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Das Ras-Abu-Aboud-Stadion soll eine von vier Spielstätten für 2022 in Doha werden.

WM in Katar

„Ohne die Millionen Gastarbeiter gäbe es gar keine WM“

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Amnesty-Expertin Regina Spöttl über systematische Ausbeutung, internationalen Druck und kleine Schritte in die richtige Richtung.

Frau Spöttl, die Leichtathletik-WM in Katar wird sehr kritisch gesehen: Kaum Fans im Stadion und extreme Wetterbedingungen. Wundert Sie das Echo?
Überhaupt nicht. Bei solchen Temperaturen ist es einfach problematisch, Sport zu betreiben. Es ist aber nicht nur so, dass Athleten und Zuschauer schwitzen – sondern erst recht die vielen Arbeiter im Land, die unter diese Bedingungen tagtäglich auf den zahlreichen Baustellen arbeiten müssen. Wir sprechen hier von mittlerweile zwei Millionen Arbeitsmigranten, die alles aufgebaut haben und noch aufbauen werden. Das Khalifa-Stadion, wo die Leichtathletik-WM stattfindet, ist bekanntlich auch bereits für die Fußball-WM 2022 renoviert worden. Die Arbeiter haben keine Klimaanlage. Sie mussten und müssen in brütender Hitze die Infrastruktur des Landes aufbauen. Und nur ein kleiner Teil der ausländischen Arbeitnehmer arbeitet auf den WM-Baustellen. Wir rechnen mit 30 000. Der Rest der gut zwei Millionen Arbeiter schuftet auf anderen Baustellen. Es ist uns wichtig, dass der Blick auf alle Arbeiter gerichtet wird.

Haben sich die Bedingungen nach Ihrem ersten Bericht geändert?
Die Nachricht ist bei den Menschen und der Regierung angekommen. Es tut sich etwas – aber sehr langsam. Punktuelle Verbesserungen sind mit einem großen „Aber“ versehen. Es gibt ein neues Gesetz für Hausangestellte, weil sie bisher im katarischen Arbeitsgesetz gar nicht erwähnt wurden. Sie mussten ihre Verträge mit ihren Arbeitnehmern machen, denen sie ohne die notwendigen Schutzmaßnahmen ausgeliefert waren.

Regina Spöttl ist Expertin der deutschen Sektion von Amnesty International für die Golfstaaten.


Konnte man da von modernen Leibeigenen sprechen?
Nein, Zwangsarbeit ist zutreffender. Zwangsarbeit wird so definiert, dass jemand a) etwas machen muss, was er oder sie gar nicht will. Und b) er oder sie unter Androhung von Strafen dazu gezwungen wird. Das ist leider in den Golfstaaten durch das ausbeuterische Sponsorensystem Kafala gegeben.

Die Katarer behaupten, es sei abgeschafft.
Das stimmt nicht, das Kafala-System ist de facto noch gültig. Es heißt jetzt nur anders: Gesetz Nummer 21 zur Ein- und Ausreise und Aufenthalt ausländischer Arbeitnehmer. Damit ist es aber noch lange nicht getan. Es ist ein erster Schritt, dass Leute sich damit beschäftigt haben. Dieses Gesetz kann aber immer noch missbraucht werden, weil die Einhaltung ungenügend überwacht wird.

Katar investiert viel Geld in die Weltwirtschaft – auch in deutsche Firmen. Müssten die Einfluss nehmen?
Das wünschen wir uns. Aber wir können nur Informationen und Anregungen geben. Wir freuen uns über jede kritische Stimme, weil damit das Thema in den Fokus rückt. Positiv ist, dass die Presse am Ball bleibt. Nur so kann den Arbeitern in der Golfregion geholfen werden. Unsere Aufgabe ist es, den Druck auf die Regierungen aufrechtzuerhalten. Kleine Fortschritte gibt es – und die werden auch lobend erwähnt.

Was muss konkret noch besser werden?
Das Kafala-System muss vollständig abgeschafft werden. Die Pässe müssen nach der Einreise zurückgegeben werden und die Arbeiter brauchen eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung. Ohne die sind die Arbeiter illegal im Land. Es müssen Mindestlöhne pünktlich gezahlt werden und die Arbeiter müssen vernünftig versorgt und untergebracht werden. Die Kataris dürfen eines nicht vergessen: Ohne die zwei Millionen Arbeitnehmer aus dem Ausland könnte die ganze Fußball-WM 2022 gar nicht stattfinden. Wir wünschen uns eine Wertschätzung für diese Arbeiter.

Interview: Stefan Döring

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