Rechtsextremismus in Deutschland

„NSU 2.0“: Bedrohte Idil Baydar sieht Zusammenhang mit Vorfall in Berlin

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Die Kabarettistin Idil Baydar ist eine Adressatin der Drohbriefe mit Absender „NSU 2.0“. Nun erinnert sie sich an einen Vorfall in Berlin.

  • Die Kabarettistin Idil Baydar hat rechtsextremistische Drohschreiben erhalten
  • Sie sieht einen Zusammenhang mit einer Plakataktion in Berlin 2020
  • Seit zwei Jahren verschicken Rechtsextremisten Drohbriefe mit Absender „NSU 2.0“

Im vergangenen Jahr, im Mai 2019, hingen sehr seltsame Plakate in Berlin, etwa am Bahnhof Südkreuz. Sie zeigten vier prominente Frauen mit Migrationshintergrund unter dem Slogan „Ihr seid der Hammer“, geschrieben in Frakturschrift. Abgebildet waren Frauen, die anscheinend zu den Feindbildern von Rechtsextremisten gehören: Sawsan Chebli (SPD), Staatssekretärin im Land Berlin, die Journalistin Dunja Hayali sowie die Comediennes Idil Baydar und Enissa Amani.

Wer hinter der Plakataktion steckte und was sie sollte, war nicht klar. „Versteht Ihr das?“, fragte Sawsan Chebli auf Twitter. Ihre Follower wussten es auch nicht, verwiesen aber auf die „Nazi-Aufmachung“ der Poster. Einer schrieb: „Kommt mir irgendwie vergiftet vor.“

NSU 2.0: Plakataktion könnte in Zusammenhang mit Drohbrief-Welle stehen

Damit könnte er recht haben. Es gibt Indizien, dass die Plakataktion im Zusammenhang mit den „NSU 2.0“-Drohungen stehen könnte, die sich ebenfalls gegen Frauen mit Migrationshintergrund und ihre politischen Unterstützerinnen richten.

Der Absender der „NSU 2.0“-Schreiben hat diesen Bezug selbst hergestellt. In einem der Drohschreiben, das der Frankfurter Rundschau vorliegt, verwendet er in auffälliger Weise den Begriff „Hammer“. In seiner in beleidigendem, aber sprachlich korrektem Deutsch verfassten E-Mail schrieb er, es werde behauptet, dass „wir explizite Vergewaltigungsdrohungen versendet“ hätten. „Hammer zwar nicht, machen wir aber als nächstes“, fügte er hinzu. Die demonstrative Formulierung mit dem Wort „Hammer“ sprang Idil Baydar ins Auge und erinnerte sie an die Berliner Plakate. Die Kabarettistin ist sowohl Adressatin der „NSU 2.0“-Mail als auch Opfer der Plakatkampagne.

NSU 2.0: Berliner Polizei weiß von keinem Zusammenhang

Die Berliner Polizei konnte sich bisher keinen Reim auf die Plakate machen und kennt keine Verbindung zu Drohschreiben. Eine Anzeige sei nur wegen Sachbeschädigung gestellt worden, berichtete eine Polizeisprecherin auf Anfrage der FR. Sie sei an die Staatsanwaltschaft übergeben worden.

„Grundsätzlich ist das Anbringen von Plakaten mit bedrohlichen Inhalten an öffentlichen Orten dazu geeignet, Personen einzuschüchtern beziehungsweise deren Handeln zu beeinflussen“, stellte die Sprecherin fest. In diesem Fall jedoch habe „die Art und Weise der Gestaltung der Plakate in Verbindung mit dem Inhalt keine hinreichenden Anhaltspunkte für eine Bedrohung im strafrechtlichen Sinne“ aufgewiesen. Die Sprecherin versicherte: „Sehr wohl fließen derlei Sachverhalte jedoch in die Bewertung des Landeskriminalamts der Polizei Berlin mit ein.“

NSU 2.0: Rechtsextremisten verschicken Hass-Mails - seit zwei Jahren

Seit rund zwei Jahren verschicken Rechtsextremisten Todesdrohungen unter dem Kürzel „NSU 2.0“. In mehreren Fällen wurden dabei Daten verwendet, nach denen zuvor in unberechtigten Computerabfragen bei der hessischen Polizei geforscht worden war. Zugleich scheinen aber auch Spuren nach Berlin zu führen. Zudem könnte es Verbindungen zu anderen Drohbriefserien geben.

Die „Zeit“ fragte bei dem Absender der „NSU 2.0“-Mails nach. „Wir sind ein lockerer Zusammenschluss heimattreuer Elitekämpfer, die sich nur im Netz unter Pseudonym treffen“, habe dieser geantwortet. Keiner kenne die anderen persönlich. Wie viele Personen hinter den E-Mails stünden, wisse er „selbst nicht genau“. (Von Pitt von Bebenburg)

Lesen Sie auch: Idil Baydar über ihren Umgang mit rechtsextremen Drohschreiben und die Kraft der Comedy.

Rubriklistenbild: © Thalia Engel

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