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Josef Hecken ist Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses. gba
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Josef Hecken ist Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses. gba

Medikamente

„Nur die Spitze des Eisbergs“

  • Tim Szent-Ivanyi
    vonTim Szent-Ivanyi
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Josef Hecken, Chef des Gemeinsamen Bundesausschusses, über explodierende Kosten für neue Medikamente und öffentlichen Druck.

Josef Hecken ist neben dem Bundesgesundheitsminister der mächtigste Mann im deutschen Gesundheitswesen. Er leitet den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), der unter anderem darüber entscheidet, welche Leistungen in welcher Höhe von der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt werden.

Herr Hecken, was ist ein Leben wert?

Es ist meine feste Überzeugung, dass der Wert des menschlichen Lebens in einem Sozialstaat nicht in Geld gemessen werden darf. Ich lehne alle Gesundheitssysteme ab, in denen so verfahren wird. Zum Beispiel in Großbritannien, dort gilt: Ein gesundes Lebensjahr eines Patienten darf die Solidargemeinschaft umgerechnet rund 33 000 Euro kosten. Wenn die Behandlung teurer ist, muss er sehen, wo er bleibt.

Das klingt überaus brutal, aber die Briten sind dennoch stolz auf ihr staatliches Gesundheitswesen.

Das mag sein. Aber es widerspricht fundamental meiner Auffassung von einem Solidarsystem: Die Allgemeinheit schützt den Einzelnen in elementaren Lebenssituationen vor einer Überforderung.

Das gilt unbegrenzt?

Auch wir brauchen natürlich eine Kostenbremse, um die Allgemeinheit nicht zu überfordern. Früher wurde in Deutschland für neue Medikamente jeder von den Pharmafirmen geforderte Preis bezahlt. Aber neu heißt ja nicht automatisch besser. Deshalb wird seit zehn Jahren sehr genau untersucht, ob ein neues Medikament gegenüber herkömmlichen Präparaten einen zusätzlichen Nutzen hat und wenn ja, wie hoch dieser ist. Damit haben wir ein wichtiges Instrument gegen Fantasiepreise der Pharmaindustrie in der Hand.

Die Bewertung des Zusatznutzens ist ein schwieriger Abwägungsprozess. Denn nicht selten wird zum Beispiel eine Lebensverlängerung mit schweren Nebenwirkungen erkauft. Was macht man dann?

Als ich studiert habe, ist meine Mutter an Darmkrebs erkrankt und später daran gestorben. Drei Monate hatten ihr die Ärzte gegeben, daraus wurden drei Jahre, und wir haben uns an jeden Strohhalm geklammert, um ihr Leben zu retten. Das ging so weit, dass wir das angeblich heilende Brot eines Bonner Bäckers besorgt haben. Völlig irrational. Was ich sagen will: Wenn es ein Medikament gibt, das Leben verlängert, aber schwere Nebenwirkungen hat, dann würde ich trotzdem immer dafür stimmen, dass die Patienten die Wahlfreiheit haben und eine für sich in der konkreten Situation richtige Entscheidung treffen können. Das setzt aber voraus, dass wir Daten zur Lebensqualität der Patienten bekommen, damit wir die Betroffenen auch objektiv über Vor- und Nachteile der Therapie aufklären können.

Mittlerweile stoßen die Pharmafirmen allerdings in Preisregionen vor, die bislang unvorstellbar waren und kleinere Krankenkassen in den Ruin treiben können. Beispiel Zolgensma. Eine Infusion für zwei Millionen Euro.

Tatsächlich explodieren die Kosten neuer Medikamente. Zolgensma ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Die Pharmafirmen testen offensichtlich die Grenzen des Möglichen aus und versuchen, sie zu verschieben. Dabei haben sie gute Karten, denn wir sind in manchen Therapiebereichen erpressbar.

Wie meinen Sie das?

Gerade wenn es um Kinder geht, ist der öffentliche Druck enorm. Das haben wir bei Zolgensma erlebt. Es ist doch völlig selbstverständlich, dass Eltern alle Hebel in Bewegung setzen, damit ihre Kinder bestmöglich versorgt werden. Das hätte ich als betroffener Vater auch so gemacht. Unter diesen Bedingungen sind aber Preisverhandlungen mit Pharmaunternehmen extrem schwierig. Wenn dem Hersteller die Preise nicht passen, kann er damit drohen, sich vom deutschen Markt zurückzuziehen. Und dann steht nicht das Unternehmen am Pranger, sondern die angeblich knausrige Krankenversicherung.

Wie kann man das Vorgehen der Pharmafirmen durchkreuzen?

Wie gesagt, jede ökonomische Betrachtung über die Wirkung von Medikamenten, also etwa die gewonnene Lebenszeit, verbietet sich. Für mich kann es nur einen Weg geben: Wir brauchen Transparenz über die gesamten Forschungs- und Entwicklungskosten eines Arzneimittels. Dabei muss zum Beispiel ausgewiesen werden, wie viele Steuermittel über die universitäre Forschung geflossen sind. Die Pharmafirmen müssen verpflichtet werden, alle Zahlen offenzulegen. Nur dann können wir mit ihnen auf Augenhöhe verhandeln und im Extremfall auch öffentlich machen, wenn Entwicklungs- und Forschungskosten in keinem Verhältnis zum Preis stehen.

Aber was ist ein angemessener Preis?

Niemand hat etwas dagegen, dass die Pharmafirmen ordentliche Gewinne mit einem Medikament machen, das wirklich nützt. Bei außergewöhnlichen Entwicklungen meinetwegen auch eine Rendite von 100 Prozent. Um das einschätzen zu können, müssen wir aber die tatsächlichen Kosten kennen. Denn so können wir im Zweifel den Versicherten zeigen, dass wir nicht etwa berechtigte Preisforderungen ablehnen, sondern schlichtweg Piraterie vereiteln.

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