben.

Wer diesen Mann Albertz gesehen hat, weiß, daß das Demonstrationsverbot ganz sicherlich sich nicht gegen die Studenten richtet, sondern zuallererst, und in eben dieser drastischen Weise, zu ihrem Wohl erlassen worden ist. Zu ihrer Sicherung, nicht gegen den Übermut der Berliner Polizei, sondern gegen die sich austobende Polizeigesinnung einiger Berliner Studenten.

Das Demonstrationsverbot des Senats ist falsch, panisch, nutzlos. In der augenblicklichen Gereiztheit auf allen Seiten ist es eher gefährlich, Gelegenheit zum Zusammenprall zu geben, Polizisten mit dem Befehl zu versehen, unter Einsatz aller Mittel Versammlungen jeglicher Art zu zerstreuen. Was jetzt not tut in Berlin, ist nicht, daß der Senat Demonstrationen verbietet, sondern daß sich studentische Demonstrationen für eine Weile von selbst verbieten.

So lange, bis die Demonstranten gelernt haben, sich mit Argumenten und nicht mit Steinen zu bewaffnen. So lange, bis sie begriffen haben, daß niemand das Recht hat, zum Beispiel gegen Saigon zu protestieren, wenn er drauf und dran ist, Berlin in eine Art Saigon zu verwandeln. So lange, bis klar ist, daß die angeprangerte "Faschisierung der Berliner Polizei" von niemand anderem betrieben wird als von denen, die diesen Begriff in Umlauf bringen, und dazu die passenden Gelegenheiten, ihn anzuwenden.

So lange, bis man eingesehen hat, daß Gewalt nicht erst mit Schüssen anfängt, sondern mit Steinwürfen und Stöcken, und daß es demagogisch ist, zwischen verschiedenen Formen von Brutalität zu differenzieren, zum Beispiel zwischen öffentlicher und privater. So lange, bis die jungen Leute begriffen haben, daß politische Demonstrationen das dümmste und vergeblichste Mittel politischer Betätigung sind. So lange, bis die Demonstranten aufs Schlichteste verfallen: mit wem zusammen sie da zusammengeraten bei der gemeinsamen Demonstration.

Sind nicht auch die Verfasser der Aufforderung, Berliner Kaufhäuser anzuzünden, darunter, sind nicht auch Leute dabei, die, wider jegliche Gesetze, einen Zeitungskonzern aufteilen wollen, die aber gleichwohl das, was sie ihm vorwerfen, selbst praktizieren, nämlich daß Leute, die noch nicht verurteilt worden sind, als Mörder bezeichnet werden, wie es jetzt auf Transparenten mit Albertz geschehen ist. Und so lange, bis die Demonstranten begreifen, daß die Auflehnung gegen die Autorität in einer Stadt töricht ist, die nur davon lebt, daß ihr diese Autorität von den Alliierten vorenthalten wird. So lange, bis die Demonstranten begreifen, warum sie überhaupt und gegen wen sie demonstrieren; wie viele unter den paar tausend Protestlern kennen denn die Verhältnisse im Iran; oder haben sie Illustriertentitel gesteinigt?

Nicht Ruhe, aber Denken ist die erste Bürgerpflicht. Und Denken sollte doch von Studenten, zumal in Berlin, zu verlangen sein.

Aus der FR-Sonderausgabe von Anfang Juni 1967

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