Auch im Fall der Comedienne – hier in ihrer Rolle als Jilet Ayse – wurden Daten von einem hessischen Polizeicomputer abgerufen. Foto: Cengiz Karahan
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Auch im Fall der Comedienne – hier in ihrer Rolle als Jilet Ayse – wurden Daten von einem hessischen Polizeicomputer abgerufen.

„NSU 2.0“

Rechte Drohmails an Idil Baydar: Von der Polizei im Stich gelassen

  • Pitt v. Bebenburg
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Idil Baydar über ihren Umgang mit rechtsextremen Drohschreiben und die Kraft der Comedy.

  • Die Kabarettistin Idil Baydar erhielt rechtsextremistische Drohschreiben
  • Ihre persönlichen Daten wurden von Polizeicomputern in Hessen abgefragt
  • Idil Baydar erzählt, wie sie sich von der Polizei missachtet fühlt

Frau Baydar, auf der Comedy-Bühne treten Sie als Nazi-Oma Gerda Grischke auf. Trifft Ihr Klischee so genau, dass die Nazis Sie zum Feindbild erklären?

Das ist eine gute Frage. Ich muss dazu sagen: Ich liebe meine Gerda Grischke. Gerda ist sich nicht wirklich bewusst darüber, dass sie ein Nazi ist. Diese Naivität hat auch etwas Rührendes. Ich achte meine Figuren sehr. Dann ist da noch die Jilet Ayse, die eigentlich nicht wirklich anders als die Gerda ist. Das sind zwei Seiten einer Medaille.

Rechte Drohungen an Idil Baydar: Steckt der „NSU 2.0“ dahinter?

Offenbar treffen Sie jedenfalls einen Nerv, denn Sie bekommen schon lange Drohschreiben von Rechtsextremisten.

Das ist eher die Jilet Ayse, die das auslöst. Und ich als Idil Baydar, wie ich mich äußere in der Öffentlichkeit.

Wie lange geht das schon so?

Diese Bedrohungen haben vor knapp zwei Jahren angefangen.

Wie gehen Sie damit um?

Es ist ein bisschen schwierig, damit umzugehen, aber ich versuche auch da mein Bestes. Es ist psychologisch eine komplexe Situation, bedroht zu werden, aber auch nicht beschützt zu sein. Einfach wegstecken tue ich das nicht.

Sie haben berichtet, dass Ihre Drohschreiben nicht mit „NSU 2.0“ unterschrieben gewesen seien. Gehen Sie trotzdem davon aus, dass es die gleiche Serie ist wie bei Seda Basay-Yildiz oder Janine Wissler?

Ich bin jetzt anscheinend im Verteiler drin. Am Dienstag habe ich zwei E-Mails erhalten vom „NSU 2.0“ an meine private E-Mail. Wieder zwei sehr unschöne Mails. Davor habe ich in den letzten anderthalb Jahren acht SMS bekommen auf meine Telefonnummer. Da wurde ich bedroht, dass man mich ermorden möchte und meine Mutter auch ermorden möchte und auch werde. Das wurde unterzeichnet mit „SS-Obersturmbannführer“.

Rechte Drohungen an Idil Baydar: „Ich erfahre überhaupt gar nichts von der Polizei“

Die Polizei hat keine Täter ausfindig gemacht, beteuert aber, dass sie alles tue, damit die Ermittlungen erfolgreich seien.

Das kann ich aus meiner Sicht so nicht bestätigen. Es mag sogar sein, dass es Menschen gibt in der Polizei, denen das wichtig wäre. Aber nun wurden acht Anzeigen eingestellt und ich musste aus der Zeitung erfahren, dass meine Daten abgerufen wurden von einem Polizeicomputer in Wiesbaden. Das habe ich nicht von der Polizei erfahren. Ich erfahre überhaupt gar nichts von der Polizei.

Zur Person

Idil Nuna Baydar, 1975 in Celle geboren, ist deutsche Comedienne, Schauspielerin und Influencerin.

Erste Videos im Genre Sozialkritik veröffentlichte sie im Dezember 2011 auf YouTube. Mittlerweile sind ihre Figuren Jilet Ayse und Gerda Grischke, einem Millionenpublikum bekannt. Sie tritt in verschiedensten Kabarett- und Comedy-sendungen im Fernsehen auf und spielt in diversen Internetformaten.

Politisch engagiert sie sich gegen Rassismus. So hielt sie im vorigen November in Frankfurt die „Möllner Rede im Exil“, die den Opfern des rassistischen Brandanschlags von 1992 gewidmet ist. Baydar sprach dort wegen wiederholter Morddrohungen unter Polizeischutz.

