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Nun ist Quantität gefragt

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Von: Stefan Brändle

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Ein schwerer französischer Mörser, Typ MO-120, im Einsatz bei den ukrainischen Streitkräften vor Bachmut. Libkos/AP/dpa
Ein schwerer französischer Mörser, Typ MO-120, im Einsatz bei den ukrainischen Streitkräften vor Bachmut. ©  Libkos/dpa

Gehen den westlichen Alliierten der Ukraine bald Kanonen und Munition aus? Die schwindenden Arsenale zehren nun an der Hilfsbereitschaft der freien Welt. Ein Überblick.

Dass die Ukraine gegen die zahlenmäßige Übermacht Russlands bestehen und sogar kontern kann, verdankt sie zuallererst der Entschlossenheit und dem nationalen Selbstbewusstsein ihres Volkes, ihrer Regierung und ihres Militärs. Und dann verdankt sie es westlichen Waffenlieferungen: 8500 Panzerabwehrraketen des Typs Javelin halfen den russischen Vormarsch auf Kiew Anfang des Jahres zu stoppen. 1600 Stinger-Luftabwehrraketen haben bislang den Mangel an ukrainischer Kampfjets kompensieren können.

In dem faktisch unablässigen Artillerieduell zwischen Charkiw im Norden und Cherson im Süden entscheiden 140 US-amerikanischen M777-Haubitzen und 20 Mehrfach-Raketenwerfer vom Typ Himars (High Mobility Artillery Rocket System) so manches Gefecht. Und nicht zu vergessen: Zu all diesen Waffen lieferte Washington allein bisher mehr als eine Million Granaten in Kalibern von 105 bis 155 Millimetern.

Niemand bestreitet auch ernsthaft, dass die Ukraine ohne diese Schützenhilfe dem russischen Ansturm hätte standhalten können. Der Erfolg hat seinen Preis: Mit dem jüngsten, noch anhängigen Aufstockungsantrag von Präsident Joe Biden wird der US-Kongress schon mehr als 100 Milliarden Dollar an Rüstungshilfe vergeben haben. Aus Europa kommen ebenfalls Milliarden zusammen.

Aber langsam reißen die Waffenlieferungen Lücken in die Bestände. Bei nächsten M777-Lieferungen können die USA schon nicht mehr auf ihre Reserven zurückgreifen, sondern müssen sich in den Armeebeständen für den aktiven Einsatz bedienen. Stinger-Raketen müssen sie im eigenen Land, 155-Millimeter-Raketen in Südkorea nachbestellen. Auch die Lieferung zusätzlicher Himars wird Monate in Anspruch nehmen.

In Europa sieht es ähnlich aus – wenn man mal von der deutschen Gemengelage absieht, die alles nur noch komplizierter macht. Frankreich hat zum Beispiel 18 Caesar-Sturmhaubitzen auf LKW-Basis geliefert, die von der ukrainischen Armee sehr geschätzt werden. Präsident Emmanuel Macron hat Kiew weitere Exemplare versprochen. Rüstungsfachleute und Politiker:innen streiten derweil, ob die nicht für die eigene Armee gebraucht würden. Letzteres meint zumindest die rechtspopulistische Putin-Versteherin Marine Le Pen. Der Strategieexperte Pierre Haroche entgegnet, dass das ukrainische Schlachtfeld für den Westen als vorgeschobene Front verstanden werden müsse. Kurz gefasst: In der Ukraine schützen die Caesar-Kanonen auch französische Interessen.

Unbestritten ist unter Nato-Fachleuten, dass der Ukraine-Krieg die Schwachstellen der russischen wie auch der westlichen Streitkräfte aufzeigt. Seit dem Ende des Kalten Krieges hätten die „asymmetrischen Konflikte“ gegen Terrorgruppen oder schwache Armeen wie im Irak zum „Abbau gewisser Kapazitäten“ geführt, gestand jüngst der französische Generalstabschef Thierry Burkhard bei einer Anhörung in der französischen Nationalversammlung.

Auch Yohann Michel vom International Institute for Strategic Studies meint: „Erst jetzt setzt sich die Erkenntnis durch, dass wir zu stark auf das Prinzip ‚Technologie statt Quantität‘ gesetzt hatten.“ Die Arsenale seien für einen kurzen – im Jargon „hochintensiven“ – Krieg verkleinert worden. Mit einem Konflikt wie in der Ukraine, wo an einzelnen Tagen bis zu 60 000 Granaten und Raketen abgeschossen würden. „Das erklärt einige Engpässe“, sagte Michel.

Die Rüstungsproduktion zu intensivieren, ist allerdings nicht so einfach. US-Konzerne wie Raytheon und Lockheed-Martin befürchten zudem, dass nach einem Kriegsende die Aufträge wieder ausbleiben könnten und man just erst rekrutierte Belegschaft wieder entlassen muss.

Außerdem hängt heute die gesamte Rüstungsindustrie an vielen kleinen Zulieferbetrieben – und nicht alle sind bereit oder fähig, die Produktion hochzufahren. In Paris hat das Verteidigungsministerium eruiert, dass von den 4000 Rüstungsfirmen des Landes 200 außerstande sind, mehr zu produzieren. Sie bremsen die „Kriegswirtschaft“, die Macron in bewusster Dramatisierung beschworen hat.

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