KZ-Stutthof-Prozess

Nüchterne Worte zu Grauen im KZ

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Im Prozess gegen den ehemaligen SS-Wachmann im KZ Stutthof spricht erstmals ein Überlebender. Während seiner Aussage kämpft die Richterin mit ihrer Fassung.

Wenn neue Gefangene in Stutthof ankamen und wissen wollten, was es dort mit dem Krematorium auf sich habe, bekamen sie von denen, die hier schon länger eingesperrt waren, eine brutale Antwort: „Der Weg zur Freiheit führt nur über den Schornstein.“ So erzählt es Marek Dunin-Wasowicz am Montag im Stutthof-Prozess vor dem Hamburger Landgericht. Es ist das erste Mal in diesem Verfahren, dass die Strafkammervorsitzende Anne Meier-Göring, sonst Ruhe und Freundlichkeit in Person, sich erst einmal sammeln muss, ehe sie weiterfragen kann.

Marek Dunin-Wasowicz ist 93 Jahre alt, genauso wie Bruno D., der Mann auf der Anklagebank. Beide waren seit 1944 in dem Konzentrationslager bei Danzig, der eine als politischer Gefangener, der andere als SS-Wachmann. Bruno D. wirft die Staatsanwaltschaft Beihilfe zum Mord in mindestens 5230 Fällen vor. Dunin-Wasowicz ist einer der mittlerweile 36 Überlebenden des Lagers, die sich dem Verfahren gegen ihren einstigen Bewacher als Nebenkläger angeschlossen haben. Und er ist der erste von drei Zeugen, die sich trotz ihres hohen Alters die Fahrt nach Hamburg zumuten wollen, um dem Gericht von ihrer Zeit im Lager zu berichten.

Der groß gewachsene Mann im dunklen Anzug spricht in nüchternen Worten: „Wir hatten Hunger, wir froren, wir wurden geprügelt.“ Er erzählt von Misshandlungen, die er mit ansehen musste, von Hinrichtungen, für die alle Gefangenen als Zuschauer auf dem Appellplatz antreten mussten. Und von dem menschlichen Mitgefühl, das ihnen im Lager ausgetrieben wurde. Bei den Hinrichtungen, sagt Dunin-Wasowicz, hätten sie nur daran gedacht, dass es deswegen jetzt wieder kein Mittagessen geben werde.

Der jüngere Sohn einer Familie polnischer Widerstandskämpfer hat nach der Befreiung als Journalist gearbeitet und sich viel mit der Geschichte von Stutthof beschäftigt. Nicht immer fällt es ihm leicht, zwischen seinen Erinnerungen und später Erfahrenem zu trennen. Was er aber noch sicher weiß: Die Ermordung vor allem jüdischer Gefangener in der Gaskammer sei ein „allgemein bekanntes Geheimnis“ gewesen. „Wenn Häftlinge von der SS abgeholt wurden und nie wieder aufgetaucht sind, dann war klar, dass sie ermordet worden waren.“ War ein Gefangener vor Hunger oder Erschöpfung todkrank, sei er „wie ein Stück Müll“ in bestimmte Baracken geworfen worden. „Dort lag er in Qualen im Sterben, ohne Wasser, ohne Essen. Es gab keinerlei Medikamente.“

Sein eigenes Überleben, sagt Dunin-Wasowicz, verdanke er allein dem Zufall. Bereits völlig entkräftet von der harten Arbeit in einem Baumfällkommando sei er zufällig einem Bekannten begegnet, der als Häftlingsarzt eingesetzt war – und der ihm riet, sich selbst zu verletzen, um auf die Krankenstation zu kommen. Dann könne er ihn aufpäppeln. Der Plan ging auf. Und dieser ersten glücklichen Rettung folgte kurz darauf die zweite.

Als Ende 1944 im Lager eine Typhusepidemie ausbrach, ließen die Nazis 5000 Gefangene elendiglich zugrunde gehen. Geimpft und von den Kranken getrennt wurden nur einige wenige Häftlinge, die in der Lagerverwaltung arbeiteten – die Deutschen hatten Angst vor Ansteckung. Doch auch er habe dazugehört, sagt Dunin-Wasowicz. Weil sein Bruder, der auf der Schreibstube arbeitete, es irgendwie geschafft hatte, dass er bei ihm bleiben durfte.

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