Ukraine-Krieg

Öl-Embargo gegen Russland: Was das für Privathaushalte bedeuten würde

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Der nächste Kurswechsel in der Bundesregierung: Das Ölembargo gegen Russland im Ukraine-Krieg wird immer wahrscheinlicher. Aber was bedeutet das für Verbraucher?

Berlin – Erst war es vom Tisch, jetzt ist es wahrscheinlicher als jemals zuvor: ein EU-weites Ölembargo gegen Russland. Während andere Länder noch über die Notwendigkeit einer solch harten Sanktion verhandeln, herrscht in der Ampelregierung weitestgehend Einigkeit. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) stimmt die Bevölkerung in seiner jüngsten Ansprache auf mögliche Einschränkungen ein: Vor allem in Ostdeutschland könne es bei einem Ölembargo „rumpelig werden“. Die Tatsache, dass Deutschlands Ölimporte aus Russland in den letzten Wochen von 35 auf 12 Prozent gesunken sind, stimmen Habeck aber optimistisch: „Wir haben eine Situation geschaffen, dass Deutschland ein Ölembargo tragen kann.“ Aber was bedeutet das eigentlich genau?

Lebensbereiche wie Verkehr, Heizung und viele Industriezweige sind abhängig von einer zuverlässigen Erdöl-Versorgung. Die ersten Auswirkungen des Ukraine-Krieges können wir bereits tagtäglich an den steigenden Preisen von Diesel und Benzin an der Tankstelle beobachten. Das liegt vor allem daran, dass wichtige Ölkonzerne wie Shell und BP sich bereits eigenständig aus Russland zurückgezogen haben. Im Falle eines Ölembargos ist damit zu rechnen, dass der Ölpreis zunächst noch einmal merklich ansteigen wird. Für Verbraucher bedeutet das, dass zunächst alles noch ein wenig teurer wird: Autofahren, Heizen und alle Konsumgüter, für deren Produktion Energie benötigt wird. 

Russisches Ölembargo in Deutschland: Rohstoffanalyst rechnet mit kurzzeitigen Auswirkungen

„Ich glaube, der Markt wird zunächst überschießen, sich dann aber relativ schnell wieder beruhigen“, sagt Ulrich Leuchtmann, Rohstoffanalyst der Commerzbank, im Interview mit der WirtschaftsWoche. Da der Ölmarkt global sei, lasse sich Öl recht schnell substituieren. Und da große Ölkonsumenten wie Indien und China auch im Falle eines EU-Ölembargos wohl weiterhin Öl von Russland beziehen, pendele sich der internationale Ölpreis schnell wieder ein. „Bei den bisherigen Lieferanten Indiens und Chinas werden außerdem natürlich Lieferkapazitäten für den Westen frei“, ergänzt Leuchtmann.  

Laut einer Studie von Greenpeace wäre ein Ölembargo gegen Russland wirksam.

Noch vor einigen Wochen sah das ganz anders aus. Damals war Deutschland nicht annähernd in der Lage, ein Ölembargo gegen Russland umzusetzen. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) sagte erst am Wochenende bei Anne Will, dass wir seinerzeit keinen Monat ohne russisches Öl durchgehalten hätten. Die sich zuspitzende Situation in der Ukraine habe die Regierung aber dazu bewegt, sich auf entsprechende Sanktionen vorzubereiten. Ob das Ölembargo kommt, liegt nun an Ländern wie Ungarn, Österreich, Spanien, Italien, Griechenland und der Slowakei. Sie alle gelten noch als Bremser der Sanktion, da sie in großer Abhängigkeit zu Russland stehen. Hier bedarf es weiterer Abstimmungen, denn ein Ölembargo benötigt die volle Zustimmung aller EU-Länder. 

Ukraines Präsident fordert schnelles EU-Ölembargo gegen Russlands Präsident Wladimir Putin

Trotzdem: Experten sind sich einig, dass ein Ölembargo für Deutschland und die EU deutlich besser zu verkraften ist, als der Importstopp von russischem Gas. Das liegt zum einen daran, dass Gas ausschließlich über Pipelines importiert werden kann und Öl über mehrere Transportwege ins Land kommt. Zudem gibt es deutlich mehr Öl-Exporteure als das bei Erdgas der Fall ist. Mit etwas Vorlauf könnten hier zum Beispiel Aserbaidschan, Algerien, Norwegen, Großbritannien, Libyen oder Ägypten als Öl-Anbieter einspringen. In Deutschland ist zudem jedes zweite Haus vom russischen Erdgas versorgt – eine Menge, die nicht so einfach zu ersetzen ist. Rohstoffexperte Leuchtmann zieht deshalb ein klares Fazit: „Ein Ölembargo ist für Deutschland logistisch und ökonomisch besser verkraftbar als ein Stopp der Gasimporte.“

Viel Spielraum in Bezug auf Sanktionen gegen Russland hat die EU allerdings nichtmehr. Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht sich angesichts der anhaltenden Angriffe auf sein Land in einer aktuellen Videobotschaft deshalb ganz klar für das Ölembargo aus. Außenministerin Baerbock erhofft sich eine wirtschaftliche Schwächung Russlands durch die Maßnahmen: „So sorgen wir dafür, dass ein weiteres militärisches Vorgehen in anderen Regionen aus russischer Kraft allein in den nächsten Jahren nicht möglich ist.“ Und was, wenn die EU nicht für ein Ölembargo stimmt? Als Alternative ist die Einführung von Preisobergrenzen für russisches Erdöl im Gespräch. Damit würde Russland weniger Geld bekommen, aber die Versorgungssicherheit in Europa wäre gesichert. Allerdings müssten auch hier alle EU-Länder mitziehen. 

Entlastungspaket der Ampel-Regierung schwächt negative Folgen eines potenziellen Ölembargos ab

Heute oder morgen wird das Ölembargo uns zwar nicht erreichen, aber die EU macht nun trotzdem Tempo. Noch am heutigen Nachmittag wollen sich die EU-Energieminister entsprechend beraten. Insgesamt wird davon ausgegangen, dass Europa bis Herbst oder Winter russisches Öl importieren wird, da die Übergangsfristen eingehalten werden müssen und einige Länder noch Vorbereitungen treffen müssen. Schon vorher sorgt die Bundesregierung mit dem Entlastungspaket dafür, dass der finanzielle Mehraufwand der Menschen im Land zumindest ein Stück weit aufgefangen wird. Und auch, wenn der Verzicht auf Erdöl aus Russland für viele Menschen erstmal Einbußen mit sich bringen wird, ist sich Wirtschaftsminister Habeck sicher: „Das heißt eben nicht mehr, dass wir als Land, als Nation, in eine Ölkrise reinrutschen werden.“ (Leonie Zimmermann)

Rubriklistenbild: © Jan Woitas/dpa

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