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In Tapachula warten viele Geflüchtete auf ihre Papiere.
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In Tapachula warten viele Geflüchtete auf ihre Papiere.

Lateinamerika

Nur raus hier

  • Klaus Ehringfeld
    VonKlaus Ehringfeld
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Tausende Menschen aus Lateinamerika fliehen vor der Perspektivlosigkeit – und stranden in Mexiko. Der südliche Nachbar der USA versucht mit Paramilitärs die Geflüchteten aufzuhalten.

Das Nadelöhr ist der Río Suchiate. Träge und braun fließt der Fluss dahin. An dieser Stelle im mexikanischen Bundesstaat Chiapas ist er kaum 100 Meter breit. Drüben liegt Guatemala. Mit Flößen aus Paletten und LKW-Reifen, die sie wie venezianische Gondolieri steuern, warten Guatemalteken auf Kundschaft. Je nach Gepäck passen fünf bis zehn Menschen auf die wackligen Gefährte.

Frauen, Kinder, Jugendliche und Männer sondieren am Ufer die Lage. Menschen aus vieler Herren Länder. 75 guatemaltekische Quetzales kostet die Überfahrt ins neue Land, gut acht Euro. Für viele ist das sehr viel Geld.

Auf der mexikanischen Seite beobachtet die „Guardia Nacional“, die neue paramilitärische Polizeieinheit von Präsident Andrés Manuel López Obrador, das Treiben. Der Staatschef schuf die Truppe, um das organisierte Verbrechen zu bekämpfen. Aber bisher ist die Guardia vor allem Grenzpolizei. Hier im Südwestzipfel des Landes soll sie Menschen daran hindern, mexikanisches Territorium zu betreten. Im Norden, Tausende Kilometer entfernt an der Grenze zu den USA, sollen sie genau das Gegenteil tun.

Zwischen Januar und August zählte Mexiko 147 000 Geflüchtete ohne Papiere, drei Mal so viel wie 2020. Die US-Einwanderungsbehörde nahm allein im Juli rund 212 000 Geflüchtete fest. Seit Joe Biden in den USA im Amt ist und sich die Lage in Zentralamerika weiter verschlechtert, kommen sie wieder in größeren Gruppen. Manchmal sind es tausend an einem Tag, die den Suchiate überqueren wollen. In der jüngsten Zeit sind es immer mehr Menschen aus Haiti, die aus ihrem Land oder aus Brasilien und Chile kommen. Und die Guardia Nacional? Für 300 Quetzales schließen sie die Augen, wenn die Menschen auf der mexikanischen Seite das Floß verlassen.

Vielen sieht man Erschöpfung und Angst an. Sie wollen in den Norden. Immer mehr wollen auch in Mexiko bleiben, in der Hauptstadt Mexico City Arbeit finden oder eines der begehrten „humanitären Visa“ ergattern, die Mexikos linke Regierung bei Amtsübernahme versprach, die sie aber kaum noch ausstellt. Viele wollen auch Asyl beantragen.

Niemand, der diese Odyssee durch die vielen Länder auf sich nimmt und sich der Gefahr der Drogenkartelle und der Korruption der Behörden aussetzt, macht es aus Abenteuerlust. Die meisten haben aus Angst und Verzweiflung oder Armut ihr altes Leben hinter sich gelassen. So wie etwa Wendy aus Honduras, die mit ihrer zwölfjährigen Tochter unterwegs ist. Wendy wurde vor einem Monat bei sich zu Hause in San Pedro Sula von einem „Pandillero“, dem Mitglied einer der gefürchteten Jugendbanden, vergewaltigt. Noch am selben Nachmittag schnappte sie sich ihre Tochter und machte sich auf den Weg. Nur weg aus Honduras, denn die Banden haben gedroht, beim nächsten Mal auch die Tochter zu misshandeln.

Nächste Station nach der Flussquerung ist Tapachula, 50 Kilometer Fußmarsch entfernt. Die 300 000-Einwohner-Stadt hat sich zum größten Einwanderungstrichter Amerikas entwickelt. Die Mauer, von der Donald Trump einst träumte, steht jetzt ganz im Süden Mexikos. Mehr als 35 000 Migrantinnen und Migranten warten und hoffen hier, verstecken sich und versuchen, in den Norden weiterzukommen.

Ihr erster Weg in Tapachula führt sie zur „Mexikanischen Kommission für Flüchtlingshilfe“ (Comar). Hier gibt es das Dokument, das sie vor sofortiger Deportation schützt. Aber Bürokratie, der Mangel an Personal und ein gutes Stück Unwillen verhindern, dass Comar dem Ansturm nur ansatzweise nachkommt. Trotzdem dürfen die Menschen ohne die Papiere die Grenzstadt nicht verlassen, um woanders Asyl zu beantragen. Und so hat sich Tapachula in ein Freiluftgefängnis verwandelt, in dem es kaum Arbeit, kaum Unterkünfte oder medizinische Versorgung gibt.

Wendy aus Honduras hat für Anfang Dezember einen Termin bei der Flüchtlingshilfe bekommen. Jetzt arbeitet sie für einen Telefonanbieter und verkauft Sim-Karten. Mit Glück verdient sie drei Dollar am Tag, meistens hat sie Pech.

So geht es fast allen Gestrandeten in der Stadt, in der Wut und Verzweiflung brodeln. Haitianer geißeln den Rassismus der Einheimischen, Frauen beklagen sexuelle Übergriffe. Und alle zusammen sind wütend auf die Behörden und die Guardia Nacional, die Jagd auf die Geflüchteten macht, sobald sie versuchen, die Stadt zu verlassen.

Inzwischen haben es rund 500 Menschen aus Haiti bis nach Mexiko-Stadt geschafft, zumeist Familien mit Kindern. Viele von ihnen haben den amerikanischen Kontinent fast komplett durchquert. Die Menschen schlafen in kühlen Nächten vor der Flüchtlingsbehörde Comar im Freien oder campieren in Ruinen. Auch die Hauptstadt ist überfordert mit ihnen. Bürgermeisterin Claudia Sheinbaum verspricht eine schnelle Lösung. Aber eigentlich weiß sie, dass es für diese Menschen keine schnelle und vor allem keine einfache Hilfe gibt.

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