Nordsyrien

Offenbar Hunderte IS-Kämpfer geflohen

  • schließen

Laut Berichten zwingen Gefechte die kurdischen Wachen zur Flucht.

Die türkische Offensive in Nordsyrien gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) hat nach Angaben der kurdischen Autonomieverwaltung zur Flucht von fast 800 Angehörigen von Kämpfern der Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) geführt. 785 Frauen und Kinder seien aus einem Lager bei Ain Issa geflohen, nachdem es in der Nähe türkische Luftangriffe gegeben habe, teilte die Autonomieverwaltung am Sonntag mit.

Die Verwaltung der halbautonomen Kurdenregion erklärte, die Insassen hätten die Wachen angegriffen und die Tore geöffnet. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die ihren Sitz in London hat, verließ ein Teil der Wachen wegen der Luftangriffe und Gefechte das Lager. In den kurdischen Gefängnissen in Nordsyrien sind 12 000 IS-Kämpfer inhaftiert, darunter bis zu 3000 Ausländer. Ein Teil der Gefängnisse liegt in der Kampfzone. In Internierungslagern in der Region leben zudem 12 000 ausländische Frauen und Kinder.

Unterdessen teilten die von Kurdenmilizen angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) mit, dass bei der Offensive die bekannte kurdische Politikerin und Frauenrechtlerin Havrin Khalaf getötet worden sei. Khalaf, Generalsekretärin der Partei Zukunft Syriens (FSP), sei am Samstag auf einer Landstraße in einen Hinterhalt geraten. Die SDF machte die Türkei und deren Verbündete für Khalafs Tod verantwortlich. „Dies zeigt, dass der türkische Einmarsch nicht zwischen einem Soldaten, einem Zivilisten oder einem Politiker unterscheidet.“

Von türkischer Seite gab es keine offizielle Bestätigung. Die regierungsnahe Zeitung „Yeni Safak“ meldete aber, Khalaf sei bei einer Operation „außer Gefecht gesetzt worden“. Sie sei bei einem Luftschlag getötet worden, der auf Basis von Geheimdienstinformationen durchgeführt worden sei. Die Türkei betrachtet die Kurdenmiliz YPG wie auch ihren politischen Arm, die PYD, als Terrororganisation. Die Partei Zukunft Syriens ist ein Ableger der PYD.

Die humanitäre Lage in dem Gebiet verschärfte sich unterdessen weiter. Das UN-Nothilfeprogramm Ocha berichtete, schätzungsweise 130 000 Menschen seien seit Beginn der Kämpfe vertrieben worden.

Zivilisten hingerichtet?

Die türkische Armee und mit ihr verbündete syrische Rebellen eroberten am Sonntag laut der Beobachtungsstelle für Menschenrechte die strategisch wichtige Grenzstadt Tal Abjad von der kurdischen YPG. Bei den schweren Gefechten hätten die mit Ankara verbündeten syrischen Milizionäre am Samstag neun Zivilisten „hingerichtet“. Auch die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete die Einnahme des Stadtzentrums.

Seit Beginn der Offensive am Mittwoch wurden nach Zählungen der Beobachtungsstelle mindestens 52 Zivilisten getötet. Ferner seien mehr als 100 Kämpfer in Reihen der SDF und mehr als 70 Kämpfer der mit der Türkei verbündeten Milizen sowie acht türkische Soldaten ums Leben gekommen. Laut Ankara wurden dagegen nur zwei Soldaten bei dem Militäreinsatz getötet sowie 440 YPG-Kämpfer.

Die Außenminister der Arabischen Liga forderten ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen. Die Offensive sei eine „offenkundige Verletzung“ der Souveränität Syriens, die den Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) behindern und zu „neuen Krisen und mehr Flüchtlingen“ führen werde, teilte Generalsekretär Ahmed Abul Gheit nach einer Dringlichkeitssitzung in Kairo mit.

Derweil geht die türkische Justiz gegen Kritiker der Militäroperation im eigenen Land vor. Wie Innenminister Süleyman Soylu mitteilte, hat die Staatsanwaltschaft die Festnahme von 121 Personen angeordnet, die sich in sozialen Medien kritisch zur Operation geäußert hatten. Die Justiz habe bereits 500 Ermittlungsverfahren gegen Personen eingeleitet, weil sie die „Operation Friedensquelle“, wie der Einsatz offiziell heißt, „beleidigt“ hätten. (afp/dpa/öhl)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion