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Eine Straße beim Ort Dansa, südwestlich von Mekelle in Tigray. Am Wegesrand Reste des Krieges.
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Eine Straße beim Ort Dansa, südwestlich von Mekelle in Tigray. Am Wegesrand Reste des Krieges.

Äthiopien

Nur kurze Atempause in Tigray

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Äthiopien droht vielleicht der Zerfall – oder eine Reihe brutaler Abspaltungskriege.

Die Politik des äthiopischen Regierungschefs und Friedensnobelpreisträgers Abiy Ahmed liegt in Trümmern. Das ist vor allem der Niederlage seiner Armee in der Tigray-Provinz zuzuschreiben, die der Premierminister bereits vor einem halben Jahr für befriedet erklärte. Abiy hatte versucht, die sich seiner zentralistischen Politik widersetzende Provinzregierung – und damit gefährlichste politische Konkurrenz – militärisch auszuschalten: Jetzt muss der Regierungschef außer mit Tigrays Sezession auch noch mit weiteren ethnischen Konflikten rechnen.

Um das völlige Auseinanderbrechen des ostafrikanischen Vielvölkerstaats zu vermeiden, soll sich Abiy zu einem „nationalen Dialog“ bereiterklärt haben: Den hätte der mit 44 Jahren jüngste Regierungschef Afrikas in den Augen vieler bereits nach seiner Berufung zum Premier vor drei Jahren aufnehmen sollen. Ob aber dem wiedergeborenen Christen nach einer ganzen Serie nachweislicher Lügen über die Vorgänge in Tigray inzwischen noch wer traut, ist fraglich.

Boykott von mehreren Oppositionsparteien

Geht es nach der siegreichen Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF), sind die Tage Abiys ohnehin gezählt. Der werde „sein Waterloo“ in der Nordprovinz politisch nicht überleben, meinte TPLF-Sprecher Getachew Reda jüngst im Gespräch mit der FR. Vor einem schnellen Exitus werde ihn jedoch sein voraussichtlicher Wahlsieg bewahren, heißt es dagegen in den diplomatischen Kreisen Addis Abebas. Abiys neu gegründete Partei, die „Prosperity Party“, soll bei dem begrenzten Urnengang – nur drei Viertel der Wahlberechtigten konnten ihre Stimme abgeben – eine klare Mehrheit erhalten haben. Allerdings boykottierten mehrere Oppositionsparteien die Abstimmung. Erste Ergebnisse des am 21. Juni veranstalteten Urnengangs sollen am Samstag bekanntgegeben werden.

Wesentlich unberechenbarer sind für Abiy die weiteren Entwicklungen in Tigray. Dort feierte die TPLF ihren Triumph mit der Parade Tausender gefangener äthiopischer Militärs durch die Provinzhauptstadt Mekelle. Dort hat die TPFL-Führung inzwischen die Regierungsgeschäfte wieder übernommen.

Die berüchtigten Truppen aus dem Nachbarland

Dabei ist allerdings noch längst nicht die ganze Provinz befreit: In der Nähe der Grenze im Norden harren auf Tigrays Boden noch eritreische Truppen aus. Und den Westen der Provinz haben sich Milizen der benachbarten Amharas angeeignet. Sie seien vor 30 Jahren von Tigrays Regierung von dort vertrieben worden, sagen sie. Der Landstrich, der ein gutes Drittel der Provinzfläche ausmacht, ist für die TPLF lebenswichtig: Er gilt nicht nur als Tigrays Kornkammer, sondern bietet auch einen Zugang zum Nachbarland Sudan. Dessen Regierung ist der TPLF wohlgesonnen. Ansonsten ist die Provinz zwischen Feinden eingepfercht: Im Süden Äthiopien, von dem sich viele Tigray nach den Erfahrungen der vergangenen Monate nur noch lossagen wollen. Im Norden das ethnisch verwandte Eritrea, dessen Militärs sich als schlimmste Schlächter, Diebe und Vergewaltiger herausgestellt haben.

TPLF-Sprecher Getachew kündigte an, seine Truppen würden die eritreischen Soldaten notfalls bis in deren Hauptstadt Asmara verfolgen. So solle sichergestellt werden, dass die nachbarliche Streitmacht auf absehbare Zeit keine Gefahr mehr für Tigray darstellt. Auch gegen einen Regimewechsel in Eritrea, dem der seit 30 Jahren dort ungewählt herrschende Diktator Isaias Afwerki zum Opfer fallen könnte, hätte die TPLF nichts einzuwenden. Allerdings deutet in Eritrea bislang noch nichts auf einen Sturz des Autokraten hin. Und die berüchtigten Truppen des Nachbarlandes zogen sich bislang auch noch nicht wieder auf eigenes Gebiet zurück.

Mehr als fünf Millionen Menschen sind dringend auf Hilfe angewiesen

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die Regierungen Äthiopiens und Eritreas die Tigray-Provinz tatsächlich in Ruhe lassen werden – oder nur ihre Strategie geändert haben. Sie könnten Tigray auszuhungern suchen, fürchten Fachleute: Eine Brücke nach Äthiopien wurde bereits zerstört, Internet- und Mobilfunkverbindungen sind unterbrochen, mit Nahrungsmittelhilfe beladene Lastwagen haben Schwierigkeiten, in die hungernde Provinz zu kommen. Dort sind mehr als fünf Millionen Menschen dringend auf Hilfe angewiesen, heißt es bei der UN; 400 000 Menschen litten bereits Hunger. In Tigrays Hospitäler werden immer mehr Kinder mit akuter Mangelernährung eingeliefert, mehrere sollen bereits den Hungertod gestorben sein.

Der „Waffenstillstand“, den die äthiopische Regierung in Tigray erklärt hat, drohe zu einer „Belagerung“ zu werden, sagte Washingtons UN-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield. „Wir werden dem Horror in Tigray nicht untätig zusehen“, fügte Robert Godec, Unterstaatssekretär für Afrika im US State Department, hinzu. Was das konkret bedeuten kann, sagte er nicht.

Geflüchtete Mutter mit Kind in Mekelle.
Gefangene äthiopische Soldatinnen in Mekelle.

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