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In Saudi-Arabien sind zwei Einrichtungen des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco mit Drohnen angegriffen worden.

Märkte in Aufruhr

Der Angriff auf die saudischen Raffinerien zeigt die Verwundbarkeit der Ölindustrie

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Die Drohnenangriffe auf die weltweit größten Ölanlagen in Saudi-Arabien haben am Montag einen Schock an den Rohstoffmärkten ausgelöst. Wie schwerwiegend sind die Folgen für die Weltwirtschaft?

Der Preis für ein Fass der wichtigsten Referenzsorte Brent schnellte an der Londoner Börse in den ersten Handelsminuten rund zwölf Dollar in die Höhe, das entspricht einem Plus von um 20 Prozent. Es handelt sich um das stärkste Plus innerhalb eines Tages seit 1988, als dort Termingeschäfte mit Öl gestartet wurden. Durch die Attacken wird die tägliche Fördermenge um rund 5,7 Millionen Fass (159 Liter) reduziert. Das ist mehr als die Hälfe der saudi-arabischen Erzeugung. Die Menge entspricht etwa fünf Prozent der globalen Bedarfs. 

„Wir haben noch nie einen solchen Versorgungsausfall und eine solche Preis-Reaktion am Ölmarkt gesehen“, sagte Saul Kavonic von Credit Suisse dem Finanzdienst Bloomberg. Im Laufe des Tages beruhigte sich die Lage. Am Montagnachmittag kostete ein Fass noch rund 65 Dollar, das entspricht einem Aufschlag von gut 8,5 Prozent im Vergleich zum Schlusskurs vom Freitag. Zuletzt war Brent-Öl Mitte Juli so teuer. Vor einem Jahr wurden die 159 Liter für gut 67 Dollar gehandelt.

Öl-Geschäft global stark vernetzt

Inwiefern die Autofahrer hierzulande von dem Ölpreis-Schock betroffen sein werden, wird von der Entwicklung der nächsten Tage abhängen. In der Regel macht sich das Auf und Ab an den Rohstoffmärkten mit einer Verzögerung von drei bis vier Tagen an den Tankstellen bemerkbar. Gut möglich, dass es Ende der Woche eine zumindest kurzfristig spürbare Verteuerung für Benzin und Diesel geben wird – obwohl nach Informationen des Mineralölwirtschaftsverbandes nur etwa ein Prozent des importierten Öls aus Saudi-Arabien kommt.

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Der mit Abstand wichtigste Importeur mit einem Anteil von rund 40 Prozent ist Russland. Ein weiteres Viertel kommt aus Norwegen und den EU-Ländern. Dass die Ereignisse dennoch Auswirkungen auf die hiesigen Sprit- und Brennstoff haben können, hängt mit der starken globalen Vernetzung des Geschäftes mit dem Öl zusammen. Saudi-Arabien exportiert vor allem nach Asien und in die USA. Wenn dorthin nun jeden Tag mehrere Millionen Fass weniger geliefert werden, dann kann dies zunächst durch Vorräte in großen Öllagern ausgeglichen werden. 

Aber durch das geringere Angebot wird sich früher oder später die weltweite Maschinerie der Ölversorgung verschieben: Tanker, die ursprünglich für Europa bestimmt waren, werden nach Asien oder in die USA umgeleitet. Damit verringert sich das Angebot für den Alten Kontinent, was die Betreiber hiesiger Raffinerien in Form höherer Einkaufspreise zu spüren bekommen. Diese werden an die Autofahrer weitergegeben. Möglich ist das, weil der Spritmarkt zu rund 80 Prozent von fünf Konzernen – BP (Aral), Shell, Exxon-Mobil (Esso), Total, Conoco-Phillips (Jet) – kontrolliert wird. Häufig startet Marktführer Aral Preiserhöhungsrunden, die anderen ziehen dann nach.

Trump gibt nationale Reserven frei

Die Betreiberin der Anlagen, die staatliche Ölfirma Saudi Aramco, kann nach Einschätzung von Experten innerhalb weniger Tage die Produktion für einen signifikanten Anteil der jetzt ausgefallenen Mengen wieder hochfahren. Es dürfte aber viele Wochen dauern, bis die volle Kapazität wieder erreicht ist. Lücken können mittelfristig andere Akteure füllen, zumal die Erzeugung weltweit rationiert ist. Im Dezember 2018 hatte das Opec-Kartell zusammen mit anderen wichtigen Öl-Ländern wie Russland die Fördermenge gedrosselt, und zwar um 1,2 Millionen Fass. Der Beschluss wurde Ende Juni noch einmal bestätigt. Lange herrschte ein Überangebot auf den Märkten. Das hat vor allem damit zu tun, dass die USA die Förderung mit dem höchst umstrittenen Fracking-Verfahren stark ausgebaut haben. 

Die Internationale Energieagentur (IEA) teilt am Montag mit, man sehe bislang keine Versorgungsengpässe. Die Märkte seien vorerst ausreichend versorgt. Dennoch teilte US-Präsident Donald Trump per Twitter mit, er habe die Freigabe von nationalen Reserven genehmigt. Details nannte er nicht. Aber es werde genügend Öl geben, um die Märkte zu versorgen. Die Vorräte sind für Krisenfälle bestimmt. Experten der US-Beratungsfirma Rapidan Energy gehen davon aus, dass die Ankündigung zunächst einmal eine Art verbale Intervention war, um Börsianer und Rohstoffhändler zu beruhigen. Ob tatsächlich die strategische Reserve angezapft werde, sei noch nicht ausgemacht. Immerhin verteuerten sich am Montag bis gegen Mittag in den USA die Lieferverträge für Benzin um rund acht Prozent – Trump ist darauf bedacht, die Spritpreise für seine Anhängerschaft niedrig zu halten.

Für viele Analysten zeigen die Attacken indes vor allem eins: Wie verletzlich die saudi-arabische Öl-Infrastruktur durch moderne Waffen wie Drohnen geworden ist. Das habe der Markt bislang nicht eingepreist, so Ed Morse von der Citigroup. Die einflussreichen Experten der Investmentbank Goldman Sachs gehen davon aus, dass der Brentpreis auf 75 Dollar steigen könnte, wenn die beschädigten Anlagen in Saudi-Arabien länger als sechs Wochen komplett ausfallen.

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