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Cem Özdemir im Bundestag. (Archivbild)

Cem Özdemir

Der überqualifizierte Bewerber

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Cem Özdemir bewirbt sich um den Fraktionsvorsitz. Seine Chancen gelten als schlecht – das liegt auch daran, dass er zu gut ist.

Robert Habeck machte aus seiner Besorgnis keinen Hehl. Das Flügelschlagen werde bei den Grünen wieder stärker, sagte der Parteichef vorige Woche im öffentlichen Disput mit dem einstigen Grünen-Star Joschka Fischer – und das gefalle ihm nicht. „Flügel dürfen nicht wichtiger sein als das gemeinsame Projekt.“

Die Worte waren auf die Auseinandersetzung um den Vorsitz der Grünen-Bundestagsfraktion gemünzt. Denn überraschend fordern der langjährige Parteivorsitzende Cem Özdemir und die Bremer Newcomerin Kirsten Kappert-Gonther die Amtsinhaber Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter heraus. Am Dienstag kommt es zum Showdown.

Mit Kappert-Gonther hatte niemand gerechnet. Sie sitzt erst seit zwei Jahren im Bundestag. Verliert die Psychiaterin gegen Göring-Eckardt, womit alle rechnen, dann hat sie immerhin ihren Bekanntheitsgrad gesteigert und sonst ohnehin wenig zu verlieren. Bei Özdemir ist das anders. Für den 53-Jährigen entscheidet sich die Karriere.

Diese war stets die eines Underdogs. Genauso erzählt Özdemir sie – bis heute. Da ist von dem anatolischen Schwaben die Rede, der auf die Realschule ging und es doch zu etwas brachte. So rückte Özdemir 1994 als erster Parlamentarier mit türkischen Eltern in den Bundestag ein, zog sich nach der Bonusmeilen-Affäre 2002 zunächst in die USA und dann ins Europaparlament zurück, um 2008 als Grünen-Vorsitzender wieder aufzuerstehen.

Noch vor der Bundestagswahl 2017 kündigte Özdemir an, nicht erneut kandidieren zu wollen – wohl in der Erwartung, dass es mit der Regierungsbeteiligung und dem Ministeramt schon klappen würde. Er wurde stattdessen Mitglied im Auswärtigen Ausschuss und Vorsitzender des Verkehrsausschusses. Seither sagt sich Özdemir, der bei Twitter 150 000 Follower hat: Das kann doch nicht alles gewesen sein – und stürzt so Partei und Fraktion in Turbulenzen.

Herrliches Selbstbild der Grünen

Die Grünen hatten sich unter Robert Habeck und Annalena Baerbock ein herrliches Selbstbild gezimmert: ein harmonischer Zusammenschluss verantwortungsbewusster Menschen zu sein, dem ein halber Prozentpunkt bei einer Wahl auch mal „ein bisschen egal“ (Habeck) ist, wenn sie nur weiter die Welt retten können. Flügel gab es in dieser schönen Welt nicht mehr. Jetzt sind die Flügel mit dem Realo Özdemir und seinen linken Widersachern wieder da. Und wo zuletzt Anstand war, ist ein Hauch Intrige.

Habeck und Baerbock hoffen, dass nach der Wahl wieder Ruhe ist im Karton. Özdemir indes fühlt sich unter Wert verkauft und glaubt, dass die Vier an der Spitze die Kabinettsposten 2021 (oder eher) unter sich ausmachen, wenn er nicht dazwischen grätscht. Dabei ist Özdemir mit drei Argumenten konfrontiert, warum seine Kandidatur falsch sei. Es heißt, er sei menschlich schwierig und zu sehr Realo. Tatsächlich pflegte Özdemir mit seiner Co-Vorsitzenden Simone Peter ein Konfliktverhältnis und eckt rasch an; Habecks und Baerbocks Ausstrahlung beruht nicht zuletzt darauf, dass sie es anders machen.

Dass Özdemir Realo ist, lässt sich ebenso schwer bestreiten. So lud er 2016 Daimler-Chef Dieter Zetsche zum Parteitag nach Münster ein. Internen Kritikern riet er seinerzeit zu „etwas mehr Rückgrat“. Özdemir hat, was manche Grüne gern von sich behaupten – eine Haltung. Eine Haltung freilich, die oft im Streit mit der Partei kenntlich wird.

Das dritte Argument gegen Özdemir ist ungewöhnlich. So sagte eine Frau vom linken Fraktionsflügel unlängst, Göring-Eckardt und Hofreiter sollten bleiben, weil sie Habeck und Baerbock die Bühne überließen. Demnach bekäme Özdemir den Job auch deshalb nicht, weil er als überqualifiziert gilt. Der Aufstieg in Baden-Württemberg wiederum ist versperrt, weil der 71-jährige Amtsinhaber Winfried Kretschmann 2021 abermals antreten möchte.

Niemand bestreitet, dass Cem Özdemir „hervorragende Reden halten kann und ein starker Wahlkämpfer ist“ (Göring-Eckardt). Allerdings könnte er mit zu viel Eigengewicht die grüne Statik durcheinander bringen. Aus der Grünen-Fraktion verlautet jedenfalls, dass Hofreiter jetzt mehr Stimmen bekommen könnte als beim letzten Mal.

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