Hat sich jemand von Polizei oder Politik bei Ihnen gemeldet?

Interessant ist, dass ich erst von Ihnen, einem Journalisten, gehört habe, dass es rausgekommen ist und dass es veröffentlicht wird. Das war am Montag. Die Polizei hat sich dann am Dienstagnachmittag bei mir gemeldet, nachdem der Artikel in der Zeitung erschienen ist.

Rechte Drohungen an Idil Baydar: Vertrauensverhältnis zur Polizei angespannt

Hat Ihnen das Gespräch Hoffnung gemacht?

Nee. Sie haben mir ein Beratungsgespräch angeboten. Ich bin durchaus bereit, mich weiter mit der Polizei auseinanderzusetzen. Ich will ja, dass das aufhört. Aber was ich nicht möchte ist, dass ich in meinen Belangen völlig missachtet werde und anscheinend mir nicht wirklich gesagt wird, was da los ist. Das fördert nun wirklich nicht mein Vertrauensverhältnis zur Polizei.

Seit wann haben Sie sich mit dem Thema Polizei beschäftigt?

NSU war ein ganz entscheidender Teil, warum ich angefangen habe, mich dafür zu interessieren: Was passiert denn da? Es gibt so viele Fälle, die nicht aufgeklärt werden. Was mich wirklich so fertig macht an der Geschichte ist, dass ich das Gefühl habe, dass die Polizei mehr damit beschäftigt ist, PR zu machen, abzustreiten, zu leugnen, hin- und herzuschieben, die Dinge unter den Tisch fallen zu lassen, als sich damit zu befassen. Jetzt frage ich mich: Liegt das an der Struktur? Ist sie vielleicht runtergewirtschaftet worden? Wie ist die Situation der Polizisten und Polizistinnen?

Im November 2019 haben Sie in Frankfurt die „Möllner Rede im Exil“ gehalten, unter Polizeischutz. Seither hat der rechte Terror weiter zugenommen, in Hanau wurden neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordet. Was muss geschehen, um das zu stoppen?

Wir brauchen wirklich eine Reformation in unseren Institutionen. Da scheint sich so einiges eingeschliffen zu haben. Diese Allmacht innerhalb der Polizei, da muss man ganz dringend eingreifen. Damit darf man die Polizistinnen und Polizisten auch nicht alleinlassen. Ich wünsche mir bessere Bedingungen für sie. Menschlichere Bedingungen. Damit die nicht so einen Quatsch machen wie Stammbaumabfragen. Das ist doch Zeit- und Geldverschwendung. Es ist auch forschungsfern. Ich finde ganz wichtig, dass die Polizei nahe an der Forschung bleibt, dass man Kulturwissenschaftler einbezieht, Sozialwissenschaftler, dass all diese Positionen auch ein Teil der Polizei sein müssen.

Es geht auch um Ideologien und Bewusstsein. Kann Comedy eine Beitrag leisten?

Definitiv. Das ist, was ich seit Jahren mache: Einen Raum herstellen, in dem man die Sache anders verhandeln darf. Es geht nicht um die Frage, wer schuld ist. Man kann eine andere Perspektive einnehmen.

Rechte Drohungen an Idil Baydar: Die Kraft der Comedy

Was treibt Sie um, wenn Sie an die Zukunft denken?

Wir haben eine wachsende mi-grantische Bevölkerung. Ich habe Sorge, zu der Generation zu gehören, die sich nicht darum gekümmert hat, dass die nächste Generation wirklich ein besseres Leben mit den Deutschen zusammen hat. Das ist das, was mich am meisten antreibt. Ich komme aus der Jugendarbeit und ich wünsche diesen Kindern einfach nur ein schönes Deutschland.

Kürzlich haben Sie erzählt, sie wollten Frankfurt verlassen. Ist das ernst gemeint?

Ja, das ist schon ein bisschen ernst gemeint. Ich merke, dass mir die Vertrautheit fehlt. Dadurch, dass ich keine Frankfurterin bin, mich in der Stadt nicht sehr gut auskenne. Berlin bietet mir einfach das Gefühl: Ich kenne meinen Kiez, ich kenne meine Leute, ich weiß, wer wo ist, wer was macht. Das gibt mir das Gefühl, mich sicherer zu fühlen. Es liegt nicht an Frankfurt. Es liegt mehr an der Situation, dass ich mich ein bisschen entwurzelt fühle und zu viel gearbeitet habe. Dafür ist keiner verantwortlich. Auch nicht die Polizei. (lacht)

Interview: Pitt von Bebenburg

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