+
Kinder müssen in jungen Jahren ihre innere Sicherheit aufbauen, um später nicht anfällig für hasserfüllte Ideologien zu werden.

Herbert Renz-Polster

„Nur wer sich selbst als wertvoll ansieht, kann auch anderen einen Wert zugestehen“

  • schließen

Der Entwicklungsexperte Herbert Renz-Polster über den Zusammenhang zwischen kindlicher Prägung und politischer Haltung. 

Herr Renz-Polster, Sie sehen einen engen Zusammenhang zwischen autoritärer Erziehung in der Kindheit und rechtspopulistischen Einstellungen im Erwachsenenalter. Welcher Erziehungsstil begünstigt denn solch einen Charakter?
Jede Erziehung, die die Entwicklungsbedürfnisse eines Kindes ignoriert, schafft dafür eine Anfälligkeit. Wenn Kinder seelische Not erleben, wenn sie keine Stimme haben und sich unsicher fühlen, entwickeln sie keine innere Heimat und suchen nach einem Ersatz. Die rechtspopulistische Agenda macht da ein perfektes Angebot – perfekt, weil es komplementär zu den Grundbedürfnissen des werdenden Menschen ausgerichtet ist. Alles dreht sich ja um die sichernde Identität: Bin ich groß oder klein? Habe ich eine Stimme oder nicht? Bin ich geschützt oder bedroht?

Wie kann man Kinder gegen Ideologien stärken, die Angst schüren und Hass, Strafe oder Härte predigen?
In der Kindheit erleben wir Menschen tatsächlich ein erstes „Gesellschaftsmodell“. Wie geht man hier mit Macht und Herrschaft um? Wie mit meinen Bedürfnissen nach Anerkennung, Zugehörigkeit und Sicherheit? Gute Antworten auf diese Fragen schützen das Kind – auch vor ideologischen Verlockungen nach Ersatzsicherheiten im Erwachsenenalter. Kinder, die wohlwollend behandelt werden, werden der Welt später wohlwollend gegenübertreten. Kein Mensch wird hasserfüllt mit dem Wunsch nach Ausgrenzung geboren. Nur wer sich selbst als wertvoll ansieht und sich für sich selbst nicht schämen muss, kann auch anderen einen Wert zugestehen. Und er kann gütig sein, wenn andere Menschen in Not sind.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und Autor von Elternratgebern zum Thema kindliche Entwicklung


Gilt das Prinzip auch für Erzieher und Pädagogen?
Natürlich! Auch in den Einrichtungen werden ja tagtäglich Herrschafts- und Regierungsmodelle verhandelt. Pflegen die Kinder und Erwachsenen dort eine gute Gemeinschaft? Fühlen sich die Kinder geborgen? Dürfen sie mitbestimmen? Kinder brauchen verlässliche, freundliche Bezugspersonen, denen sie etwas bedeuten und die Zeit für sie haben. Und die ihnen dann auch den nötigen Entwicklungsraum geben: Wie sollen Kinder stark und mündig werden, wenn sie ihre Kindheit vor allem damit verbringen, die Programme und guten Ideen anderer abzuspulen und vorgegebenen Hierarchien zu folgen, etwa in der Schule?

Können Eltern in einer kapitalistischen und zunehmend neoliberalen Gesellschaft ihren Kindern noch Sicherheit und ein Gefühl ihres inneren Wertes vermitteln?
Ein Dilemma. Einerseits haben wir an Freiheiten gewonnen, haben ein vielfältigeres Angebot an Lebens- und Bildungsmodellen. Andererseits geht es immer strikter darum in einem kompetitiven Wachstumsmodell mitzuhalten. Und dafür soll schon die Kindheit genutzt werden. Aber das ist, wie wenn man ein Haus baut und dabei das Fundament vergisst! In jungen Jahren müssen Kinder ihre innere Sicherheit aufbauen, ihr Gefühl von Heimat – das können sie aber nur in einem fürsorglichen Umfeld. Kinder müssen die warme Kuhle des Lebens kennenlernen, sonst werden sie nie wirklich stark. Und sie müssen sich auf eigenen Pfaden bewegen dürfen – nur die werden in den Bildungsreservaten der Erwachsenen immer rarer. Ohne wirklich Kind sein zu dürfen, können wir Menschen unsere Freiheit später doch gar nicht gestalten.

Wie bewerten Sie das Erstarken der AfD?
Mit Blick auf die Geschichte bin ich da ganz gelassen. Wir hatten in Deutschland doch immer einen riesigen Sockel an Autoritarismus in der Gesellschaft. Der ist in der Nachkriegszeit eindeutig abgeschmolzen. Fakt ist: Wir haben aktuell die liberalste Gesellschaft in Deutschland, die es jemals gab. Die AfD wird zu einem Scheinriesen aufgeblasen, deren heutigen Inhalte waren doch früher Bestandteil der bürgerlichen Parteien. Da forderte die CDU „Kinder statt Inder“, wer brauchte da eine AfD?

Haben wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt? Wie ist es aktuell um die Erziehung in Deutschland bestellt?
Wir ernten derzeit die Früchte einer würdigeren und befreienderen Erziehung. Insbesondere in den Familien haben wir heute ein viel sichernderes, emotional wärmeres, zugewandtes und bedürfnisorientiertes Umfeld. Das zeigen die Statistiken etwa zu Schlaf- und Essverhalten. Auch Kampfbeziehungen haben deutlich abgenommen. Wie oft ging es früher in der Erziehung um pure Unterwerfung. Wenn die Kleinen nicht früh genug trocken waren, hat man sie aufs Töpfchen gesetzt oder geschlagen. Kinder müssen heute nicht mehr beim Essen stillsitzen und ihren Spinat hinunterwürgen. Und nur noch neun Prozent der Eltern lassen sie weinen, wenn sie nicht allein einschlafen. Das mag manchem als trivial vorkommen, aber Kinder in Not speichern solche Stresserfahrungen ab, und wenn sie zu einem Muster werden, dann wird auch die Welt für sie unsicher und feindlich.

Herbert Renz-Polster: Erziehung prägt Gesinnung, Kösel-Verlag 2019, 320 S., 20 Euro


Können Sie erklären, warum Argumente gegen rechte Gesinnung oft so wenig ausrichten?
Nichts ist frustrierender als mit Betroffenen über Politik zu streiten. Getoppt wird das vielleicht nur noch durch den Streit über die „richtige“ Erziehung ... Beides rührt an ganz tief verankerte Überzeugungen von dem was uns als „richtig“ erscheint: wie man miteinander umgeht, wie man der Welt entgegentritt. Noch fundamentaler steckt dahinter unsere Binnensicht auf die Welt und ihre Menschen: Ist ihnen zu trauen? Oder setze ich doch lieber auf Kontrolle, Macht und Unterwerfung? Ist die Welt dort draußen feindlich oder ein gebender Ort? Und genau da sind wir wieder in der Kindheit – ob ich eine Weltsicht des Vertrauens oder eine Weltsicht der Kontrolle entwickle, hat auch damit zu tun, ob diese erste Welt von Vertrauen oder von Kontrolle geprägt ist.

Zur Person

Herbert Renz-Polster, 59 Jahre, ist Kinderarzt und assoziierter Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Er ist Autor medizinischer Fachbücher sowie von Sachbüchern und Elternratgebern zum Thema kindliche Entwicklung. Renz-Polster ist Vater von vier Kindern. Sein neues Buch „Erziehung prägt Gesinnung: Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können“ ist vor kurzem im Kösel-Verlag erschienen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion