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Erst brannte das prorussische Zeltlager vor dem Gewerkschaftshaus in Odessa, später das Gebäude selbst.

2. Mai 2014

Odessa - Noch immer keine Aufklärung der Tragödie

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Am 2. Mai 2014 starben 48 Menschen in der ukrainischen Stadt Odessa. Die Schuldfrage ist bis heute ungeklärt. 

Rauchbomben flogen durch die Fenster des Gewerkschaftshauses, nahmen den Leuten die Atemluft. Oleg Musyka und drei andere Männer flohen in den vierten Stock. Der Rauch wurde dichter und schwärzer, das Gebäude brannte. „Ich habe in mein Jackett gespukt und durch das feuchte Tuch geatmet.“ Musyka, 51, war einmal Kleinunternehmer in Odessa, jetzt ist er politischer Flüchtling in Berlin. Doch vor allem ist er Überlebender.

Heute vor fünf Jahren eskalierten in Odessa die Zusammenstöße zwischen proukrainischen und prorussischen Demonstranten, 48 Menschen kamen ums Leben, die meisten von ihnen im Gewerkschaftshaus. Die einen betrachten den 2. Mai 2014 als Mordbrennerei ukrainischer Neonazis, die anderen als blutigen Sieg über die hybride russische Aggression. Die Behörden aber verschleppen die Aufklärung der Tragödie.

Gegen 21 Uhr sei eine Leiter zu ihrem Fenster hochgefahren worden, erzählt Musyka. Ein Feuerwehrmann fragte: „Kommt ihr runter?“ „Nein!“ Musyka sagt, er habe von oben gesehen, wie die Männer, die sich ergaben, zusammengeschlagen wurden. Die unten sahen andere Dinge. „Ein Separatist kletterte die Leiter herunter. Unten nahm ihn einer von unserer Selbstverteidigung in Empfang und zog ihm eine Maschinenpistole aus der Hose“, erzählt der Maidan-Aktivist Sergei Zoof.

Videos zeigen tobende Ukrainer, die aus Kopfwunden blutende Verletzte bedrohen. Andere schleppen ein Baugerüst heran, um die „Feinde“ zu retten, die sich vor dem Feuer auf acht Meter hohe Mauervorsprünge gerettet haben. Aber jemand höhnt auch laut: „Spring runter! Spring nach Russland!“ Moskauer Medien schreiben, der 2. Mai in Odessa sei nur mit den Verbrechen der Nazis zu vergleichen, die im Weltkrieg Dorfbewohner lebendig verbrannten.

Schlacht wütete stundenlang

Am frühen Nachmittag waren etwa 300 prorussische Kämpfer in der Stadt unterwegs, sie stellten sich einer Maidan-Kundgebung von gut 2000 Menschen in den Weg, wie die Menschenrechtsorganisation Human Right Without Frontiers nach einer Untersuchung berichtete. Die Kämpfer trugen Helme, Schilder, Schlagstöcke, Messer, auch Schusswaffen. Sie bewarfen ihre zum Teil ebenfalls schwer geharnischten Gegner mit Pflastersteinen. Die reagierten, Schüsse fielen, das erste Todesopfer war ein proukrainischer Fußballfan.

Videos zeigen einen Antimaidan-Kämpfer mit dem Kriegsnamen „Botsman“, der seine Feinde minutenlang aus einem Sturmgewehr beschießt. Laut HRWF wurden sechs Menschen durch Kugeln getötet, vier bis fünf davon Maidan-Anhänger. Es gab mehr als 200 Verletzungen. Die Schlacht wütete stundenlang, dann flohen die Russlandanhänger. Die Sieger zogen zum Antimaidan-Zeltlager vor dem Gewerkschaftshaus. Die Menschen dort wichen ins Gebäude zurück, Molotowcocktails flogen, Kunststoffverkleidungen fingen Feuer.

Gegen Mitternacht hätten sich Rauch und Lärm gelegt, Musyka suchte im Gebäude nach seinem jüngeren Bruder, fand Dutzende tote Kameraden, viele verbrannt. Dann stieß er im Dunkel auf Gegner, sie behelligten ihn nicht, weil er ihnen auf ukrainisch antwortete.

Einer habe gesagt: „Unsere Arbeit ist erledigt. Jetzt kommt jemand, der Pässe und Telefone einsammelt.“

Warum starben die Menschen im Gewerkschaftshaus?

Bis heute ist unklar, warum die 42 Menschen im Gewerkschaftshaus starben. Nach offiziellen Angaben erlagen 34 Rauchvergiftungen oder Verbrennungen, acht stürzten zu Tode. Viele Odessiten glauben, die ukrainischen Sicherheitsorgane hätten das Blutbad organisiert, Reporter sahen beim Gewerkschaftshaus viele Kleinbusse mit westukrainischen Nummern. Aber Videos zeigen auch, wie der Chef der Schutzpolizei Odessas, Dmitri Futschedschi, die prorussische Streitmacht persönlich ins Stadtzentrum führt, später mit „Botsman“ in einem Krankenwagen verschwindet. Beide geben seit Jahren in Russland TV-Interviews. Offenbar hatte auch Moskau in Odessa die Hand im Spiel. „Dieser 2. Mai war eine Tragödie, aber er hat Odessa vor einer separatistischen Rebellion und einem zweiten Donbasskrieg gerettet“, sagt der Kiewer Politologe Oleksandr Solontai.

Die ukrainische Justiz stellte 20 Antimaidan-Leute wegen Teilnahme an den Massenunruhen vor Gericht, 19 wurden freigesprochen, ein Russe bekam fünf Jahre Haft. Gegen mehrere laufen Verfahren. Die Gegenseite wird kaum behelligt. Zwar wurde der Maidan-Radikale Sergei Chodijak angeklagt, er soll auf der Straße einen Russlandanhänger erschossen haben. Aber die letzte Verhandlung im Dezember 2018 wurde abgebrochen, weil Chodijaks Freunde im Gerichtssaal randalierten.

Musyka wurde im Treppenhaus von Polizisten festgenommen, kam wenige Tage später frei und floh aus Angst vor einer neuen Verhaftung in die EU. Er hat ein Buch über den 2. Mai geschrieben, hält Vorträge: „Ich will, dass dieses Verbrechen aufgeklärt wird, ich will Gerechtigkeit für die Toten.“ Aber was den Brand im Gewerkschaftshaus angeht, steht die Justiz mit leeren Händen da. „Die Ermittlungen sind ineffektiv, die Straffreiheit dauert an“, klagte die UN-Menschenrechtskommission vor einem Jahr. Seitdem hat sich nichts geändert.

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